Lebensraum für das Rotwild verbessern, Bestände verbinden und Wanderkorridore schaffen
Jens Thomas, Die Linke:
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer am Livestream, wenn man den Titel des AfD-Antrags liest, könnte man zunächst denken: Lebensräume verbessern, Wanderkorridore schaffen, Bestände vernetzen – wer könnte etwas dagegen haben? Denn natürlich ist es richtig, dass Lebensräume von Wildtieren durch Straßen, Siedlungen und andere Eingriffe zerschnitten werden. Natürlich sind Wildtierkorridore, Grünbrücken und die Wiedervernetzung von Lebensräumen wichtige Instrumente des Natur- und Artenschutzes. Davon profitieren nicht nur das Rotwild, sondern auch viele andere Arten, von der Wildkatze über den Fischotter bis zum Luchs. Aber genau deshalb überzeugt uns dieser Antrag nicht.
Die AfD begründet ihren Antrag vor allem mit der Behauptung, die Thüringer Rotwild-Einstandsgebiete würden zu einer genetischen Verinselung des Rotwilds führen. Genau diese Behauptung hat die Landesregierung allerdings bereits in der vergangenen Legislaturperiode auf entsprechende Kleine Anfragen der AfD hin überprüft. Die Antwort war eindeutig. Der Landesregierung liegen keine Hinweise auf eine genetische Verarmung oder Verinselung des Rotwilds in Thüringen vor. Ebenso liegen keine Hinweise darauf vor, dass die bestehenden Einstandsgebiete den genetischen Austausch des Rotwilds verhindern. Auch die Bestandsentwicklung gibt keinen Anlass für die dramatische Darstellung im Antrag. Die Landesregierung bewertet die Rotwildbestände in Thüringen ausdrücklich als stabil. Die Jagdstrecken bewegen sich seit Jahren auf einem weitgehend konstanten Niveau. Von einer akuten Bestandskrise kann also keine Rede sein.
Damit stellt sich die Frage: Welches Problem sollte dieser Antrag eigentlich lösen? Die AfD leitet aus einer nicht belegten Problembeschreibung weitreichende Forderungen zur Änderung der Einstandsgebietsverordnung und des Rotwildmanagements ab. Fachlich bleibt das dünn. Hinzu kommt, der Antrag verengt die Debatte auf eine einzige Wildart. Natürlich gehört das Rotwild zu unserer heimischen Fauna. Natürlich verdient auch diese Art Aufmerksamkeit. Aber Naturschutzpolitik darf nicht allein aus der Perspektive einer einzelnen jagdbaren Art gedacht werden. Die entscheidende Frage lautet doch: Wie schaffen wir funktionierende Ökosysteme insgesamt? Wie stärken wir die Biodiversität? Wie sichern wir Lebensräume für möglichst viele Tier- und Pflanzenarten? Dazu gehören Lebensraumverbünde, dazu gehören Wildtierkorridore, dazu gehören auch Querungshilfen an Straßen. Aber all das sind keine neuen Forderungen. An vielen Stellen wird daran bereits gearbeitet.
(Beifall BSW)
Wir unterstützen die Wiedervernetzung von Lebensräumen. Wir unterstützen Maßnahmen zur Verbesserung von Wildtierkorridoren. Wir unterstützen einen funktionierenden Biotopverbund. Aber wir lehnen einen Antrag ab, der aus einer fachlich nicht belegten Problembeschreibung weitreichende Schlussfolgerungen zieht, Naturschutz auf die Interessen einer einzelnen Wildart verengt und letztlich erneut versucht, Maßnahmen des Klima-, Natur- und Artenschutzes gegeneinander auszuspielen. Danke schön.
