Unfreiwilliges Sitzenbleiben abschaffen, individuelle Förderung stärken und die Eigenverantwortung der Schulen ernst nehmen

RedenDirk MöllerBildung

Zum Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 5/5939

 

Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen hier um Rund, werte Gäste draußen vor den Bildschirmen, ein herzliches Willkommen. Herr Emde, wir wissen beide, was ein Pawlowscher Reflex ist, und der hat hier aber wirklich so was von funktioniert.


(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Schon beim Lesen der ersten Zeile geht die Diskussion von Ihnen in eine Richtung, die eigentlich, ja, Pawlowscher Reflex ist. Ideologie lässt grüßen. Ich hatte erst bei Ihren Ausführungen zum Kollegen Dregger die Idee, was soll der Bundespolitiker hier bei einer bildungspolitischen Diskussion. Nein, Sie meinten einen Jörg Dräger, den Sie hier zitierten. Der hat festgestellt, dass beim sogenannten Sitzenbleiben zwar kurzfristig gute Noten gekommen sind. Dann ist es entscheidend, diesen Text und auch diese Aussagen weiter zu lesen. Denn nach der Phase der guten Noten erfolgt ein erneutes Absinken in der Leistung. Wie gesagt, es geht außerdem nicht um die Abschaffung von Noten. Wenn ich mir also noch mal die Überschrift durchlese, auch den Antragstext und die Reaktion von Herrn Emde zur Kenntnis nehme, komme ich zu meiner Bemerkung vom Anfang zum Pawlowschen Reflex.


Meine sehr verehrten Damen und Herren, die empirische Schulforschung äußert bereits seit Jahrzehnten Kritik am Sitzenbleiben. Diese Kritik ist vor allem mit Namen wie Karl-Heinz Ingenkamp oder Elfriede Höhn verbunden, die durchaus als Pioniere in der Bildungsforschung zu bezeichnen sind. Man kann aber auch noch weiter, viel weiter zurückgehen und wird feststellen, dass die Kritik am Sitzenbleiben älter als die Existenz der SPD ist. Und dennoch wird daran festgehalten. Mein Vorredner hat ein beredtes Beispiel dafür gegeben. Aus der Pädagogik und dem übrigen Leben wissen wir, dass eine positive Motivation immer mehr erreicht als ein Zurücksetzen oder das Kleinmachen von Persönlichkeit. Herr Emde hat Sitzenbleiben als ein pädagogisches Mittel bezeichnet. Für mich ist Sitzenbleiben das Versagen von Pädagogik.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Denn wenn der Schüler das Klassenziel nicht schafft, dann soll er nicht dafür bestraft werden, sondern es müssen ihm die Möglichkeiten eröffnet werden, Gelerntes aufzuarbeiten beziehungsweise seine Wissenslücken zu schließen. Denn wozu muss man erst jemanden sitzenbleiben lassen, um dann erst den ganzen Fächerkanon der pädagogischen Möglichkeiten auszubreiten. Warum nicht vorher schon, um letzten Endes Sitzenbleiben zu verhindern. Die Schlüsselworte heißen hier also Individualisierung und Schülerorientierung und nicht Gleichmacherei, Herr Emde, was Sie diesem Antrag unterstellt haben. Wir reden also hier über eine Veränderung der schulischen Rahmenbedingungen, um Defizite beziehungsweise Unterstützungsbedarf bei den Schülerinnen und Schülern rechtzeitig zu erkennen und rechtzeitig entsprechend zu handeln. Darüber hinaus ist Sitzenbleiben teuer. Mit fast 1 Mrd. € beziffert der Bildungsforscher Klaus Klemm die Kosten, die Deutschland Jahr für Jahr dafür ausgibt. Die GEW hat einmal 2005 festgestellt, dass das ungefähr 4.700 € pro Schulkind sind. Obwohl dies alles bekannt ist, wird an dieser überholten Praxis festgehalten. Warum? Verwiesen wird in der Regel auf die Entwicklung eines Leistungsbewusstseins bzw. dass eben der Knoten bei manchem halt später platzt. Fest steht aber, die erhofften positiven Effekte des Sitzenbleibens treten nicht ein, Verweis auf Jörg Dräger. Vielmehr wird Schulversagen produziert und Lernzeit vergeudet. Zugleich werden Lernmotivationen zerstört und gewachsene soziale Bezüge zerschlagen. Das wurde durch eine Vielzahl von Studien in der Vergangenheit bewiesen. Die bereits benannten Veränderungen der Rahmenbedingungen der Schule und längeres gemeinsames Lernen halten wir für die probaten Mittel, um Wissensdefizite auszugleichen und Schulbiografien positiv zu gestalten.


Meine sehr verehrten Damen und Herren, dass meine Fraktion ein Gegner des Sitzenbleibens ist, dürfte dem Hohen Haus keine Neuigkeit sein. Wir unterstützen aus diesem Grund den Antrag von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Wir haben nur eine Anmerkung, da aus unserer Sicht ein Aspekt unerwähnt geblieben ist, und zwar die Lehramtsausbildung. Auf die Fortbildung sind Sie eingegangen. Die Ausbildung habe ich leider nicht nachlesen können. Jedoch unterstelle ich Ihrer Fraktion, dass das als Selbstverständlichkeit mit eingeschlossen ist in diesem Antrag. Mit der Abschaffung der Versetzungsentscheidung in Klassenstufen 3, 5 und 7 bzw. von der 1. bis zur 7. Klasse in den Gemeinschaftsschulen ist der erste Teil eines notwendigen Weges gegangen worden. Mit diesem Antrag gehen wir diesen begonnenen Weg konsequent weiter. Vielen Dank.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


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