Feiertage sind kein Konjunkturhemmnis
Die Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag lehnt den Vorschlag des DIHK-Präsidenten Adrian, den Pfingstmontag als Feiertag zu streichen ab. „Dies wäre ein sozialpolitischer Rückschritt“, sagt Lena Saniye Güngör, arbeitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Feiertage seien keine verzichtbaren Extras, sondern notwendige Erholungszeiten. Wer sie streiche, erhöhe die Arbeitszeit faktisch ohne Ausgleich — zulasten der Beschäftigten.
„Die Forderung des DIHK-Präsidenten ist nicht nur ignorant gegenüber der Bedeutung von Arbeitsfreizeit für die Gesellschaft, sondern zudem ökonomisch unsinnig. Sie steht exemplarisch für eine veraltete Vorstellung von Arbeit, die Menschen als bloße Produktionsfaktoren betrachtet, während moderne Volkswirtschaften längst wissen: Mehr Wachstum entsteht nicht durch weniger Feiertage, sondern durch kluge Innovations- und Sozialpolitik. Adrian beruft sich auf den OECD‑Vergleich von Jahresarbeitsstunden, behauptet ein Defizit von rund 400 Stunden und schlussfolgert, da müsse man ran. Doch eine inferentielle Brücke von mehr Stunden zu mehr Wertschöpfung hält einer empirischen Betrachtung nicht stand. Logische Relevanz erfordert nicht nur Korrelation, sondern Kausalität und die ist schlicht nicht belegt“, führt Güngör aus.
Güngör stützt die Zurückweisung des Vorschlags des IHK-Chefs auf empirische Befunde: „Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat in mehreren Realexperimenten der vergangenen Jahrzehnte belegt, dass die Streichung von Feiertagen keinerlei Wachstumsimpulse setzt. Im Gegenteil: Bundesländer mit zusätzlichen Feiertagen oder Feiertagszuwächsen entwickelten sich oft wirtschaftlich sogar besser. So wuchs das nominale BIP in Berlin im Jahr der Einführung des Internationalen Frauentags als Feiertag um zwei Prozentpunkte stärker als im Bundesschnitt.“
„Das ist insofern bemerkenswert“, fährt die Abgeordnete fort, „als dass Adrian auf die Notwendigkeit verweist, insbesondere Frauen in Vollzeit zu bringen. Auch das würde ich als Kurzschluss in der Denkleistung ausweisen: Fehlende Kinderbetreuung wird eben nicht dadurch kompensiert, dass wir Arbeitnehmer:innen Erholungszeiten entziehen. Produktive Wirtschaft und Geschlechtergerechtigkeit entstehen durch Infrastruktur und nicht durch Feiertagsabbau. Wer also Wachstum wirklich will“, so Güngör weiter, „sollte sich um verlässliche Kinderbetreuung kümmern, um Arbeitsbedingungen, die Menschen gesund bleiben lassen, und um eine gerechte Bezahlung. Gerade in Thüringen haben wir erlebt, dass die Einführung des Weltkindertags als Feiertag allenfalls minimale Effekte hatte. Die Ursache liegt nicht in einem zusätzlichen freien Tag, sondern in den strukturellen Herausforderungen ostdeutscher Wirtschaftsentwicklung“, so Güngör weiter.
„Adrian sieht offenkundig nicht, dass jemand, der freie Tage streichen will, nicht nur die Lebensqualität der Beschäftigten angreift, sondern gleichzeitig auch ihre produktive Kraft. Denn ohne Erholung, ohne Zeit für Familie, Ehrenamt oder schlicht Müßiggang sinkt auch die Arbeitsleistung. Das ist empirisch wie sozialpolitisch kein Geheimnis, sondern Common Sense oder sollte es zumindest sein“, erklärt die Fachpolitikerin.
Die Linke in Thüringen stehe daher klar gegen jeden Angriff auf bestehende Feiertage. Wer Debatten über Arbeitszeit führen will, sollte, so Güngör, lieber über Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich sprechen, über eine gerechte Verteilung von Erwerbsarbeit, nicht über noch mehr Stunden im Jahr – auf Kosten der Beschäftigten. „Wer die Produktivität in Deutschland steigern will, soll sich endlich an die wirklichen Wachstumsbremsen wagen: an niedrige Löhne, an kaputte Infrastrukturen, an die Unterfinanzierung öffentlicher Daseinsvorsorge und an die strukturelle Ungleichheit zwischen Ost und West. Alles andere ist von Zynismus getragene Symbolpolitik auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“, so Güngör abschließend.

