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Das aktuelle Interview - Tilo Kummer

„Auch in Thüringen ist Personalabbau im Forst geplant“

Tilo Kummer, Forstexperte der Linksfraktion, äußert sich im Aktuellen Interview zur Notwendigkeit des Waldumbaus in Thüringen, zur falschen Strategie der Landesregierung, die zu einem Personalabbau um Forst führen wird und zu den Gefahren klimaschädigender Verkehrsemissionen.

Gegenwärtig erfreuen sich viele Menschen in Thüringen direkt an Nadelbäumen – an den Weihnachtsbäumen nämlich, die in den meisten Wohnungen stehen. Doch es gibt Probleme. Sie haben unlängst gewarnt, dass hierzulande Waldumbaumaßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel nötig sind.

Stimmt, Waldumbau ist notwendig. Und zwar deshalb, weil wir in Thüringen zu großen Teilen die Fichte als Wirtschaftsbaum angebaut haben, der gewählt wurde, um die Bedürfnisse der Industrie zu berücksichtigen. Auf vielen Standorten ist die Fichte aber einfach ungeeignet, sie braucht viel Wasser und gerade auf kalkhaltigen Standorten wird sie das im Zusammenhang mit dem Klimawandel sicher nicht bekommen. Außerdem war im Thüringer Wald ein großes Waldbruchereignis zu verzeichnen, nach dem Zweiten Weltkrieg. In der damaligen Notzeit wurde mit Fichten aufgeforstet, die aus Tieflandstandorten kamen, die also nicht an die rauen Gegebenheiten des Mittelgebirges angepasst sind. Sie haben zu große Kronen, dementsprechend gibt es auch jetzt wieder viel Schneebruch, obwohl die Schneemengen gar nicht so groß sind. Hier müssen standortangepasste Bäume hin, es muss ein höherer Laubbaumanteil in den Wald gebracht werden, das geht aber nicht in diesen dichten Fichtenbeständen, die wir haben. Deshalb müssen hier Einzelbäume vorsichtig entnommen werden und Licht in die Wälder gebracht werden. Das braucht viel Personal, es ist aber in der gegenwärtigen Zeit, bei den recht hohen Holzpreisen, doch lukrativ.

Die Landesregierung plant Umstrukturierungen im Landesforstbetrieb. Ein sinnvoller Ansatz?

Ich bin skeptisch. Die Landesregierung hat sich für eine Umstrukturierung des Landesforstbetriebs in eine Anstalt öffentlichen Rechts entschieden. Mit der Gründung dieser Forstanstalt sollen 478 Abbaustellen im Ministerium entfallen, das heißt, die werden irgendwie in den Forst hinein übertragen. Und das, obwohl wir im Moment schon massive Personalprobleme im Forst haben. Wir haben also für den notwendigen Waldumbau gar nicht mehr die Leute. Den Förstern wird gesagt, die Anstalt werde gegründet, damit man endlich wieder Leute einstellen kann. In Wirklichkeit haben wir in Vergleichsländern, wo auch solche Anstalten gegründet wurden, immer zu verzeichnen gehabt, dass Personal abgebaut wurde. Und wenn man sich dann ansieht, dass massiv Geld eingespart werden soll, mit dieser Anstaltsgründung, auch hier in Thüringen, und Tarife gleichbleiben, Einnahmen sich nicht wesentlich ändern, dann gibt es nur einen Schluss: auch in Thüringen ist dieser Personalabbau im Forst geplant. Damit steht natürlich nicht das notwendige Personal zur Verfügung, um zu dichte Fichtenbestände aufzulockern, einzelne Bäume herauszunehmen, das alles umweltverträglich zu machen, beispielsweise ohne große Bodenverdichtung. Das heißt, wir brauchen eigentlich mehr Waldarbeiter, mehr Förster in der Fläche – und werden durch die Landespolitik das Gegenteil verwirklicht bekommen.

Ist es tatsächlich so, dass die aktuellen Holzpreise einen Waldumbau mit vorsichtigem Einschlag für Thüringen sogar profitabel wären?

Wir hatten im vergangenen Jahr einen gewaltigen Anstieg des Holzpreises zu verzeichnen und sind im Moment in Bereichen, wo sogar die Gewinnung von dünnem Holz für Zellulose, für Fasern, lukrativ wäre. Die Industrieholzpreise sind sehr, sehr hoch, die Sägeholzpreise sind sehr, sehr hoch, so dass man also gerade in dem Segment der Fichte, die heute um die 60 Jahre alt ist, durchaus schwächere Bäume herausnehmen kann und die zu so guten Konditionen vermarkten kann, dass es sich rechnet. Was ich völlig unverständlich finde, ist, dass die Landesregierung im Landeshaushalt von einem Holzpreis von 45 Euro pro Festmeter ausgegangen ist und das, obwohl wir wirklich einen gravierenden Preisanstieg hatten. Ich gehe davon aus, 50 bis 55 Euro sind problemlos zu erlösen, der bayrische Landesforst hat im letzten Jahr einen Durchschnittspreis von 65 Euro erlöst. Solche Gegebenheiten muss man zur Kenntnis nehmen, da ist dringend zu prüfen, wenn Thüringen wirklich so schlechte Verträge macht, ob das alles mit rechten Dingen zugeht. Ansonsten kann ich mir auch vorstellen, dass man gezielt mit niedrigen Preisen in die Haushaltsdebatte gegangen ist, um sich einen Puffer zu schaffen, mit der sich die Anstalt dann „schönrechnen“ lässt.

Was ist über das bereits Gesagte hinaus noch nötig, um die Wälder in Thüringen zu schützen – Stichwort Belastung durch Abgase?

Thüringen muss dringend beim Verkehr umsteuern. Das ist auch aus energiepolitischer Sicht wichtig. Der einzige Bereich, in dem der Ausstoß von klimaschädigenden Gasen massiv zugenommen hat in den letzten Jahren, ist der Verkehrsbereich. Wir haben durch den Verkehr aber nicht nur die klimaschädigenden Gase, sondern in Verbrennungsmotoren entsteht Stickoxid und dieses Stickoxid schlägt sich auf den Waldboden nieder, das heißt, es ist ein Düngeeffekt. Zusammen mit dem Klimawandel, mit einer Temperaturerhöhung, ist das Holzwachstum deutlich schneller, während früher acht Festmeter pro Hektar zuwuchsen, sind es jetzt zehn Festmeter, also zwanzig Prozent mehr. Das führt aber nicht zu einer höheren Stabilität. Ein Waldboden ist von Natur aus ein nährstoffarmer Boden und durch diese Einträge hauptsächlich aus den Verkehrsemissionen wird der Waldboden immer nährstoffreicher. Außerdem wird er immer saurer, so dass auch im letzten Jahr wieder verstärkt Kalkungsmaßnahmen angelaufen sind, um den Wald zu stabilisieren. Das sind also auch Folgekosten, die entstehen. In Anbetracht dieser Situation sollte man dringend überlegen, wie es gelingt, dass Menschen verstärkt die öffentlichen Verkehrmittel nutzen.

Das Gespräch führte Stefan Wogawa.

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