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Nr. 02/2011: „Wer gute Fachkräfte haben will, muss diese ordentlich bezahlen!“

NACHGEFRAGT: Ina Leukefeld, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag

Thüringens Wirtschaftsminister hat in seiner Einschätzung der aktuellen Arbeitsmarktlage Probleme zugegeben. Wo liegen die aus Sicht der Linksfraktion?

Wir sagen, ein Jobwunder in Thüringen gibt es so nicht. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar rückläufig – das ist erfreulich -, aber wir müssen uns schon anschauen, um welche Arbeitsplätze es sich handelt. Da ist es eben leider so, dass knapp die Hälfte der Beschäftigungsverhältnisse prekärer Natur sind, das heißt also: Leiharbeit, Mini- und Midi-Jobs, geringfügige Beschäftigung, Aufstocker, die gar nicht aus Hartz IV rauskommen. Wir haben auch die „Generation Praktikum“, junge Absolventen von Hochschulen, die überhaupt keine richtige Anstellung finden und viele Menschen, die nur befristete Arbeitsverträge bekommen. Sie können nicht planen, sich hier in Thüringen keine Zukunft aufbauen und wandern deswegen ab. Das ist problematisch für den Arbeitsmarkt, aber vor allem für die betroffenen Menschen selbst.

Die Linksfraktion hatte zu einem Fachgespräch zur Sicherung des Fachkräftebedarfs eingeladen. Ein falsches Thema angesichts der erläuterten Situation?

Nein, überhaupt nicht. Das Thema Fachkräfte ist ja in aller Munde. Die Betonung schwankt von einem tatsächlichen Fachkräftebedarf, der existiert, weil man immer überlegen muss, wie sich das Land Thüringen weiterentwickelt, in welchen Bereichen es Zukunftsperspektiven gibt, während andere einen vermeintlich dramatischen Fachkräftemangel überbetonen. Letzteres sehe ich derzeit nicht. Aber natürlich muss man sich darauf einstellen, wie gute Ausbildung und gute Arbeit in Thüringen gesichert werden können.

Die Einladung war an Experten, an Praktiker gerichtet. Wer war zum Fachgespräch am 12. Januar gekommen?


Wir waren etwa 25 Personen. Ich habe mich gefreut, dass Prof. Dr. Michael Behr, Abteilungsleiter für „Arbeitsmarktpolitik und Berufliche Bildung“ im Thüringer Wirtschaftsministerium, dabei war. Wir haben mit ihm ja schon zusammengearbeitet und über die Zukunft der Arbeitsmarktpolitik gesprochen, als er noch Hochschullehrer und Sozialforscher an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena war. Das hat das Fachgespräch sehr bereichert. Vertreter der Kammern waren da, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband – sehr wichtig, da wir künftig einen großen Bedarf an Fachkräften in der Sozialwirtschaft haben werden, vor allem bei Gesundheits- und Pflegeberufen –, aber auch die neue Vorsitzende des Landesfrauenrates, Ilona Helena Eisner. Vertreter des DGB und der Regionaldirektion der Arbeitsagentur waren auch anwesend. Eine gute Mischung von Experten also, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und eine anregende Diskussion führen konnten.

Welche Ergebnisse wurden erzielt?


Wir sind jetzt dabei, die Diskussion aufzuarbeiten und zu analysieren. Auf jeden Fall ist es richtig, dass wir als Linksfraktion uns dieses Themas annehmen. Das Wirtschaftsministerium hat erneut eine Fachkräftestudie in Auftrag gegeben, die alle zwei Jahre fortgeschrieben wird, und den Fachkräftebedarf in Thüringen bis zum Jahr 2020 deutlich macht. Unsere Absicht ist es, im Landtagsplenum die Ergebnisse der Fachkräftestudien zu thematisieren. Natürlich werden wir auch eigene Vorschläge vorlegen. So fordern wir ein Konzept zur Sicherung von Fachkräften im Gesundheits- und Sozialbereich, einschließlich Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und Perspektiven für Umschüler in diesen Bereichen. In unserer Veranstaltung, zu der ich gemeinsam mit der ausbildungspolitischen Sprecherin Susanne Hennig eingeladen hatte, wurde auch die Notwendigkeit einer höheren Qualität in der Berufsausbildung und einer besseren Zusammenarbeit zwischen Schulen, Berufsausbildungsstätten und der Wirtschaft betont. Andererseits muss das vorhandene Potential von Arbeitskräften – Menschen, die hier in Thüringen leben und derzeit am Arbeitsmarkt nicht partizipieren – besser genutzt werden. Da denken wir an die Pendler, an ältere Arbeitnehmer, die durch Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen ihre Leistungsfähigkeit erhalten können, auch an Frauen, die nur in Teilzeit oder in Minijobs tätig sind. Sie können sich qualifizieren und als Fachkräfte in Vollzeitarbeit gewonnen werden.

Welche Auswirkungen hat das Anwachsen der prekären Beschäftigung auf die Frage der Fachkräftesicherung?


Wir müssen umsteuern. Es ist auch bei der Diskussion deutlich geworden, dass die Wirtschaft etwas tun muss. Ich habe das dort ausdrücklich so formuliert: wer gute Fachkräfte haben will, muss diese gewinnen, muss sie halten, muss sie ordentlich bezahlen. Die Zeit ist vorbei, wo es ausreicht, die Hand aufzuhalten und sich von der Landesregierung, dem Bund, der EU – also von der Politik – Fachkräfte auf dem silbernen Tablett servieren zu lassen. Dazu sind mehr eigene Anstrengungen der Wirtschaft nötig. Und natürlich muss prekäre Beschäftigung eingedämmt werden. Dazu gehört, dass wir uns für den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einsetzen, dazu gehört, dass es zu einer tariflichen Entlohnung kommt und dass Arbeitnehmerrechte gestärkt werden.

Das Interview führte Stefan Wogawa

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