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Zeitgeschichtliche Kenntnisse Thüringer Jugendlicher

Zum Antrag der Fraktion der FDP – Drucksache 5/4666


Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Zuerst vorweg, Herr Emde, ich würde Ihnen in einem Punkt ausdrücklich widersprechen. Ich kenne sehr viele Menschen, die ein sehr hohes politisches Bewusstsein haben und auch sehr aktuell informiert sind und auch historische Kenntnisse ausreichend, vielleicht sogar mehr als manche hier im Hause, haben und die genau aus diesen Gründen nicht wählen gehen. Das heißt, ich würde es absprechen, dass es eine so einfache Logik gibt zwischen denen, die nicht wählen gehen und denen, die keine Kenntnisse haben. Vielleicht ist es auch manchmal andersherum. Ansonsten, Frau Rothe-Beinlich, Herr Emde, aber insbesondere auch Herr Minister Matschie haben schon viele klare Worte zu dieser Studie gesagt,


(Beifall Abg. Metz, SPD)


denen wir uns weitestgehend anschließen können. Einige kleine Sachen möchte ich trotzdem noch zu der Studie erwähnen, die ich persönlich und auch im Namen meiner Fraktion zumindest als kritisch einschätze und kritisch hier darlegen möchte.


Zuerst: Die Studie vergisst in ihrer Erfassung der Geschichtskenntnisse von Jugendlichen, von Schülern eines, nämlich, dass die Behauptung der Schüler, dass ihr Wissen insbesondere aus dem Geschichtsunterricht stammen würde, eine reine Selbsteinschätzung ist. Normalerweise würde ich von einer wissenschaftlichen Studie erwarten, und die Geschichtsdidaktik ist da zumindest auch schon weiter, dass sie da differenzierter herangeht, dass sie Unterrichts- und Lehrpläne, aber ebenso auch die Projekte, die zum Beispiel in Schule stattfinden, mit in die Studie einbezieht und sozusagen die Selbsteinschätzung der Schüler überprüft. Darüber hinaus geht die Geschichtsdidaktik - das ist auch schon mehrfach hier vor mir erwähnt worden - von einer sehr hohen Bedeutung der außerschulischen Faktoren aus, inwieweit diese auf das Geschichtsbewusstsein und die Geschichtsreflektion von Jugendlichen Einfluss nehmen. Das zu unterlassen und das nicht in dieser Studie zu hinterfragen, halte ich zumindest für sehr fragwürdig.

Ich finde es ehrlich gesagt auch sehr schade, wenn wir eine solche Studie in Auftrag geben, dann nur mit der Selbsteinschätzung von Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. Die Studie hat unter anderem Fragen gestellt, wie - ich möchte sie wenigstens mal für diejenigen, die sie nicht gelesen haben, hier erwähnen -, wofür steht der Begriff „Deutscher Herbst“. Daraufhin haben - ich glaube - 46,1 Prozent der Schüler und Schülerinnen geantwortet, das kennzeichnet die Wochen des Herbstes 1989 kurz vor der Wende. Da kann man sagen, das ist falsch - das haben jedenfalls die Experten der Studie so festgestellt. Ich sage, warum ist das falsch? „Deutscher Herbst“ kann natürlich auch den Herbst 1989 kennzeichnen, auch wenn damit das in den 70er-Jahren stattgefundene Vorgehen des Staates gegen den Terrorismus gemeint ist. Aber letztendlich drückt es nur einen Zeitbegriff aus. Ich glaube, dass insbesondere das Vorgehen des Staates Ende der 70er-Jahre in der Schule überhaupt nicht vermittelt wird, dass es in großen Teilen gar nicht Teil des Lehrplanes ist. Solche Fragen dann zu stellen, ist natürlich in der Auswertung, meine ich, kritisch dann zu betrachten, da der Teil des Lehrplans selten so weit geht in Bezug auf den deutschen Herbst.


Ein zweiter großer Kritikpunkt: Den Empfehlungen der Studie - ich weiß nicht, wer von den Kolleginnen und Kollegen bis zum Ende gelesen hat - fehlt meiner Meinung nach ein Großteil Grundlagen. Vorhin hatte ich schon erwähnt, dass Lehrpläne, Unterricht, aber auch Projekte und Ähnliches mehr nicht mit in den Blick genommen wurden und damit die eigentlich dargelegten Gründe für Wissensdefizite der Schüler und Schülerinnen nicht erklärt werden. Es wird sozusagen ausgehend von deren Selbsteinschätzung die Konsequenz, die Logik gezogen. Dann trotzdem Forderungen abzuleiten, hat zumindest in einem gewissen Sinne eine Form von Schlagzeilenhascherei und hat eine Form von Presse und Experten, Forscher dieser Studie bedienen sich gegenseitig in einer gewissen Panikmacherei davon, dass die Schüler und Schülerinnen in Deutschland immer dümmer, immer unwissender, immer weniger historisches Wissen sozusagen zur Verfügung hätten. Dem könnten wir uns zumindest nicht ganz anschließen.

Letztendlich ist es doch so, Studien solcher Art werden alle paar Jahre immer wieder erhoben. Kurz danach gibt es einen großen Aufschrei, kurz danach gibt es Empörung, weil angeblich weniger Wissen vorhanden wäre. Dann verflacht es meistens, bis die nächste Studie erscheint. Das historische Erinnern von uns selber an bereits solch stattgefundenen Studien und auch daran, dass die Ergebnisse vor 20 Jahren, vor 30 Jahren, aber auch vor über 100 Jahren nicht viel anders waren, sollten wir zumindest im Kopf behalten.


Zuletzt: Die Wertevermittlung, die ja in den Ergebnissen der Studie, in den Forderungen der Studie aufgemacht wird und für die Schule neu gewünscht wird, möchte ich in einem gewissen Sinn zurückweisen, und zwar deswegen: Ich glaube, wir müssten uns darüber verständigen, was Werte sind und welche Werte wir meinen. Für uns zumindest beginnt die Wertevermittlung in der Schule da, wo die Kinder, die Schüler lernen, dass das Selberdenken, das freie Wort, die freien Wahlen, aber auch die Selbstbestimmung letztendlich die Werte sind, um die es geht. Das demgegenüber stehende Reden von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung hilft meines Erachtens nicht, die Welt zu begreifen,


(Beifall Abg. Metz, SPD)


hilft meines Erachtens nicht zu begreifen, dass die Demokratie als solche möglicherweise gefährdet ist, und hilft auch nicht zu erkennen, wann die Demokratie gefährdet ist oder eben auch wann sie in Frage gestellt wird, wann sie ausgehöhlt wird. Demokratie als solche ist immer gefährdet, eben weil sie keine Selbstverständlichkeit ist. Ich glaube, wenn, ist es Aufgabe und Ziel nicht nur von Schule, sondern auch von Eltern, von Freunden, von außerschulischen Organisationen, genau da anzusetzen.

Das ist mit den in Punkt 2 von der FDP aufgemachten Forderungen nicht zu erreichen, deswegen lehnen wir den ab und hoffen ansonsten, dass Minister Matschie das, was er bereits schon angekündigt hat, dass es in der Schule wieder stärker um Projekte und Ähnliches mehr geht, umgesetzt wird, und fordern aber uns alle auf, sich mit einzusetzen, dass ein solches Wissen Schülern und Schülerinnen vermittelt wird. Danke schön.


(Beifall DIE LINKE)




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