Rückenwind für junge Menschen, die das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erlangen möchten – Thüringenkolleg Weimar erhalten: Aufnahmestopp aufheben und Strukturen sichern
Ulrike Grosse-Röthig, Die Linke:
Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen, sehr geehrter Herr Präsident, als Erstes würde ich gern dem Kollegen Hey danken für seine noch mal grundhaften Ausführungen zu Bildung und Finanzierung.
(Beifall Die Linke)
Am 13. März haben wir hier vor dem Landtag nicht unsere erste, aber doch eine sehr emotionale Demonstration zur Bildungspolitik erlebt, die gezeigt hat, wie sehr die Schülerinnen und Schüler – ich begrüße hier Kollegiaten –, aber auch die Lehrkräfte um das Thüringenkolleg in Weimar kämpfen. Auf dem Banner stand „Chancen statt Sperre“ und auf den Schildern war zu lesen „Unsere Zukunft ist kein Sparprojekt“ und „Dialog statt Begrenzung“.
In den Kommentaren unter diesem Insta-Video machen übrigens Schülerinnen und Schüler ihrem Ärger Luft, denn zukünftig werden Schülerinnen und Schüler nach dem Willen des Bildungsministeriums eben nicht mehr gemeinsam lernen, sondern mit Jugendlichen im Alter von 16 oder 17 Jahren in einer Klasse sein. Die zentrale Struktur „Gemeinsam vor Ort lernen“ wird zerschlagen, soll zerschlagen werden. Gleichzeitig sollten Schülerinnen und Schüler mit dem Argument befriedet werden, die Schließung, wir haben es eben noch mal gehört, treffe ja gar nicht sie. Wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen lässt, merkt man, dass das Kolleg eben doch wirklich eine gute Schule ist und dass man da mehr lernt als nur Mathe und Englisch. Denn dort denkt man nicht nur an sich selbst, sondern auch an die Nachfolgenden, auch wenn das für den einen oder anderen hier im Rund ein bisschen schwer nachvollziehbar ist.
Ein Kommentar bringt es auf den Punkt: Zum Kolleg gehört noch etwas anderes, ein Gefühl, diesen Weg mit anderen zu gehen. Wir alle, die dort waren und sind, haben uns aktiv dafür entschieden, nach Jahren der Arbeit oder der Ausbildung das Abitur nachzuholen. Wir kamen mit einem Rucksack voll Erfahrungen, Schicksalsschlägen oder Zweifeln. Aber um uns herum sind Menschen, die diese Lebensrealität nachvollziehen können. – Und das ist es doch, worauf es ankommt,
(Beifall Die Linke)
sich gemeinsam auf den Weg zu machen, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen, etwas Neues zu wagen. Klar, lebenslanges Lernen ist in einer Zeit diverser werdender Bildungsbiografien ein gesellschaftlicher Gewinn. Stattdessen sehen wir ein Bildungsministerium, das den dritten Schritt vor dem ersten macht: Wir erklären schon mal die Schließung in Weimar und fordern dann andere auf, die Verantwortung zu übernehmen, um die man sich dort drücken will – selbstverständlich auf eigene Kosten der Schulträger.
Wir stehen kurz vor Ostern und deshalb drängt sich zumindest mir hier der Gedanke nach Pontius Pilatus und seinen sauberen Händen geradezu auf.
Ich danke dem Rechnungshof dafür, auch wenn Frau Butzke heute nicht da ist, dass er uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass im Haushalt zwei hochdotierte Stellen für das Kolleg enthalten sind, die zwar vermeintlich Geld kosten und die Gesamtsumme auch hochtreiben, aber tatsächlich gar nicht besetzt sind. Im Namen meiner Fraktion und für alle, die auch eine zweite Bildungschance brauchen, fordere ich Sie daher auf, Strukturen sicherzustellen, die den zweiten Bildungsweg sicher weiterhin ermöglichen.
(Beifall Die Linke)
Und da reicht es eben nicht einfach, von einem Weg daherzureden, der so noch gar nicht in der Welt ist.
Der Aufnahmestopp für den Jahrgang 2026/2027 immerhin konnte bereits abgewendet werden. Außerdem sind bei der Weiterentwicklung von Bildungswegen und der Erprobung von neuen Schulkonzepten Schülerinnen und Schüler und das Kollegium der Schule kommunikativ und organisatorisch zu beteiligen, um einen gelingenden Prozess, ein Miteinander zu ermöglichen.
Politik macht man nicht von oben, das lernen Sie jetzt mal schmerzhaft, sondern zusammen mit den Menschen vor Ort. Und das sollten Ihnen auch die Reihe von Demonstrationen zeigen, die Sie seit Ihrem Amtsantritt hier erlebt haben. Es sind ja schon einige – gestern wieder vor Ihrem Haus, diesmal waren es die Förderschulen.
(Beifall Die Linke)
Seit dem Jahr 2006 stand das Thüringenkolleg immer wieder vor der Schließung und aus verschiedenen Gründen unter Druck. Immer wieder konnte diese Schließung abgewendet werden, immer wieder konnte klargemacht werden, was für eine gute Schule das Kolleg ist. Und es hat sich ja auch bis in die Reihen der CDU in Weimar herumgesprochen – vielen Dank an den Stadtrat –, dort hat man allgemein über alle Fraktionen hinweg eine Resolution beschlossen. Und auch wenn nach mahnenden Worten offenbar hier nicht mehr so viel davon zu hören und manchen das Herz in die Hose gerutscht ist, in Weimar zumindest ist man da stabil.
Entwickeln Sie das Thüringenkolleg weiter, Herr Minister, und erhalten Sie die zentrale Struktur. Nur dann hat das kostenlose Abitur auf dem zweiten Bildungsweg auch weiterhin eine Chance.
Und ich möchte meine Rede nutzen, um genau wie der Kollege Hey noch mal darauf hinzuweisen: Bildungsangebote sind nicht ausschließlich nach Effizienz und aus wirtschaftlicher Perspektive zu betrachten.
(Beifall Die Linke)
Lebenslanges Lernen und das Recht des Einzelnen auf Bildung, um die volle Persönlichkeitsentfaltung und Partizipation zu gewährleisten, gilt es zu fördern und zu unterstützen in Begleitung und Evaluation des Rechnungshofs, denn jeder in seiner Rolle.
