Europa und seine Regionen Grundlage für internationale Interessen Thüringens

Parlamentsreport

Den ersten Teil des Berichts finden Sie in der letzten Ausgabe des Parlamentsreports.  

Vom 6. – 7. November war der Ausschuss für Europa, Kultur und Medien auf einem Arbeitsbesuch in Straßburg, dem offiziellen Sitz des Europäischen Parlaments, um mit verschiedenen politischen und außerpolitischen Akteuren ins Gespräch zu kommen.
 

Jugend braucht Teilhabe
Eines dieser Gespräche war mit Tobias Flessenkemper, Leiter der Jugendabteilung des Europarats. Er gab Einblicke in die Arbeitspraxis und unterstrich dabei die Bedeutung der aktiven Förderung der Jugend und deren Teilnahmemöglichkeiten an europäischen Entscheidungsprozessen. Zielgruppe der Jugendabteilung sind vor allem Multiplikatoren wie Jugendgruppenleiter sowie bereits in nationalen Jugendringen engagierte junge Erwachsene, die sich in Projekten des Europarats gemeinsam einbringen und ihre Erfahrungen wiederum weitergeben können. Jährlich nehmen etwa 8000 Jugendliche an Veranstaltungen in Straßburg teil, während rund 200 Projekte in den Mitgliedsländern der europäischen Union durchgeführt werden, wobei die Teilnehmer:innenzahlen variieren. Die Jugendlichen sind bereits an der Projektauswahl beteiligt. Durch die offenen Förderbedingungen sieht man bereits an den Anträgen, welche Themen die Jugendlichen in der EU bewegen und wo Handlungsbedarf besteht. Selbst nicht geförderte Projekte bieten damit einen klaren Mehrwert. Cordula Eger, Sprecherin für Familie und Senioren, betont: „In Zeiten schwindender Räume für die Verwirklichung von Jugendlichen ist es wichtig zu zeigen, dass es Begegnungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten gibt. Als zukünftige Gestalter:innen unserer Gesellschaft können sie sich hier aktiv in Projekten einbringen, die dazu beitragen, die Herausforderungen der EU zu reflektieren. Die Förderung der Jugendbeteiligung in europäischen Entscheidungsprozessen ist ein Schlüssel zur Gestaltung einer inklusiven und zukunftsorientierten europäischen Union.“

Erhalt des Weltkulturerbes
Ganz andere Aspekte wurden beim Besuch im Straßburger Münster deutlich, wo Dr. Sabine Bengel, Kunsthistorikerin der Münsterbauhütte, am Beispiel der Kathedrale Probleme rund um den Erhalt von Weltkulturerbe erläuterte. So wurden die Unterschiede der deutschen und französischen Förderpolitik in diesem Kontext deutlich, bedingt durch den Zentralismus Frankreichs. Anders als im deutschen Modell gibt es in Frankreich keine großen Sanierungsprogramme mit Ko-Finanzierung von Bund und Ländern. Objekte, die nicht als nationale Denkmäler gelten, erfordern volle Finanzierung durch die Kommunen, was eine grundlegend unterschiedliche Kulturförderlandschaft schafft. Diese Erfahrung lehrt, dass das deutsche Modell, geprägt von einer koordinierten Zusammenarbeit auf föderaler Ebene, effektiver und nachhaltiger in der Denkmalsanierung ist.

Der europäischer Gedanke
Unterschiede zwischen deutschem und französischem Recht wurden im bei dem Besuch des Fernsehsenders arte angesprochen, die sich hier insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Arbeitsrechtssysteme in der Länderübergreifenden Arbeit zeigen. Während des Gesprächs mit Marysabelle Cote, Verwaltungsdirektorin und Vorstandsmitglied des Senders, und mehreren Mitarbeiterinnen, erhielt die Delegation nicht nur zahlreiche Informationen, sondern auch sehr praxisnahe Einblicke in die Arbeitsweise und die Herausforderungen von arte, für den der europäische Gedanke von Anfang an die Grundlage für die inhaltliche Ausrichtung bildete. Einblicke gab es vor allem in die digitale Arbeit, in welcher der Sender europäischer Vorreiter war - seit 2005 mit der parallelen digitalen Übertragung des regulären Programms, einer Mediathek seit 2007 und der Audio-Plattform ArteConcert seit 2009.

Inzwischen gibt es die Mediathek in sechs Sprachen, um mehr EU-Bürgerinnen und Bürger zu erreichen. Bei der Produktion der Inhalte kooperiert der Sender dafür intensiv mit verschiedenen internationalen Partner:innen. Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass die Online-Auftritte manuell „kuratiert“ werden, um sie optimal an die Zielgruppen in verschiedenen Ländern anzupassen. Ein weiteres interessantes Detail ist die Produktion des wöchentlichen Nachrichtenmagazins, das als einziges vor Ort in Straßburg in vier Sprachen produziert wird. Obwohl die Inhalte gleich sind, erfolgt gegebenenfalls eine unterschiedliche Kontextualisierung. Trotz dieser fortschrittlichen Entwicklungen zeigt die Mediathek von arte immer noch ein relativ hohes Durchschnittsalter. Daher geht der Sender proaktiv auf Plattformen wie TikTok zu, um möglichst alle Zielgruppen zu erreichen und sich weiterhin als vielseitiger, innovativer Sender zu positionieren. „Der Besuch bei arte hat eindrucksvoll verdeutlicht, wie die europäische Zusammenarbeit nicht nur den kulturellen Austausch, sondern auch die Medienlandschaft bereichert. Arte unterstreicht die Bedeutung eines gemeinsamen europäischen Gedankens in der Medienbranche, der die Vielfalt der Inhalte und die Interessen der Zuschauer in unterschiedlichen Regionen berücksichtigt“, so André Blechschmidt, medienpolitischer Sprecher der Fraktion.

Europäische Zusammenarbeit
Abgerundet wurde der Besuch in Straßburg mit einem Gespräch mit Jean-Baptiste Cuzin, Direktor für grenzüberschreitende, europäische und internationale Zusammenarbeit, der Einblicke in die Arbeitsweisen der Région Grand Est gab. Die Region Grand Est spiegelt exemplarisch die engen Verflechtungen zwischen der Europäischen Union und den Regionen wider, die Cuzin unter anderem am Beispiel des europäischen Bleiverbots verdeutliche. Grand Est zeigt dabei eine bemerkenswerte Herangehensweise: Die Region setzt ihre „manpower“ insbesondere dort ein, wo keine gut organisierte Lobby auf europäischer Ebene existiert. Dieses Engagement verdeutlicht nicht nur die Herausforderungen, vor die die Region durch EU-Regularien gestellt wird, sondern auch die aktive Rolle, die sie dabei spielt, innovative Lösungen voranzutreiben. Grand Est nutzt seine Ressourcen und Einflussmöglichkeiten, um nicht nur die regionalen Interessen zu vertreten, sondern auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung von umweltfreundlichen Produktionsmethoden zu leisten. Damit wird die Region zu einem wichtigen Akteur in einem komplexen Zusammenspiel zwischen lokalen Belangen und europäischen Vorgaben.
Insgesamt ermöglichte das umfangreiche Programm tiefe Einblicke in verschiedene politische, kulturelle und medienpolitische Aspekte und verdeutlichte die vielfältigen Verflechtungen zwischen Europa und den Regionen – essenzielle Grundlage, um die Interessen Thüringens auch in Zukunft nicht nur im regionalen, sondern europäischen Kontext erfolgreich zu vertreten.

 

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