Das erste Schuljahr mit der neuen Schulordnung: Aufrücken statt Versetzung - Hat Thüringen Abschied vom leistungsorientierten Schulsystem genommen?

RedenDirk MöllerBildung

Aktuelle Stunde auf Antrag der Fraktion der FDP – Drucksache 5/4686

 

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren Abgeordneten! Liebe Schülerinnen und Schüler, ihr seid wieder vergessen worden, was die Wünsche zu den Ferien betrifft. Das finde ich bedauerlich. Euch sei es gegönnt, in wenigen Tagen ist es so weit, schöne Ferien.


(Beifall DIE LINKE)


Aber bevor es so weit ist, ist noch ein bisschen Zuhören angesagt, und wie gesagt, am Freitag werden dann die Nachweise der von euch erbrachten Leistungen ausgeteilt. Hier ist zwar der Eindruck erweckt worden, dass die Leistungsorientierung verloren gegangen ist. Ich habe nicht den Eindruck. Ihr und Sie da oben werden das sicherlich auch bestätigen. Es ist schon einiges dafür zu tun, dass auf dem Zeugnis die entsprechenden Noten erscheinen und ein Verschenken von Schulabschlüssen ist in der Schulordnung meines Wissens nicht vorgesehen.

Frau Hitzing, Aufrücken kann man auch mit Lücken schließen übersetzen und so verstehe ich das auch am Ende.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Zunächst eine Klarstellung: Mit Ihrem Titel „Aufrücken statt Versetzung - Hat Thüringen Abschied vom leistungsorientierten Schulsystem genommen?“ suggerieren Sie, dass die sogenannte Ehrenrunde komplett abgeschafft wurde. Dem ist nicht so, denn lediglich in den Klassenstufen 3, 5 und 7 - Ausnahme bildet hier die Gemeinschaftsschule - wurde in der neuen Schulordnung auf die Versetzungsentscheidungen verzichtet.


(Zwischenruf Abg. Rothe-Beinlich, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ja, schön wär’s!)


Ich verrate Ihnen sicherlich kein Geheimnis, dass DIE LINKE sich dafür stark gemacht hat, komplett auf das Sitzenbleiben zu verzichten.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Man muss nicht alte Zahlen hier vorbringen, aber wenn bereits im Jahre 2009 umfangreiche Studien festgestellt haben, dass Sitzenbleiben einfach nur teuer und pädagogisch sinnlos ist -


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


bei dem Stichwort teuer sind Zahlen bis zu 1 Mrd. € Einsparungsmöglichkeiten im Gespräch -, kann ich nicht verstehen, dass Sie vor diesem Hintergrund diesen Titel für diese Aktuelle Stunde gewählt haben.

Sitzenbleiben an sich hat aus meiner Sicht die Denkweise im Hintergrund, dass jeder Schüler und jede Schülerin in einer Klasse ein und denselben Entwicklungslauf nehmen müsste und jeder Schüler und jede Schülerin am Ende einer Klassenstufe einen einheitlichen Entwicklungsstand erreicht. Das ist aus meiner Sicht Gleichmacherei. Wenn ich Ihr liberales Weltbild richtig verstanden habe, dann kommt Gleichmacherei in diesem nicht vor.


(Zwischenruf Abg. Koppe, FDP: Wie definiert sich Gleichmacherei denn?)


Wenn Sie eine Gruppe von Kindern bzw. Jugendlichen haben, die in ihrer Lerngeschwindigkeit nun einmal unterschiedlich sind, dann können Sie nicht verlangen, dass am Ende eines jeden Schuljahres jeder einzelne Schüler auf dem gleichen Niveau ist. Wenn Sie doch wirklich auf Leistungsorientierung aus sind,


(Zwischenruf Abg. Barth, FDP: Dafür gibt’s Noten von 1 bis 6.)


- dazu komme ich gleich - warum versuchen Sie nicht, aus jeder Schülerin und jedem Schüler die besten Leistungen herauszubekommen?


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich denke, Sie springen einfach zu kurz, wenn Sie eine Leistungsbewertung nur auf die Ziffern 1 bis 6 reduzieren.


(Beifall DIE LINKE, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich hoffe, Sie haben schon mal gute Erfahrungen mit Lob und Tadel gemacht. Ich hoffe, Sie haben schon einmal gute Erfahrungen mit Worturteilen gemacht und auch mit Gesprächen zur Lernentwicklung mit Schülerinnen und Schülern und Eltern. Hier gibt es aus meiner Sicht nur eine Lösung: individuelle Förderung. Den Schüler da mitnehmen, und natürlich auch die Schülerin, wo er bzw. sie steht. Nicht versuchen, ihn bzw. sie mit anderen gleichzumachen, um dann doch am Ende festzustellen, dass er bzw. sie in die Ehrenrunde und somit ein Schuljahr wiederholen muss. Mit unserem gemeinsamen Antrag zum inklusiven Bildungswesen in Thüringen, den Ihre Fraktion mitträgt, sind wir zum Glück auf dem richtigen Weg.


(Beifall DIE LINKE)


Dass individuelle Förderung, das ist von dieser Stelle auch schon gesagt worden, jedoch mit unserer momentanen Lehrersituation nur schwer umzusetzen ist, muss hier nicht weiter erwähnt werden. Das war übrigens auch die Ursache für die heftigen Diskussionen vor einem Jahr. Dieses Fehlen an notwendiger Anzahl von Kolleginnen und Kollegen hat die eigentliche sachliche Diskussion, die notwendige sachliche Diskussion zu diesen Änderungen einfach überdeckt. Es ist also an uns als zuständige Abgeordnete in diesem Haus, die entsprechende Personalsituation in den Thüringer Schulen zu ändern. Ich fordere Sie deshalb auf, unstrittige Feststellungen zum Thema Versetzung nicht infrage zu stellen, sondern mit dafür zu sorgen, mit zu kämpfen, dass genügend Lehrerinnen und Lehrer zur Umsetzung genau solcher Maßnahmen im nächsten und in den darauffolgenden Schuljahren eingestellt werden. Herzlichen Dank.


(Beifall DIE LINKE, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


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