„Internationales Jahr der Wälder 2011“ - eine Chance für die Thüringer Forstwirtschaft
Zum Antrag der Fraktionen der CDU und der SPD - Drucksache 5/2303 -
Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, das war doch mal eine Botschaft eben. In 70 Jahren ist der Freistaat Thüringen mit dem Waldumbau fertig. So zumindest, Herr Minister, sind Ihre Zahlen zu interpretieren bei 150 Mio. €, die wir brauchen, und 2 Mio., die wir in diesem Jahr eingestellt haben im Landeshaushalt.
Herr Abgeordneter Kummer, ich habe ein Versäumnis begangen. Ich habe nicht gefragt, wer die Aussprache zum Sofortbericht wünscht. Sonst dürften Sie ja nur zu Nummer II und III des Antrags reden. Das signalisieren alle Fraktionen. Vielen Dank. Entschuldigen Sie bitte, Herr Kummer, und Sie können jetzt weitersprechen.
Abgeordneter Kummer, DIE LINKE:
Ich fange aber nicht noch mal mit an, aber, Herr Minister, 70 Jahre etwa, das ist eine lange Zeit und vor allem ist sie nicht gegenwärtigen Belastungen, die der Wald zu tragen hat, und den gegenwärtigen Entwicklungen angemessen.
(Zwischenruf Reinholz, Minister für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz: Der Haushaltsgesetzgeber sitzt hier.)
Wenn wir unsere Waldbestände 70 Jahre so stehen lassen, dann wird die Natur sich selbst umgebaut haben, und das nicht in der Richtung, wie wir das wollen.
Meine Damen und Herren, wir haben einen Antrag der Koalition vorliegen zum Internationalen Jahr der Wälder. Ich finde das erst mal gut, dass Sie das Ereignis würdigen.
(Zwischenruf Abg. Primas, CDU: Da sind wir schon glücklich.)
Es stehen auch viele gute Dinge mit drin.
(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Aber.)
Das Aber, das kommt sofort. Sie haben es richtig gesehen. Die Frage ist, wie man die Ziele umsetzen will. 25.000 Hektar Wald in Thüringen aus der Nutzung zu nehmen, steht im Koalitionsvertrag. Ich fand das spannend, ich hätte das nicht erwartet, sage ich so deutlich. Die Frage ist aber, wie will man das tun und aus welchen Gründen. Wir sind davon ausgegangen, es soll aus naturschutzfachlichen Gründen erfolgen. Wenn ich jetzt aber den Antrag der Koalition lese, dass bei der weiteren Identifizierung der dafür noch notwendigen Waldflächen insbesondere auf solche Flächen sich konzentriert werden soll, auf denen der Holzeinschlag bereits erfolgt ist oder nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben nicht erfolgen sollte, dann, gebe ich zu, bin ich heftig ins Grübeln gekommen. Ich habe auch leider beim Minister vermisst, dass er diese Passage mal für sich selbst interpretiert hätte und uns einen Vorschlag zur Umgehensweise damit gegeben hätte. Ich sage mal, wir haben im Thüringer Waldgesetz ein Verbot von Kahlschlägen stehen. Ich gehe mal davon aus, dass die normale Forstwirtschaft in Thüringen so strukturiert ist, dass sie in den vergangenen 20 Jahren in jedem Waldgebiet schon mal drin gewesen ist, um dort entsprechend Bäume zu entnehmen. Das heißt, Holzeinschlag müsste da de facto in jeder Fläche des bewirtschafteten Staatswalds bereits erfolgt sein.
(Zwischenruf Abg. Primas, CDU: Da warst du aber lange nicht im Wald.)
Von der Warte her erschließt sich das so nicht. Wenn wir Flächen haben, die seit 20 Jahren nicht bewirtschaftet wurden - und, Herr Primas, ich gebe Ihnen recht, wir haben die -, dann sind diese Flächen aber dringend einer Bewirtschaftung zu unterziehen. Da sind wir wieder bei einem alten Streitpunkt. Wie ist denn das mit der Waldbewirtschaftung in Thüringen und wie viel Holz können wir einschlagen? Da sind wir auch beim Punkt Waldumbau. Da sage ich Ihnen ganz klar, Herr Minister, aus meiner Sicht sind 150 Mio. € für Waldumbau in Thüringen nicht erforderlich. Was wir zuerst tun müssen, ist, Licht in die Wälder zu bringen, damit eben was anderes als die Fichtenmonokultur dort wachsen kann. Wenn ich einen geschlossenen Fichtenschirm habe, dann wächst darunter keine Buche, keine Eiche, keine Esche, deshalb wird es ohne Licht nichts.
Wir haben in Thüringen hervorragende Beispiele, wo man sich ansehen kann, was eine vernünftige Bewirtschaftung des Waldes in der Richtung mit sich bringt. Auf der einen Seite wachsen die Fichten wieder besser und auf der anderen Seite haben wir darunter eine gute Naturverjüngung, wenn denn auch die Jagdstrategie noch stimmt, die dazu führt, dass der Waldumbau für das Land sehr kostengünstig stattfinden kann.
(Zwischenruf Abg. Primas, CDU: Dann stimmen die 70 Jahre nicht mehr).
Dann stimmen die 70 Jahre nicht mehr, aber die 70 Jahre dürfen ja auch nicht stimmen, sonst wären wir ja mit unseren ganzen Problemlagen, die wir bearbeiten wollen durch den Waldumbau, nicht fertig.
Meine Damen und Herren, man muss auch noch eines dazusagen, Waldumbau durch Zäunung hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt. Herr Minister, Sie hätten vielleicht noch Ausführungen dazu treffen können, in wie vielen Fällen es Probleme gegeben hat, wo Fördermittel zurückgegeben werden mussten, weil das Ziel der Zäunung nicht erreicht wurde, weil mehr Rehe im Zaun standen als außerhalb.
Auch solche Dinge sind zu berücksichtigen und da gibt es viele Fälle, die belegen, dass das so nicht funktioniert hat. Wir brauchen intakte Waldökosysteme und die sind nur dadurch zu erreichen, dass wir den Einklang zwischen Wildpopulation und Wald schaffen. Dass wir auch Möglichkeiten überhaupt erst schaffen, dass etwas anderes als die Fichte dort wachsen kann, wo sie eben, wie gesagt, leider zu dicht steht.
Nun zu der Frage, welche Gebiete sollten in Thüringen unter Totalschutz kommen. Das ist ja eine spannende Diskussion. Da unterscheiden sich die Meinungen von Förstern zum Beispiel sehr von denen der Umweltschützer und der Thüringer Naturschutzverbände. Deshalb hat unsere Fraktion dazu eine Konferenz veranstaltet zu der Frage „Waldbiodiversität“.
Wir wollten Fachleute zu Wort kommen lassen und sie fragen: Was haben wir denn an Lücken beim Waldnaturschutz in Thüringen? Was macht Biodiversität in Thüringer Wäldern besonders aus? Die übereinstimmende Aussage war, das Wertvolle in den Thüringer Wäldern besteht darin, dass wir viele kleine Totholzinseln haben. Das verdanken wir einem Umstand, den wir eigentlich gar nicht so toll finden, nämlich dass wir extrem klein parzellierten Privatwald haben und hier viele Flächen nicht bewirtschaftet werden. Der private Waldbesitzerverband Thüringens spricht von etwa 50.000 ha, die im Moment aktuell nicht in der Bewirtschaftung sind, etwa durch ungeklärte Eigentumsverhältnisse, durch schlechte Strukturen, durch Erbschaftsstreitigkeiten und, und, und.
Auf diesen 50.000 ha hat sich etwas entwickelt, was man vom Prinzip her ein „Biotopverbund für Totholzorganismen im Wald“ nennen könnte. Wir haben also überall im Wald Totholzorganismen in kleinen Parzellen gestreut und wenn dann in der Nähe ein Baum abstirbt, können sie relativ problemlos übersiedeln, sonst sind Käfer, Schnecken, Pilze nicht so sonderlich mobil. Wenn wir solche Totholzorganismen auf 100 km Entfernung nicht hätten, dann könnten die diese Entfernung nicht überbrücken. Aber im Thüringer Wald haben wir dieses Mosaik, wo wir überall eingestreut diese Totholzlebensräume haben, und, ich finde, die sind besonders erhaltenswert.
Nach dem Ergebnis unserer Konferenz war auch klar, es macht keinen Sinn, ein neues Großschutzgebiet in Thüringen auszuweisen, aus dem einfachen Grund, ein Großschutzgebiet soll Rückzugslebensraum für Arten sein, die sehr scheu sind, die große Rückzugsgebiete brauchen. Im Hainich war das sehr sinnvoll, was die Wildkatze zum Beispiel angeht, aber ein weiteres solches Großschutzgebiet - das haben die Experten in unserer Konferenz gesagt - sehen sie in Thüringen als nicht erforderlich an. Wir brauchen mehr die Verbindung zwischen Lebensräumen, im Biotopverbund und wir brauchen, wie gesagt, diese Inseln im Wirtschaftswald, die einen auch artenreichen Wirtschaftswald ermöglichen.
Deshalb finde ich das Konzept, das die Landesregierung aufgestellt hat, zu sagen, wir wollen kleine Flächen schützen, erst einmal sinnvoll. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass es nach der Art, wie es hier die Koalition vorgeschlagen hat, zu der Auswahl dieser Flächen kommen soll, nämlich dort, wo wir vorher einen ordentlichen Eingriff gemacht und das Holz rausgeholt haben, oder aber dort, wo an extremen Steilhangflächen sowieso keine Bewirtschaftung stattfinden kann.
Ich finde, zuerst muss die Flächenwahl naturschutzfachlich ausgewogen erfolgen. Dazu muss ich alle Eigentumsformen mit betrachten, denn der Naturschutz macht ja vor Eigentumsformen nicht halt. Nun ist das keine Forderung nach einer Enteignung von Leuten, die besonders wertvollen Wald auf ihrem Kleinprivatwald haben, sondern es ist ein Vorschlag, wie wir herangehen können, um auch das Aus-der-Nutzung-Nehmen von effizienten, von der Bewirtschaftung her effizienten Staatswaldflächen zu vermeiden. Nämlich dort, wo diese 50.000 Hektar Privatwald in den letzten 20 Jahren nicht bewirtschaftet worden sind und vielleicht auch noch einige Jahre vorher im DDR-Staatsforst nicht bewirtschaftet wurden, da macht es doch Sinn, darüber nachzudenken, ob wir nicht Möglichkeiten finden, die wertvollsten Flächen z.B. durch die Auszahlung einer Stilllegungsprämie für den Naturschutz zu sichern.
Thüringen hat zurzeit ein Programm „Wald wird mobil“, wo mit viel, viel Kraft versucht wird, Kleinprivatwald wieder in eine Nutzung zu bringen. Da wird viel Geld hineingesteckt vom Land und auch von der Holzindustrie. Dieses Programm einzusetzen im Kleinprivatwald und auf der anderen Seite effizienten Wirtschaftsstaatswald aus der Nutzung zu nehmen, das beißt sich. Deshalb unser Vorschlag, auch im Kleinprivatwald auf freiwilliger Basis naturschutzfachlich wertvolle Flächen aus der Nutzung zu nehmen, z.B. durch eine Stilllegungsprämie. Vielleicht machen das manche auch freiwillig. Waldbesitzer, die mit ihrem Eigentum wenig anfangen können, auch das gibt es, das sagen mir Förster immer wieder, die z.B. von Eigentümern gefragt werden, ob sie ihnen den Wald nicht schenken können. Auch solche Dinge gibt es in Thüringen. Ich denke, auch die eine oder andere Kommune, die kleinen Waldbesitz hat, wäre bereit, dort Flächen in ein Thüringer Waldnaturschutzprogramm - welcher Art auch immer - einzubringen. Auch Kirchenwald, könnte ich mir vorstellen, ist sehr klein parzelliert. Es gibt dort sicherlich Stellen, die sich schwierig bewirtschaften lassen für die Kirche. Deshalb meine Bitte, die Suche danach, andere Waldeigentümer in dieses Projekt mit einzubeziehen und beim Waldumbau sich endlich mal von modernen Bewirtschaftungssystemen leiten zu lassen und sich mal anzusehen, was wir an Superprojekten in Thüringen haben. Ich kann nur einladen in den Stadtforst Hildburghausen. Wer dort die Waldbilder sieht, wie durch massive Auflichtung von unten sogar die Weißtanne bei einem entsprechenden Jagdkonzept in Naturverjüngung hochkommt, der wird feststellen, das ist ein Konzept, was sich lohnt. Klar gibt es dabei auch das Risiko, dass Fichten, die in den letzten Jahrzehnten zu dicht gestanden haben und dementsprechend nicht stabil sind, von einem Wind umgehauen werden. Dieses Risiko muss man eingehen. Aber aus diesen Fichten wird nichts Besseres, wenn ich sie denn weiter zu dicht stehen lasse. Das werden Pinsel, die kaum einer Bewirtschaftung zu unterziehen sind. Spätestens beim nächsten größeren Sturm wird es uns bei solchen Flächen drastisch erwischen. Deshalb: frühzeitiger Waldumbau durch viele regelmäßige und kleine Eingriffe, das sichert uns stabile Wälder und das bringt uns hier in dieser Frage vorwärts. Vielen Dank.
(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
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