Das Aktuelle Interview - Ina Leukefeld
„Wer gute Fachkräfte haben will, muss diese ordentlich bezahlen!“
Ina Leukefeld, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, zum künftigen Fachkräftebedarf in Thüringen, den notwendigen Maßnahmen, um diesen zu sichern und zur Forderung der LINKEN nach einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn.
Thüringens Wirtschaftsminister hat in seiner Einschätzung der aktuellen Arbeitsmarktlage Probleme zugegeben. Wo liegen die aus Ihrer Sicht, aus Sicht der Linksfraktion?
Wir sagen, ein Jobwunder in Thüringen, das gibt es so nicht. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar rückläufig – das ist erfreulich, darüber freuen wir uns auch -, aber wir müssen uns schon anschauen, um was für eine Qualität der Arbeitsplätze es sich handelt. Da ist es eben leider so, dass knapp die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse prekärer Natur sind, das heißt also Leiharbeit, Mini- und Midi-Jobs, geringfügige Beschäftigung, Aufstocker, die gar nicht aus Hartz IV rauskommen. Wir haben auch die „Generation Praktikum“, junge Absolventen von Hochschulen, die überhaupt keine richtige Anstellung finden und viele Menschen, die nur befristete Arbeitsverträge bekommen. Die können demzufolge auch nicht planen, können sich hier in Thüringen ihre Zukunft nicht aufbauen und wandern deswegen ab, was dann natürlich schon zu einer problematischen Situation auf dem Arbeitsmarkt führt und vor allem zu einer problematischen Situation der Menschen, die davon betroffen sind.
Schwerpunkt des Fachgesprächs der Linksfraktion am 12.1. war aber die Sicherung des Fachkräftebedarfs. Ein falsches Thema angesichts der eben erläuterten Situation?
Nein, überhaupt nicht. Das Thema Fachkräfte ist ja in aller Munde. Die Betonung schwankt immer, von einem – wie ich meine – tatsächlichen Fachkräftebedarf, der existiert, weil man immer überlegen muss, wie sich das Land Thüringen weiterentwickelt, in welchen Bereichen es Zukunftsperspektiven gibt, während andere einen vermeintlich dramatischen Fachkräftemangel überbetonen. Letzteres sehe ich derzeit nicht. Aber natürlich muss man sich darauf einstellen, wie gute Ausbildung und gute Arbeit in Thüringen gesichert werden können.
Die Einladung zum Fachgespräch war an Experten gerichtet, an Praktiker. Wer ist der Einladung gefolgt?
Wir waren etwa 25 Personen. Ich habe mich gefreut, dass Professor Behr aus dem Wirtschaftsministerium dabei war. Wir haben mit ihm ja schon zusammengearbeitet und über die Zukunft der Arbeitsmarktpolitik gesprochen, als er noch Hochschullehrer und Sozialforscher an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena war. Das hat das Fachgespräch sehr bereichert. Vertreter der Kammern waren da, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband – sehr wichtig, da wir künftig einen großen Bedarf an Fachkräften in der Sozialwirtschaft haben werden, vor allem bei Gesundheits- und Pflegeberufen –, aber auch die neue Vorsitzende des Landesfrauenrates, Frau Eisner, Vertreter des DGB und der Regionaldirektion der Arbeitsagentur waren auch anwesend. Eine gute Mischung von Experten also, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und eine anregende Diskussion führen konnten.
Welche Ergebnisse wurden erzielt?
Wir sind jetzt dabei, die Diskussion aufzuarbeiten und zu analysieren. Auf jeden Fall ist es richtig, dass wir als Landtagsfraktion DIE LINKE uns dieses Themas annehmen. Das Wirtschaftsministerium hat erneut eine Fachkräftestudie in Auftrag gegeben, die wird permanent alle zwei Jahre fortgeschrieben. Dort wird deutlich, wie der Fachkräftebedarf in Thüringen bis zum Jahr 2020 aussieht. Unsere Absicht ist es, im Landtagsplenum die Ergebnisse der aktuellen und der künftigen Fachkräftestudien zu thematisieren und dort unsere Fragen vertiefend an die Landesregierung zu richten. Natürlich werden wir mit einem eigenen Anspruch, mit eigenen Vorschlägen aufwarten. Dazu wird zum Beispiel gehören, dass wir ein Konzept zur Sicherung von Fachkräften im Gesundheits- und Sozialbereich einfordern, einschließlich durchzuführender Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und natürlich auch der Möglichkeiten von Umschülern, die vielleicht in diesen Bereichen eine Perspektive haben. Und außerdem muss man überlegen – im Fachgespräch ist das auch angesprochen geworden – dass es eine höhere Qualität in der Berufsausbildung und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Schulen, Berufsausbildungsstätten und der Wirtschaft geben muss. Auf der anderen Seite müssen wir uns mehr Gedanken machen, das vorhandene Potential von Arbeitskräften – ich sage es einmal vereinfachend: von Menschen, die hier in Thüringen leben und derzeit am Arbeitsmarkt nicht partizipieren – zu nutzen. Da denken wir an die Pendler, die gut in Thüringen gebrauchen könnten, an ältere Arbeitnehmer, die unter Nutzung von Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen ihre Leistungsfähigkeit erhalten können, auch an Frauen, die nur in Teilzeit oder in Minijobs tätig sind. Alle genannten Gruppen sind geeignet, sie entsprechend zu qualifizieren und als Fachkraft in Vollzeit zu gewinnen.
Um noch einmal auf den Beginn unseres Gesprächs zu kommen: welche Auswirkungen hat das Anwachsen des Sektors der prekärer Beschäftigung auf die Frage der Fachkräftesicherung?
Wir müssen umsteuern. Es ist auch bei der Diskussion deutlich geworden, dass die Wirtschaft etwas tun muss. Ich habe das dort auch ausdrücklich so formuliert: wer gute Fachkräfte haben will, muss diese gewinnen, muss sie halten, muss sie ordentlich bezahlen. Die Zweit ist vorbei, wo es ausreicht, die Hand aufzuhalten und sich von der Landesregierung, dem Bund, der EU – also von der Politik – Fachkräfte auf dem silbernen Tablett servieren zu lassen. Dazu sind mehr eigene Anstrengungen der Wirtschaft nötig. Und natürlich muss prekäre Beschäftigung eingedämmt werden. Dazu gehört, dass wir uns für den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einsetzen, dazu gehört, dass es zu einer tariflichen Entlohnung kommt und dass Arbeitnehmerrechte gestärkt werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Stefan Wogawa.

