Fachtag Frauengesundheit - 28. Januar 2014
Forderungskatalog: Gesundheit anders denken
Frauen werden oft anders krank als Männer. Sie sind durch physische, psychische und sozioökono-mische Bedingungen unterschiedlich gesund und krank. So verlaufen Herzinfarkte oder Depressionen bei Frauen anders und müssen anderes diagnostiziert werden. Bisher sind noch zu häufig Männer der Maßstab der medizinischen Forschung.
Medizin, Pharmazie, Forschung und Krankenkassen müssen verstärkt die geschlechtsspezifischen Besonderheiten in den Blick nehmen und Krankheiten sowie Gesundungsprozesse von Frauen mehr Aufmerksamkeit widmen.
Grundsätzlich sollte der Fokus vom Krankheitsmanagement auf Gesundwerdung und Gesunderhal-tung gelegt werden. Natürlich müssen teure Krebsmedikamente bezahlt werden, wenn sie heilen können, gleichzeitig gilt es aber, präventive Maßnahmen und kurative Therapien jenseits von Medikamentengaben stärker zu unterstützen und die Interessen der Menschen vor die Interessen einer kosten- und gewinnintensiven Pharmaindustrie zu stellen.
Forderungen:
Entwicklung eines gendersensiblen Blicks in Medizin, Pharmazie und Forschung, z.B.
- die Leitlinien Im Gesundheitsbereich zu gendern
- Gendersensible Bedingungen an die Vergabe von Forschungsgeldern zu binden
- Die Wirkung von Medikamenten an Frauen zu erforschen
- in die Versorgungsforschung mit einzubeziehen, welches Geschlecht die/der Behandelnde hat
- Entwicklung von Operationsinstrumenten, die z.B. bei Herzoperationen für Frauen verwendet werden können
- Barrierefreiheit in Praxen, Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen der Gesundheitsversorgung
Implementierung eines gendersensiblen Blicks in Aus-, Fort- und Weiterbildung
- Integration bereits vorhandene Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Unterschiede
- Stärkere Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse und Belastungen einzelner Gruppen wie lesbi-sche und bisexuelle Frauen, Frauen mit Behinderungen, Frauen mit Migrationshintergrund und solchen ohne Papiere sowie gewaltbetroffene Frauen
Gesellschaft und Politik:
- Erstellung eines Frauengesundheitsberichtes
- Initiierung eines landesweiten Netzwerkes Frauengesundheit
- Förderung von Frauengesundheitszentren
- Überarbeitung der Thüringer Gesundheitsziele – Aufnahme des Themas Frauengesundheit
- Bessere Entlohnung von Frauen in Pflege- und Gesundheitsberufen sowie von Hebammen
- Mehr Traumatherapeutinnen und –therapeuten, insbesondere für Kinder und Frauen, die von Gewalt betroffen sind.
- Seniorinnen und Senioren, die unter Retraumatisierungen leiden
- Flüchtlinge
- Altersgerechte Kompetenzvermittlung über selbstbestimmte Sexualität, Schwangerschaft und Geburt über die gesamte Schulzeit hinweg – Einbeziehung von externen Fachfrauen wie z.B. Hebammen
- Einrichtung eines Fonds zur Übernahme von Haftpflichtversicherungen für Hebammen
- Kritische Diskussion zu Schönheits- und Körperbildern
- Diskussion zu Wechselwirkungen von Armut und Gesundheit und Entwicklung von Maßnahmen zur besseren Gesundheitsversorgung wie z.B. Ernährungsberatung und Kochkurse in Mutter-Kind-Zentren, Kochen in Kitas und Schulen von Kindern und Jugendlichen und zur Selbstversorgung
Zusätzliche Forderungen zu konkreten Problemen:
Brustkrebs:
- Bessere Nachsorge beim Verdacht auf Brustkrebs
- Mehr Forschung zur Entstehung von Brustkrebs
Häusliche Gewalt:
- Dokumentation von Akut- und Langzeitfolgen
- Themenspezifische Weiterbildungen für Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten sowie andere Beschäftigte in Gesundheitsberufen
Sexualität, Fortpflanzung und Geburt:
- Sexuelle Selbstbestimmung darf nicht an Ausgrenzung oder Armut scheitern
- Pille danach muss rezeptfrei werden
- Kostenlose Verhütungsmittel für einkommensschwache Frauen und Männer
- Präimplantationsdiagnostik: mit der Beratung darf kein ökonomischer Vorteil verbunden sein
- Bessere Betreuung nach der Geburt z.B. durch Familienhebammen oder Haushaltshilfen (In den Niederlanden gibt es die „Kram-Frauen“)
- Kritische Diskussion zu Kaiserschnitten
Wechseljahre
- Keine Renaissance der Hormontherapien – sie sollen nur nach strenger Abwägung von Nutzen und Risiko angewendet werden
Essstörungen
- mehr Prävention – in den Schulen, durch Kinderärztinnen und –ärzte, im Kinder- und Jugendbil-dungsbereich
Frauen ohne (deutsche) Papiere
- Bessere Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen und besonders Frauen, die aus geschlechtsspezifischen Gründen geflohen sind nach dem Bremer Modell, durch das sie Zugang zu Versicherungsleistungen bekommen
Pflege:
- Mehr Zeit in der Pflege z.B. zum Umgang mit retraumatisierten Menschen
- Recht auf geschlechtersensible Pflege (Frauen pflegen Frauen)
Alternative Heilmethoden:
- Freie Wahl der Therapiemethoden und Erstattung im Rahmen eines persönlichen Gesundheits-budgets über die Kassen(z.B.600,00 Euro)
- Anerkennung der Heilpraktiker_innen als Teil des gesundheitlichen Versorgungsnetzes
- Zuwendungsmedizin, z.B. Einbeziehung der Heilpraktiker_innen in das System der frühen Hilfen
- nachhaltige Förderung von Frauenkleinstunternehmerinnen z.B Heilpraktikerinnen als Gesund-heitsförderung von Frauen
