Struktureller Machtmissbrauch im Theater

KulturParlamentsreport

Seit den jüngsten Enthüllungen über die Zustände am Theater Erfurt rückt ein Thema in den Fokus, das weit über die Theatermauern hinausreicht: struktureller Machtmissbrauch im Kulturbetrieb. Die aktuellen Vorgänge stellen das Intendantenmodell als Ganzes infrage. Denn Erfurt ist kein Einzelfall.
Wir sehen die Vorfälle als Symptom eines tieferliegenden Problems im deutschen Theaterbetrieb. Das traditionelle Intendantenmodell, bei dem ein einzelner künstlerischer Leiter nahezu uneingeschränkte Macht über Produktionsentscheidungen und Personalführung hat, begünstigt Strukturen, in denen Machtmissbrauch gedeihen kann. Die geringen Beteiligungsmöglichkeiten von Mitarbeitenden an Entscheidungsprozessen und die Konzentration von Macht in den Händen Einzelner führen zu einem intransparenten und hierarchischen System.

Für ein zeitgemäßes Theatermodell: Partizipation und Transparenz

Es ist an der Zeit, das Intendantenmodell zu überdenken und zeitgemäße Strukturmodelle zu fördern, die auf Partizipation und Transparenz basieren. Kollektive Leitungsgremien, in denen verschiedene Stimmen gehört werden und Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen werden, können eine demokratischere und gerechtere Arbeitsumgebung im Theater schaffen. Hierbei sollten nicht nur künstlerische Belange, sondern auch die Interessen des gesamten Ensembles und der Mitarbeitenden einfließen. Positivbeispiele wie das Theaterhaus Jena und zahlreiche partizipative Prozesse in der freien Szene zeigen, dass das möglich ist.

Politik in der Verantwortung: Für eine Reform des Theaterbetriebs

Deshalb liegt es jetzt auch an uns, denn die Politik trägt eine Mitverantwortung für die Strukturen im Theaterbetrieb. Wir setzen uns dafür ein, dass eine Reform des Theatermodells auf politischer Ebene diskutiert und vorangetrieben wird. Dies erfordert nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Strukturen, sondern auch die Schaffung von Anreizen für zeitgemäße Modelle, die auf Fairness und Gleichberechtigung basieren. Die aktuellen Vorfälle in Erfurt sind ein Weckruf, die Strukturen im deutschen Theaterwesen zu hinterfragen und Veränderungen anzustoßen. Partizipative Entscheidungsprozesse und Transparenz auf allen Ebenen sind nicht nur im Sinne der Künstlerinnen und Künstler, sondern auch im Interesse eines vielfältigen und lebendigen Kulturbetriebs.
Wir wollen deshalb in der ersten Jahreshälfte auf laufende Diskussionsprozesse in der Theaterszene, wie beim Deutschen Bühnenverein, eingehen und uns mit einer Veranstaltung mit Akteuren aller Bereiche genau zu diesen Fragen auseinandersetzen und Lösungsansätze für die Zukunft erarbeiten.

 

Zum Hintergrund

Hintergrund ist der Verdacht auf sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch am Theater Erfurt. Die Stadt hatte im Herbst die Staatsanwaltschaft und die Berliner Anwaltskanzlei eingeschaltet. Gegen wen sich die Vorwürfe konkret richten, ist bislang ebenso unklar wie das Ausmaß der Vorwürfe. Der Generalintendant wurde Mitte Januar 2024 beurlaubt.
Bereits Anfang November hatte die Stadt Erfurt ihrer Gleichstellungsbeauftragten fristlos gekündigt, nachdem diese Vorwürfe sexuellen Missbrauchs öffentlich gemacht hatte. Die Vorfälle sollen teils aktuell sein, teils mehrere Jahre zurückliegen. Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) hatte Witzmann daraufhin unter anderem eigenmächtiges Handeln vorgeworfen. Witzmann hat gegen die Kündigung geklagt. Der Prozess läuft.

 

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