Konsequenzen aus der aktuell dramatischen Lage im Forst ziehen

Tilo Kummer
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Zum Antrag der Fraktion der CDU - Drucksache 6/6482

 

Vielen Dank, Frau Präsidentin. Meine sehr verehrten Damen und Herren, es war ein katastrophales Jahr für den Forst in Thüringen im letzten Jahr. Zu den Schilderungen, die es heute hier schon gegeben hat, will ich nur noch eine hinzufügen. Ich habe in meinem Leben zwei extreme Sommer erlebt. Der erste war 2003. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass in dem Bach bei uns im Dorf kein Wasser mehr floss. Das ist ein Bach, der üblicherweise zehn Fischteiche speist. Es hat bis zum Jahr 2018 gebraucht, um das Niederschlagsdefizit von 2003 wieder aufzufüllen. Im Frühjahr 2018 war das Grundwasser vom Grundwasserstand her das erste Mal wieder auf einem Niveau von vor 2003. Warum sage ich das? Als die Trockenheit 2018 begann, standen unsere Bäume im Wasser. Das war das Glück im Unglück, was wir noch hatten. Ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn in einem wesentlich schnelleren Abstand noch mal ein so trockener Sommer folgt. Das ist die Situation, vor der wir aktuell stehen und wo mir die Sorge um die Zukunft noch viel näher liegt als die Sorge um das, was wir im letzten Jahr schon an Katastrophe erlebt haben.

 

Ich will mal Revue passieren lassen, wie es bei vergangenen Katastrophen lief. Es ist vorhin schon die Käferkatastrophe Ende der 40er-Jahre angesprochen worden. Wir hatten damals eine Situation, wo ganze Dörfer auf den Beinen waren, um im Wald die Käferbäume zu entfernen, rauszuholen. Das Holz wurde ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Händen gerissen, weil man Bauholz gebraucht hat. Es gab damals den Bezug zum Eigentum. Die Leute wussten, das ist mein Wald, die sind regelmäßig rausgegangen, waren jeden Tag draußen. Sobald da etwas Neues war, ist dort gehandelt worden. Trotzdem hat uns das im Thüringer Wald einen Großteil des Fichtenbestands gekostet, der dann aufgeforstet wurde mit Herkünften, die man eben irgendwoher bekommen hat, weil es eine solche Menge an Pflanzgut nicht standortspezifisch gab. Das ist sicherlich eine Situation, worunter der Thüringer Wald heute noch leidet, was die nicht standortgerechten Fichtenbestände angeht.

 

Aber die Situation heute ist eine andere. In unseren Dörfern haben relativ viele Menschen keinen Bezug mehr zum Wald. Wir haben zu verzeichnen, dass relativ viele Eigentümer gar nicht mehr wissen, wo ihr Eigentum ist. Wir haben etwa 50.000 Hektar Privatwaldeigentum in Thüringen, wo die Eigentümer unbekannt sind. Noch mehr wird nicht bewirtschaftet. All das führt dazu, dass dort die Waldbestände nicht mehr regelmäßig vom Eigentümer kontrolliert werden. Wenn ich mir dann ansehe, wie sich die Entwicklung der Mitarbeiter von ThüringenForst darstellt – wir hatten zu Kyrill noch ein Drittel mehr an Personal. Die Reviergrößen sind seitdem immer weiter gestiegen und das vor allem im Betreuungswald. Das heißt, in den Bereichen, wo relativ wenig Leute einen Beförsterungsvertrag abgeschlossen haben, wo wir zersplittertes Kleinprivatwaldeigentum haben, sind die Reviergrößen auch noch über die Maßen groß. Da haben wir jetzt die Aufgabe, die Borkenkäfernester zu finden. Das halte ich für das schlimmste Problem, was vor uns liegt, denn wenn wir sie nicht rechtzeitig finden, nicht erst dann, wenn die Bäume braun und trocken sind und der Borkenkäfer ausgeflogen ist, dann wird sich diese Massenvermehrung des Borkenkäfers wirklich darstellen und sie wird uns in manchen Bereichen des Thüringer Waldes die gesamte Baumpopulation kosten, weil wir eben an manchen Stellen noch nichts anderes als Fichte haben.

 

Meine Damen und Herren, das ist das eine Problem. Das zweite Problem ist: Wir haben keinen Holzmarkt mehr. Das heißt, das, was ich vorhin aus den 40er-Jahren beschrieben haben, dass einem das Holz wenigstens aus den Händen gerissen wurde, wenn das Käferholz von der Qualität nicht schlecht war – und das hatten wir im letzten Jahr, das Käferholz war von der Qualität her so gut wie neu eingeschlagenes Holz, aber es wollte keiner mehr haben –, so gibt es im Moment quasi keinen Holzmarkt für die Fichte mehr. Wir sind gestartet 2017, da hat man noch 90 Euro gekriegt für den Festmeter Sägeschnittholz, heute 30 bis 40 Euro, wenn man noch jemanden findet, der es nimmt. Das ist eine Katastrophe, denn zu den Preisen, die ich gegenwärtig bekomme, kann ich das Holz nicht mehr machen. Das führt dazu, wenn man sich mit Forstbetrieben, mit Forstbetriebsgemeinschaften, mit Waldgenossenschaften unterhält, dass die Finanzvorräte massiv im Abschmelzen begriffen sind und wir bei einigen Unternehmen schon ausrechnen können, wann die Insolvenz kommt. Die Frage ist: Wo findet man hier eine Lösung?

 

Und wenn man die Geschichte noch weiterverfolgt: Ich habe es selbst versucht, ich habe ja auch Kleinprivatwald, ich habe versucht, einen Forstunternehmer zu finden, der mir die Käferbäume rausmacht. Ich habe keinen gekriegt. Wenn man sich ansieht, wie es ist mit Unternehmen zum Abtransport des Holzes: ThüringenForst wollte Holz einlagern bei der Firma Pollmeier. Sie haben keine Lkws bekommen, die das Holz dahin fahren. Also wir haben eine Situation auch gerade am Arbeitsmarkt, die in der Hinsicht verheerend ist, dass wir eben auch die Logistikketten nicht mehr schließen können mit frei am Arbeitsmarkt verfügbarem Personal, mit frei am Markt verfügbaren Lkws.

Ich habe die Firma Mercer besucht zu einer Zeit, wo der Preis für gesägtes Holz noch in Ordnung war. Es gab ja eine gravierende Differenz zwischen dem Preisverfall im Frischholz und den konstanten Preisen beim Endprodukt. Das ist inzwischen nicht mehr so. Mercer hätte eine zweite Schicht aufmachen können von der Nachfrage her. Sie haben aber das Personal dafür nicht bekommen. Das zeigt, was im Moment in diesem Land los ist.

 

Wir müssen also davon ausgehen, dass wir in diesem Jahr massiv Holz aus dem Wald holen müssen, und die Frage ist: Wo tun wir es hin? Was machen wir damit? Wir haben dafür nicht wirklich eine Lösung und dementsprechend wird es ausgesprochen schwer sein, dafür zu sorgen, dass das Holz eben auch wirklich aus dem Wald rauskommt, was aber passieren muss, damit die Käferproblematik nicht noch größer wird.

 

Meine Damen und Herren, das ist eben der Punkt, wo der Alternativantrag der Koalition seinen Schwerpunkt legt, eine Stück weit im Gegensatz zum Antrag der CDU-Fraktion, die sich mehr mit der Frage „Schadensbeseitigung, Flächenberäumung, Bodenvorbereitung für Pflanzen und Säen“ beschäftigt. Ich glaube, bei dem Punkt – auch wenn es wichtig ist, über ihn rechtzeitig nachzudenken – sind wir im Moment noch lange nicht. Und wenn ich in der Hinsicht überlege, was die vordringlichsten Maßnahmen sein müssten, dann denke ich, ist es wirklich die, dass wir klären: Wie stellen wir sicher, dass genügend Menschen im Wald die Borkenkäfernester suchen, vom Revierleiter angefangen, wo wir nicht noch weiter abbauen können, wo wir eine Verstärkung brauchen mit Forstwirtschaftsmeistern, wo wir aber auch den Waldeigentümer qualifizieren müssen, dass er die Borkenkäfernester findet, wo wir da zumindest Angebote unterbreiten müssen und sehen müssen, dass so viel wie möglich Leute raus in den Wald gehen, um sich mit der Problematik zu beschäftigen. Und dann müssen wir sehen, wie wir vom Einschlag über die Logistikkette alles am Laufen halten, auch wenn es am Ende des Tages eben nicht genügend Geld fürs Holz gibt. Das sind die Probleme, vor denen wir aktuell stehen.

Dafür braucht es aus meiner Sicht auch eine Klärung, ob wir am Waldgesetz noch etwas ändern müssen. Denn wenn man sich dort ansieht, dass zum Beispiel der Waldbesitzer vor dem Betreten des Waldes durch den Vertreter der Forstbehörde zu informieren ist oder dass das Eingreifen der Forstbehörde zum Forstschutz nur begrenzt möglich ist, dann stehen dort ein paar Hürden drin, die in Anbetracht der aktuellen Situation aus meiner Sicht so nicht gehen.

 

Auch die Vorgabe der Neuanpflanzung, der Wiederaufforstung innerhalb von drei Jahren ist aus meiner Sicht überholt. Wenn man sich anguckt, was nach Kyrill passiert ist, da musste auch nach drei Jahren aufgeforstet werden. Das waren riesige Flächen, das hat sogar ThüringenForst nicht geschafft, da sind Ausnahmeanträge gestellt worden, dass man ein Stückchen hinschieben konnte. Aber es ist im Regelfall gemacht worden. Und dann hat man Pflanzen dort in die Bestände reingebracht, die sind zugewuchert worden, und was man dann gesehen hat, war, dass zwei, drei Jahre später die Naturverjüngung die gepflanzten Bäume überholt hat.

 

Und das ist ein Punkt, an dem ich denke, wir müssen uns ein Stück weit mehr Zeit geben, wir müssen die Naturverjüngung stärker betrachten und müssen hier die Möglichkeiten schaffen, dass Naturverjüngung sich entsprechend durchsetzen kann und dass die dann anschließend gepflegt wird, damit wir daraus dann perspektivisch einen ordentlichen Wald kriegen. Und wir müssen durch eine vernünftige Jagd auf der Fläche auch sicherstellen, dass der Verbiss nicht so aussieht, dass ich am Ende nur noch eine Fichte auf der Fläche stehen habe, sondern dass wir hier einen Artenreichtum hochbekommen. Auch das sind Dinge, über die müssen wir reden und da müssen wir klären, wie wir perspektivisch neue Wege beschreiten.

 

Was mir bezüglich des Waldumbaus ganz wichtig ist – es ist von Klaus Sühl angesprochen worden, es ist schon relativ viel erreicht worden –: Wir stellen jetzt aber fest, dass die Fichte im letzten Sommer selbst an Standorten abgestorben ist, wo wir es nie gedacht hätten, in den Höhenlagen des Thüringer Schiefgebirges zum Beispiel. Das sind eigentlich Gunststandorte, aber dadurch, dass es Südhänge waren, dadurch dass die Bodenauflage dort relativ gering ist, hat es die Fichte bei der Trockenheit eben nicht überlebt. Wenn ich an solchen exponierten Standorten nicht unter der Beschirmung der Altbäume junge Pflanzen hochkriege, werden sie perspektivisch gar keine Zeit mehr haben und gar keine Chancen haben. Das heißt, diese Hänge verlieren die Bewaldung und irgendwann wird die Erosion dort den Erdboden ins Wasser spülen.

 

Das sind alles Dinge, die wollen wir nicht. Wir haben also nur noch ein sehr kurzes Zeitfenster, um an solchen Standorten unter die Fichte Baumarten zu bringen, die dort perspektivisch dauerhaft auch vor den Maßgaben des heutigen Klimawandels wieder einen Wald sicherstellen können. Und das muss schnell passieren. Ich denke, die bisherige Geschwindigkeit des Waldumbaus, wo wir uns ein paar hundert Jahre Zeit genommen hätten, geht hier nicht weiter. Hier sollte zumindest an diesen ausgewählten Standorten innerhalb der nächsten zehn Jahre Maßgebliches getan werden.

Und da vielleicht ein kleiner Widerspruch zu Roberto Kobelt, der vorhin gesagt hat, wir sollten jetzt das Holz im Wald lassen. Das ist sicherlich bei starken Buchen richtig, dass wir die noch stärker werden lassen können. Aber in den Fichtenbeständen, in den Fichtenmonokulturen, wo kein Büschel Gras auf dem Boden wächst, weil sie so dicht sind, da muss Licht reingebracht werden, dass der Waldumbau gelingt. Nur dann werden wir dort auch Naturverjüngung haben, die von unten hochwächst. Das muss schnell passieren, und da muss man eben auch wieder klären, wie sichert man das ab vor den Hintergründen des Holzmarkts, die ich vorhin geschildert habe – auch das ist ein Problem, dem wir uns widmen müssen. Und von der Seite denke ich, ist mit den beiden Anträgen, die heute vorliegen, eine gute Beratungsgrundlage vorhanden, auch mit dem Bericht der Landesregierung. Ich danke recht herzlich dafür.

 

(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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