Zum Hauptinhalt springen

Blick in das Lager und in die Gesellschaft – Interview mit der Fraktionsvorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow zum Besuch der neuen Dauerausstellung in KZ-Gedenkstätte Buchenwald

Im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung hat die Linksfraktion kürzlich die neu eröffnete Dauerausstellung „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945.“ in der Gedenkstätte Buchenwald besichtigt, mit welchen Eindrücken?

Erschüttert hat uns vor allem die in der neuen Dauerausstellung sehr gelungen dargestellte Verbindung zwischen den unfassbaren Verbrechen im Konzentrationslager mit den gesellschaftlichen Prozessen. Die reibungslose Nachbarschaft von Weimar und Buchenwald ist ein eindrückliches Beispiel: Die Ausstellung verdeutlicht, wie das KZ problemlos zum Bestandteil der Stadt wird, wie Krankenhaus und Krematorium der SS für ihre Zwecke zur Verfügung stehen. Weimarer Handwerker, Spediteure und Händler machten Geschäfte mit ihr. Sie belieferten das Konzentrationslager oder profitierten von Häftlingen als Zwangsarbeiter. Rikola-Gunnar Lüttgenau, stellvertretender Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, für dessen Begleitung unseres Besuchs ich herzlich danke, unterstrich auch die neuesten Forschungsergebnisse. Danach hatte Buchenwald 139 Außenlager, 277.800 Menschen - darunter 28.230 Frauen und 30.000 Minderjährige - waren inhaftiert. Es war zuletzt das größte KZ Deutschlands, das mehr als 56.000 Menschen das Leben kostete.

Auch wenn die Fraktion der Ausstellungsbesuch noch weiter beschäftigen wird, worin siehst Du insbesondere den Verdienst der hier geleisteten Arbeit?

„Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ ist die letzte große Ausstellung, die in der Bundesrepublik gemeinsam von Überlebenden, Historikern, Museologen und Geschichtsdidaktikern auf den Weg gebracht worden ist. Sie wurde, auch darauf möchte ich hinweisen, komplementär aus Mitteln der Gedenkstättenförderung des Bundes sowie vom Freistaat Thüringen mit insgesamt 3,7 Millionen Euro finanziert. Die Ausstellung zeigt die Geschichte des Konzentrationslagers auf dem neuesten Forschungsstand und bettet sie in die der NS-Gesellschaft ein. Hier wird der Blick in das Lager mit dem Blick in die deutsche Gesellschaft verbunden; eine Gesellschaft, die Lager und Ausgrenzung überwiegend akzeptierte, für gerechtfertigt und notwendig hielt, die kaum Anstoß nahm, die sich der Lager vielfältig bediente und die schließlich mit dem „totalen Krieg“ von Lagern flächendeckend durchsetzt war.

Du hast nicht zuletzt die didaktischen Grundlagen der Ausstellung gewürdigt, weil sie sowohl den internationalen Besuchern als auch besonders Jugendlichen den Zugang erleichtern.

Es ist doch sehr wichtig, dass hier rational, aber vor allem auch emotional die Besucherinnen und Besucher aus den nachfolgenden Generationen mit ihren gänzlich anderen Erfahrungshorizonten angesprochen werden. Es geht um ganzheitliche Bildungsprozesse, um Zugänge zum Leiden der Verfolgten. Und hier wendet sich die am 17. April nach vierjähriger Arbeit eröffnet neue Dauerausstellung mit ihren Inhalten und der Gestaltung an Menschen, die in nationaler Herkunft, erinnerungskultureller Prägung und medialer Erfahrung sehr unterschiedlich sind. Diese vorwiegend auch jungen Menschen erwarten von Erinnerungsorten wie Buchenwald verschiedene Antworten sowohl zur Geschichte unseres Landes als auch auf aktuelle gesellschaftliche Fragen, gegen Verharmlosung und Verleugnung. Es ist und bleibt für uns ein wichtiges Anliegen, dass wir die Arbeit der Gedenkstätten und Erinnerungsorte an die NS-Verbrechen in Thüringen aufmerksam begleiten und unterstützen. Die historisch authentischen Orte bilden einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag für eine erfolgreiche und nachhaltige Bildungs- und Geschichtsarbeit in Thüringen.

Mehr aktuelle Themen

Zurück zum Kopf der Seite