Pflege darf nicht zum Luxusgut werden
Vor dem Hintergrund der aktuellen Pflegestatistik für Thüringen und wachsender Versorgungslücken in der ambulanten Pflege warnt die pflegepolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag, Lena Saniye Güngör, vor einer zunehmenden sozialen Spaltung beim Zugang zu Pflegeleistungen: „Wir erleben ein System, das viele Menschen strukturell, personell und finanziell überfordert. Wer heute auf ambulante Pflege angewiesen ist, muss oft warten, kämpfen oder tief in die Tasche greifen. Das widerspricht allem, wofür Pflege eigentlich stehen sollte: Fürsorge, Würde, Verlässlichkeit. Pflege darf kein Menschenrecht auf Abruf sein, sondern muss für alle erreichbar, bezahlbar und menschenwürdig gestaltet sein.“
Die Zahlen seien alarmierend: Über 190.000 Menschen in Thüringen gelten inzwischen als pflegebedürftig, das sind fast 10 Prozent der Bevölkerung. Doch über die Hälfte erhält ausschließlich Pflegegeld und stemmt die Pflege im privaten Umfeld. „Das sind vor allem Frauen, die zwischen Beruf, Familie und Pflegepflichten zerrieben werden“, betont Güngör. Gleichzeitig müssten ambulante Pflegedienste in vielen Regionen Anfragen ablehnen, weil Personal fehle. „Die Versorgung wird zum Zufall – abhängig davon, ob der nächste Pflegedienst noch Kapazitäten hat. Das ist nicht hinnehmbar.“
Ein Kernproblem sei die chronische Unterfinanzierung der Pflegeversicherung. Laut AOK-Pflegeatlas zahlen trotz Versicherung Pflegebedürftige in Thüringen heute im Schnitt über 1.800 Euro monatlich zu. „Pflege darf nicht arm machen. Wir brauchen eine Pflege-Vollversicherung, die alle pflegerischen Leistungen solidarisch absichert. Was nützt ein Versicherungssystem, das im Ernstfall im Stich lässt und Menschen auf Rücklagen oder an Angehörige verweist“, fragt die Abgeordnete.
Auch in der Infrastruktur sieht sie dringenden Reformbedarf. Zwar sei die Zahl der ambulant betreuten Pflegebedürftigen gestiegen, doch das reiche nicht aus, um den Bedarf aufzufangen. Pflegekräfte seien überlastet, viele Dienste verzweifelt auf der Suche nach Personal. „Der Markt“, so Güngör, „reguliert hier gar nichts, er produziert Mangel. Deshalb braucht es politische Steuerung, faire Löhne, Ausbildungsoffensiven und eine entschlossene Fachkräftegewinnung, auch international, aber ohne Ausbeutung und mit schneller Anerkennung.“
Auch neue Versorgungsformen wie kommunal getragene MVZ oder niedrigschwellige Gesundheitskioske sieht die Fraktion als wichtige Bausteine. „Wir brauchen wohnortnahe Strukturen und nicht immer neue Wettbewerbsideologien. Wenn MVZ Versorgung sichern und Ärztinnen sowie Ärzte entlasten, dann ist das im Sinne der Patientinnen und Patienten. Und wenn Gesundheitskioske Beratungs- und Basisleistungen dorthin bringen, wo der Bedarf am größten ist, dann sollten wir in Thüringen mutig vorangehen“, so Güngör.
Zum Abschluss richtet sie sich mit einem Appell an Land und Bund: „Wenn wir weiter so tun, als ob der Pflegenotstand nur ein Betriebsunfall sei, steuern wir auf eine Versorgungskatastrophe zu. Thüringen muss mit klaren Prioritäten gegenhalten: Menschen vor Märkte. Solidarität vor Rendite. Und Pflege als das begreifen, was sie ist: ein Menschenrecht.“
Dateien
- Leitlinien_fuer_eine_vernetzte_Gesundheitsversorgung_in_Thueringen.pdf
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