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„Wir dürfen Vereine nicht im Stich lassen“

Erinnerst du dich noch an deinen letz­ten Besuch einer Sportveranstaltung?

Das war beim Biathlon-Weltcup in Oberhof Anfang Januar. Inzwischen ist das schon eine ganze Weile her.

Hast du Sehnsucht nach Livesport, nach Stadion?

Ja, unbedingt. Nicht nur als ehemaliger Leistungssportler freue ich mich schon da­rauf, Sport wieder vor Ort sehen und selbst aktiv machen zu können. Als Präsident des Thüringer Gebirgs- und Wandervereins weiß ich, dass auch viele andere Menschen darauf warten, wieder loslegen zu können. Unser Verband hat über 4.000 Mitglieder, das gemeinsame Wandern ist von den Corona-Einschränkungen auch betroffen.

Wenn in der Öffentlichkeit von Sport in Zeiten der Corona-Krise die Rede ist, dann dreht sich oft alles um die 1. und 2. Bundesliga, die nun wieder startet. Kannst du als Sportsfreund dich darü­ber freuen?

Nein. Ich halte das Ganze für unverant­wortlich, denn die Gefahr des Coronavirus ist noch keinesfalls gebannt. Zudem ist es unsolidarisch, denn es gibt noch viele an­dere Sportarten und nicht nur Profifußball. Und nicht zuletzt kritisiere ich daran, dass nicht nach sportlichen Gesichtspunkten entschieden wird, sondern hier ein rein wirtschaftliches Denken regiert.

Das heißt?

Wer darf denn anfangen zu spielen? Die Vereine, die ohnehin schon finanziell gut dastehen, auch wegen der hohen Fernseh­einnahmen. Die 32 Vereine der 1. und 2. Bundesliga sollten für diese Saison 1.160 Millionen Euro an TV-Geldern kassieren. Die letzte Rate von 304 Millionen Euro ist davon abhängig, ob die noch ausstehenden neun Spieltage bis Ende Juni absolviert werden können. Und das soll mit dem Wie­derbeginn der beiden Ligen gesichert wer­den. Es handelt sich um eine reine Lex Pro­fifußball, das halte ich für völlig daneben.

Was sind deine Forderungen?

Erstens: Wenn es schon für Geisterspiele ohne Zuschauer eine Genehmigung gibt, dann muss sichergestellt werden, dass alle Fans die Möglichkeiten haben, die Spiele im frei zugänglichen Fernsehen oder kos­tenfrei im Internet verfolgen zu können. Und zwar bis Ende der Saison, nicht nur für ein paar Spieltage. Wer das verweigert, handelt gesundheitspolitisch fatal, denn er riskiert Fan-Ansammlungen in Stadionnä­he oder private Pay-TV-Partys. Meine zwei­te Forderung lautet: Die Deutsche Fußball Liga GmbH, die das operative Geschäft der 1. und 2. Liga betreut, ist in den vergange­nen Jahren beim Umsatz, Gewinn und in anderen Kennziffern von Rekord zu Rekord geeilt. Jetzt sollten die Profi-Vereine der obersten beiden Ligen zeigen, dass sie in der aktuellen Notlage auch teilen können.

Wie könnte das konkret aussehen?

Ich schlage einen Solidarfonds für den Frauen- und Mädchenfußball und die unte­ren Spielklassen vor. Das sind die Vereine, die jetzt wegen der Corona-Beschränkun­gen fast am Ende sind. Sie hängen viel stär­ker von den Einnahmen aus Eintrittsgel­dern ab, und oft haben sie nur kleine Spon­soren, die nun selbst wirtschaftlich unter Druck geraten sind und deshalb die Verei­ne teils nicht mehr unterstützen können. Denen muss geholfen werden. Dafür sollten mindestens ein Drittel der Fernseheinnah­men aus den Geisterspielen der 1. und 2. Liga in einen Solidarfonds fließen. Das wä­re ein wichtiges Signal in die Gesellschaft.

In Thüringen hat die rot-rot-grüne Lan­desregierung ein Corona-Hilfspaket auf den Weg gebracht. Wird da auch dem Sport geholfen?

Ja, ich bin froh darüber, dass wir in Thürin­gen etwas tun, um die entstandenen finan­ziellen Ausfälle für Vereine abzufedern, also auch für die Sportvereine. Mit diesen Hilfen wird einerseits etwas gegen die ge­sellschaftlichen Auswirkungen der Corona- Krise getan, denn Sportvereine sorgen für sozialen Zusammenhalt und Gemein­schaftsgefühl. Das müssen wir für die Zukunft sichern. Andererseits geht es auch darum, etwas gegen die negativen wirt­schaftlichen Folgen zu tun.

Das heißt?

In Thüringen gibt es fast 3.400 Sportverei­ne, 46 Sportfachverbände, über 20 Kreis-und Stadtsportbünde. Und mit einem funk­tionierenden Sportleben sind auch Einnah­men für Betriebe, Hersteller, Dienstleister verbunden. Derzeit aber steht vieles noch still. Wir dürfen den Landessportbund und die Vereine nicht im Stich lassen, vor allem nicht jene, die vom Engagement Ehrenamt­licher getragen werden, und die es jetzt auch nicht einfach haben, Anträge für Hil­fen zu stellen. Was einmal aus der Sport­landschaft verschwunden ist, lässt sich später nicht einfach wieder neu gründen.

Im Gesetz über die Corona-Hilfen, das derzeit im Landtag beraten wird, sind auch Gelder für Profivereine vorgese­hen. Brauchen die das so dringend?

Profivereine, das hört sich vielleicht nach 1. Fußballbundesliga und Millionären an. Aber wir reden hier über eine ganz andere Realität: Uns geht es darum, Liquiditäts­engpässe in Vereinen zu verhindern, in de­nen Sportlerinnen und Sportler oft gerade einmal ein bisschen mehr als 1.000 Euro erhalten. Gerade diese Vereine – vom Eis­hockey über Rollstuhlbasketball und Tisch­tennis, Handball und Fußball bis zu Volley­ball – sind für Thüringen sehr wichtig.

Die CDU hat einen eigenen Antrag im Landtag gestellt, um diese Vereine zu unterstützen.

Die wollen beim Sport offensichtlich nicht außen vor stehen. Zunächst hatte die CDU-Fraktion sechs Millionen für diesen Bereich gefordert. Aber als sie dann gemerkt haben, dass das schon im Entwurf der rot-rot-grü­nen Koalition so steht, wurde von der CDU noch eine Million draufgelegt. Entscheidend ist mir: Wir wollen für den Sport etwas tun. Und ich bin sicher nicht böse, wenn am En­de der Beratungen im Landtag sogar noch ein bisschen mehr dafür rauskommt.