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Video-Interview: „Ein mythischer Ort“ – Wie die linke Umweltpolitikerin Katja Maurer zur Politik kam

Katja Maurer hat mich zu einem Interview in das RedRoXX eingeladen, ein offenes Projektbüro für die Ideen und Anliegen von jungen Menschen – und gleichzeitig das Abgeordnetenbüro von Susanne Hennig-Wellsow, Christi­an Schaft und ihr selbst. Als ich vom Regen aufgeweicht das kleine Laden­lokal in der Erfurter Pilse 29 betrete, sitzen die drei Abgeordneten gerade zusammen mit ihren Mitarbeiter*innen beim wöchentlichen Plenum und debat­tieren konzentriert. Als die Versamm­lung beendet ist, begeben wir uns in die kleine Bibliothek im ersten Stock des Gebäudes. Vor dem prall gefüllten Bü­cherregal nimmt die charmant-dynami­sche Jungpolitikerin auf einem rustika­len, reichlich abgewetzten Sessel Platz und gibt mir einen ausführlichen Ein­blick in ihre politische Motivation als Abgeordnete der LINKEN.

„Ich habe als Kind relativ schnell ler­nen müssen, dass es unterschiedliche Klassen in dieser Gesellschaft und so etwas wie Ungerechtigkeit gibt. Da­mals konnte ich das überhaupt noch nicht begreifen. Erst viel später, vor al­lem während meiner Studienzeit, habe ich dann gelernt, in Worte zu fassen und auch ausdrücken zu können, was eigentlich Ungerechtigkeit ist und war­um mir das Thema so nahe geht. Doch ich habe auch festgestellt, dass es Ver­bände und Vereine gibt, in denen man sich engagieren und schrittweise etwas bewirken kann.“

Nach einigen Praktika bei verschie­denen NGOs und einem ehrenamtli­chen Engagement im RedRoXX wurde die Fraktionsvorsitzende und Landes­chefin Susanne Hennig-Wellsow schließlich zum entscheidenden Faktor: „Ich fragte sie einfach eines Tages, ob ich zu ihr in den Landtag gehen und sie dort begleiten kann. Daraus hat sich sehr schnell etwas entwickelt, das mich heute hierher gebracht hat, so­dass ich selber Politik machen kann, und zwar für die Linke, für die Partei und auch für die Fraktion. Ich kann das noch immer kaum glauben.“

Die ersten Jahre ihrer Kindheit ver­brachte die heute 28-Jährige mit ihrer Familie in ihrem Geburtsland Kasachs­tan, bis sich ihre Mutter dazu ent­schloss, mit ihren Töchtern nach Deutschland überzusiedeln, um ihren Kindern eine bessere Perspektive bie­ten zu können. Für Katja Maurer ist Kasachstan nach wie vor „ein mythi­scher Ort“, auch wenn oder gerade weil ihre Erinnerungen an diese Zeit eher schemenhaft sind. „Ich kann mich noch an das Dorf erinnern, an die Birken und an die Freiheit, die ich damals als Kind genossen habe. Doch natürlich herr­schen dort vollkommen andere Zustän­de, als wir es hier gewohnt sind.“

Denn obwohl das gigantische Land siebeneinhalb mal mehr Fläche als Deutschland aufweist, gehört es mit einer Bevölkerungsdichte von rund 6,8 Einwohnern pro Quadratkilometer (Deutschland im Vergleich: 233) zu den zwölf am dünnsten besiedelten Staaten der Erde. Welche Probleme unter ande­rem dadurch entstehen, wird ihr beson­ders eindrücklich bewusst, als sie im Jahr 2018 auf einer Reise nach mehr als 20 Jahren an ihren Geburtsort zurück­kehrt.

Es mangele noch immer an Wasser­anschlüssen. Stattdessen finde man auf dem Land Plumpsklos in praktisch je­dem Haushalt. Auch Bildung und Reli­gionsfreiheit würden ganz anders aus­gelegt und ausgelebt im Vielvölkerstaat Kasachstan, der in seiner langen Ge­schichte schon von so vielen verschie­denen Kulturen geprägt worden sei. Amnesty International schreibe immer wieder darüber, wie die Pressefreiheit dort eingeschränkt werde, welche Pro­bleme dort unter anderem Homosexuel­le erleiden müssten. Auch der Unter­schied zwischen Arm und Reich sei dort noch einmal größer als hier. Sie sei sehr froh, in Deutschland zu leben, obgleich auch die hiesigen Verhältnisse ihre Schattenseiten offenbarten, wie bei­spielsweise an zunehmendem Rassis­mus und Rechtsextremismus, aber auch an Verschwendungssucht und Umwelt­verschmutzung zu erkennen sei.

Letztere und deren Auswirkungen ließen sich bei einer von Maurers Lieb­lingsaktivitäten, dem Wandern, unmit­telbar beobachten. „In den Wäldern und an den Bäumen sind schon oft kah­le und braune Stellen zu sehen. Durch den zu trockenen Boden sterben Bäume einfach ab.“ Daraus resultiere wieder­um, dass Wanderwege aufgrund der Gefahr herabfallender Äste gesperrt werden müssten. Die umweltpolitische Sprecherin stellt noch eine weitere Ver­änderung fest: „Es gibt wesentlich we­niger Singvögel als noch vor zehn oder 20 Jahren. Das ist auch eine Folge der Trockenheit. Zu wenig Wasser für Kräu­ter und Insekten, die den Vögeln als Nahrungsquelle dienen.“

Die These, dass die coronabedingten Einschränkungen die weltweite Um­weltsituation verbessern könnten, hält Katja Maurer für zu kurz gegriffen. Zwar lasse sich schon ein kurzfristiger Rückgang von Umweltbelastungen wie Lärm und verschmutzter Luft beobach­ten, die großen Klimasünden seien aber nicht einfach automatisch abgestellt. „Natürlich holen sich auch Tiere und Pflanzen relativ schnell ihre Lebens­räume zurück. Aber das heißt nicht, dass es der Natur besser geht, sondern es heißt nur, dass die Natur sich Um­wege sucht.“

Für Katja Maurer als LINKE hat ne­ben einer intakten Umwelt aber auch immer das Wohlergehen der Menschen einen hohen Stellenwert. „Und gerade müssen wir leider erleben, dass die Menschen dazu gezwungen sind, weni­ger zu arbeiten und weniger Gehalt zu bekommen, was schnell zu einer sozia­len Verschlechterung führen kann. Das heißt im Umkehrschluss möglicherwei­se, dass sie sogar noch billigere Produk­te einkaufen müssen, seien es Kleidung oder Lebensmittel. Letztendlich scha­det das der Umwelt nur noch mehr.“ Lukas Krause

 

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