Tierleid in Thüringen endlich beenden – Verantwortungsvolle Tierhaltung fördern
Aktuelle Stunde auf Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drucksache 6/6210
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte mit einem Zitat beginnen mir Ihrer Erlaubnis: „Weil unglücklicherweise zusätzlich auch noch das Telefonnetz zusammenbrach, wurden die Mitarbeiter nicht alarmiert, sonst hätten wir das Notstromaggregat angestellt und es wäre nichts passiert. Das Notstromaggregat lässt sich nur per Hand einschalten.“ So zitiert der MDR den Geschäftsführer der Bäuerlichen Produktion und Absatz Aktiengesellschaft in Käßlitz.
Aus diesem fürchterlichen Vorfall, bei dem 500 Mastschweine jämmerlich verendeten, ergeben sich – auch weil solche Vorfälle immer wieder vorkommen – für mich drei Problemkreise: Erstens: die Frage der Telekommunikation, insbesondere auf dem Land; zweitens: die technischen Anforderungen und Standards bei solchen Anlagen und drittens: die Art und Weise, wie insbesondere Schweine, Hühner und Puten in der konventionellen Tierhaltung gehalten werden.
Erstens: Wieso bricht das Telefonnetz zusammen? Ich war nicht dabei, ich kann es nur so wiedergeben, wie es berichtet wurde. Eine Erklärung könnte in der Einführung der Voice over IP, also der Internettelefonie liegen, denn dann funktioniert das Telefon nur, wenn Strom auf der Anschlussseite vorhanden ist und nicht – wie früher bei analogen Leitungen – durch die Stromversorgung auf der Seite des Providers. Das ist einer der Skandale, die mit der Privatisierung der Telekommunikation einhergingen und die fast nie thematisiert werden. Der Telekom wurde mit diesem System erlaubt, die Digitalisierung zum finanziellen Vorteil des Konzerns billigst umzusetzen. Was das für Auswirkungen haben kann, zeigt sich in diesem Fall in Käßlitz, noch dazu werden den Anzuschließenden Mehrkosten für eine kontinuierliche Stromversorgung auferlegt, die früher der Anbieter getragen hat.
Nicht zuletzt daran zeigt sich, wie kontraproduktiv Privatisierungen der Daseinsvorsorge für die Gesellschaft sind. Aber es gibt natürlich technische Lösungen auch als Standard, die eingesetzt werden müssen, dass so etwas wie in Käßlitz nicht passiert. Für das beschriebene Problem der Stromzufuhr gibt es unterbrechungsfreie Stromversorgung, im Prinzip ein Akku, der zwischen die öffentliche Stromversorgung und die Telefonanlage vor Ort geschaltet wird, sodass genügend Strom für die Telefonanlage und das Alarmsystem vorhanden wäre, wenn es einen Blackout gibt.
Ob so eine Vorrichtung vorhanden war oder nicht, wird wohl der Staatsanwalt klären müssen. Ein Betriebsleiter, der eine solche Schweinemast betreibt, muss eigentlich diesen Standard eingebaut haben.
Selbst wenn alles im Stall nach gegenwärtigem technischem Standard eingerichtet und voll funktionstüchtig gewesen wäre, wirft dieser Vorfall doch sozusagen einen Scheinwerfer auf die Probleme, die in den sogenannten modernen Schweineställen herrschen. Das sind zum einen diese vollklimatisierten Ställe selbst, die keinen Außenzugang für die Tiere oder mechanische Belüftung haben. Schon das ist für die Gesundheit der Mastschweine kritisch zu bewerten. Wenn Tiere keine Klimareize mehr haben und wenig Bewegung, dann sind sie stressanfällig, durch kleinste Vorkommnisse ist ihr Kreislauf gefährdet. Gerade in der Endmast sind diese hochgezüchteten Rassen nicht belastbar, obwohl Schweine eigentlich von Natur aus eine richtig gute Kondition haben.
Zudem finden wir in diesen modernen Ställen sehr hohe Belegdichten auf Spaltenböden, wo auch noch die Gülle hochdampft, die zwar gesetzlich erlaubt sind, die aber der Gesundheit der Tiere und natürlich dem Raumklima ganz abträglich sind.
Nicht zuletzt gibt es in solchen großen Stallanlagen kaum Flexibilität, wenn die Technik ausfällt. Denn selbst wenn Fenster geöffnet werden können, schafft das bei heißen Außentemperaturen, wie wir sie zum Beispiel in diesem Sommer erlebt haben, kaum Abhilfe.
Dies alles zeigt, dass solche Haltungsbedingungen an sich nicht geeignet sind, um gesunde, stressresistente Tiere zu erzeugen. Ich stimme Herrn Primas überhaupt nicht zu, wenn er sagt, wenn die Anlagen noch größer und besser technisiert sind, dann wäre alles besser, denn bei jedem technischen Vorgang können auch Fehler auftreten.
Aus all diesen Ausführungen wird schon deutlich, dass es Anstrengungen auf allen Ebenen geben muss, um Tierhaltung artgerecht und damit robuster zu gestalten, und auch, um den technischen Fortschritt zweckmäßig und zielorientiert zu nutzen und bereitzustellen.
Vizepräsidentin Marx:
Kommen Sie bitte zum Ende!
Abgeordnete Dr. Scheringer-Wright, DIE LINKE:
Das ist überfällig, wenn wir nicht immer wieder solche Horrorszenarien wie in Käßlitz erleben wollen. Danke.
(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
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