Fördern statt Sitzenbleiben - Abschaffung von teuren und unwirksamen Klassenwiederholungen

RedenMichaele SojkaBildung

Zum Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drucksache 5/1401 -

 

Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren. Schön, dass so viele Politikerinnen und Politiker noch sitzen geblieben sind und das ganz ohne Noten.


(Beifall FDP)


Schön, dass wir über den Antrag zum x-ten Mal reden; richtig geredet haben wir eigentlich nie darüber. Ich weiß nicht, Frau Rothe-Beinlich, Sie werden mir Recht geben, wir hatten eine andere Erwartungshaltung, im Ausschuss über den Antrag reden zu können. Aber das ist leider nicht geschehen. So kann ich eigentlich dem, was ich damals, ich glaube, im September oder Oktober war es, gesagt habe, gar nicht viel hinzufügen. Ich kann nur sagen, dass Herr Matschie damals - ich habe extra noch einmal die erste Plenardebatte nachgelesen - gesagt hat, viele Bildungsexperten vertreten durchaus die begründete Auffassung, dass Klassenwiederholungen keine angemessene Form der Unterstützung leistungsschwächerer Schüler sind. Wichtig sind vor allem individuelle Förderungen und ein motivierendes Umfeld. Die Einschätzungen der wissenschaftlichen Studien werden von meinem Ministerium geteilt, leider nicht von den Koalitionsfraktionen.

Unser Antrag, eine Anhörung dazu mit Bildungswissenschaftlern aus der pädagogischen Forschung zu machen, wurde abgelehnt, und zwar nicht nur von der CDU, die ihr bildungspolitisches Wissen sowieso nur aus der pädagogischen Mottenkiste holt


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


und ansonsten die Reformpädagogik zwar hoch lobt in ihren Sonntagsreden, aber alles das, was die Reformpädagogik eigentlich ausmacht, als Tanzen des Namens verunglimpft, Herr Voigt, wie man heute in Facebook verfolgen kann. Das war ganz interessant. Das Thema Straßenausbaubeiträge oder was wir heute so hatten war für mich nicht so interessant, deshalb habe ich geschaut, was so in Facebook steht. Da gruselt es einen, wenn man die Bildungspolitik betrachtet.


Ansonsten würde ich Ihnen trotzdem noch einmal mit auf den Weg geben, bereits 2004 benennt das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik der Universität Siegen 44 Studien aus den USA, in denen nachgewiesen wurde, dass die Schüler im Vorteil waren, die bei gleichen Leistungsproblemen wie Sitzenbleiber dennoch versetzt wurden. In 18 methodisch genau kontrollierten Studien in den USA erbrachte nur eine einzige Studie Vorteile für das Sitzenbleiben. In diesem Ausnahmefall wurden die Sitzenbleiber in den neuen Klassen besonders individuell gefördert.

Sitzenbleiben ist aber in den Köpfen vieler Eltern und Lehrer nach wie vor ein fester Bestandteil. Zwei Drittel, also 66 Prozent der Deutschen finden das Sitzenbleiben sinnvoll und wollen diese als pädagogische Maßnahme und demzufolge auch die Populisten der CDU.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Kowalleck hat schon in der ersten Plenardebatte gesagt, dass das ein bewährter Teil des Schulsystems sei und dass man es deswegen auch nicht abschaffen könne. Das finden wir wirklich sehr bedauerlich. Vor allem die kollektive Verweigerung, sich ein bisschen Wissen anzueignen, sei es durch pädagogische Forschung im Ausschuss. Dass die Herren und Damen der SPD da trotzdem ihr Fingerchen heben mussten, ist wahrscheinlich der Koalitionsvereinbarung geschuldet. Dass man sich so verbiegen kann, bedauere ich sehr. Ich hoffe, dass wir irgendwann doch noch einmal dazu kommen, darüber zu reden. Sitzenbleiben wird nämlich den Ansprüchen einer inklusiven Schule nicht gerecht. Wenn wir das ernstnehmen, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. Sitzenbleiben und Noten gehören jeweils nicht dazu. So denken wir und nicht nur wir.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



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