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Am Anfang des „Thüringer Weges“: Ein Sammelband erinnert an den linken Vordenker Dieter Strützel

„Für den Sozialismus“, so hat es Dieter Strützel einmal formuliert, „müssen die Leute Maßstab und Zentrum sein, man kann sich nicht als Objekte setzen und die Macht als eigentliches Subjekt.“ Nun trägt ein Buch aus dem Hamburger VSA-Verlag dazu bei, eine schmerzhafte Lücke linker Erinnerung zu füllen. Jüngeren Generationen mag der Name Dieter Strützel heute nicht mehr viel sagen, zu sagen hätte dieser den Nachkommenden aber eine Menge. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre Landesvize der PDS, gehörte der Kulturwissenschaftler und Philosoph, der Erneuerer und Politiker zu den prägenden Figuren des politischen Neuanfang nach der Wende. Es sei ihm darum gegangen, eine neue Partei „von unten“ zu formen und den „Ring um die PDS“ zu sprengen, das hieß auch, Debatten um ein linkes Reformprojekt für Thüringen voranzutreiben, wie es Paul Wellsow von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in einem nun erschienenen Sammelband formuliert.

Nach einer philosophischen Promotion über das Typische war er Cheflektor beim Mitteldeutschen Verlag in Halle geworden, wurde dort aber „abberufen, wegen der Bücher, die wir gemacht haben, die ‚nicht der Wirklichkeit‘ entsprachen“, wie es Strützel in einem dem Sammelband beigefügten Interview mit Lutz Kirschner aus den 1990er Jahren erzählte. Danach folgte eine wissenschaftliche Laufbahn an den Universitäten in Leipzig, Halle und Jena. Ab Ende 1989 war Strützel dann aktiv an der Erneuerung dieser Partei zur PDS beteiligt.

„Dieter Strützel war ein Linker aus dem Osten, der es vermochte, die Erfahrung des Scheiterns fruchtbar zu verarbeiten, und zwar so, dass es nicht nur für die Verarbeitung der DDR-Erfahrungen wichtig war, sondern auch für die Entwicklung von Zielen in der neuen Konstellation“, so beschreibt Christiane Schneider, linkes Hamburger Urgestein und später Abgeordnete der Bürgerschaft ihre Sicht auf einen Weggefährten. Gemeinsam suchten beide Anfang der 1990er Jahre in der „Arbeitsgemeinschaft Konkrete Demokratie und Soziale Befreiung“ nach Antworten auf neue Herausforderungen.

Er habe gegen den Strom der Zeit gewirkt, und das in zwei politischen Systemen, so Wellsow in seinem Text: Wissenschaft und Politik, Denken und politisches Handeln, das waren für Dieter Strützel eins. Stets ging es ihm darum, wie jene, die ein Interesse an gesellschaftlicher Veränderung haben, aktiv werden. Strützel wollte nicht nur Beobachter sein. So wollte er auch die Linkspartei sehen: als eine Partei, deren Anspruch es ist, „nicht bloß kommentierend am Rand zu stehen, sondern sich ins gesellschaftliche Handgemenge zu begeben“. Oder, wie es Strützel einmal selbst formuliert hat: „Wissenschaft als Selbstzweck zu betreiben, hat mir nie gelegen, in der Hinsicht bin ich auch kein Wissenschaftler. Mein Lieblingssatz aus dem ›Galilei‹ war: Eine Wissenschaft, die nicht den Beladenen hilft, ist keine.“

Was Dieter Hausold, einst PDS-Landes- und Fraktionschef in Thüringen und mit seinen persönlichen Erinnerungen ebenfalls in dem Sammelband vertreten, einmal den „Thüringer Weg“ genannt hat, findet einen Anfang nicht zuletzt bei Strützel. Linksreformerische Politik, Kooperationsfähigkeit und Brückenschläge, dialogische Suche nach dem Gemeinsamen – es ist bei ihm einiges vorweggenommen, „was 20 Jahre später in der ersten rot-rot-grünen Landesregierung sichtbar und Realität wurde“, so Wellsow. Der auch daran erinnert, dass dies in der politischen Situation Anfang bis Mitte der 1990er Jahre, „als die Distanz von SPD und

Grünen gegenüber der PDS aus noch sehr kurz zurückliegenden und guten Gründen sehr hoch war“, nicht nur Mut, sondern auch strategischen Weitblick erforderte.

Dieter Strützel, so Jens-F. Dwars in seinem Beitrag zu dem Band, „war ein Sokrates der DDR, ein Lehrmeister, der nicht große Werke schrieb, sondern lieber mit den ‚kleinen Leuten‘ stritt. Einer, dem die Wahrheit des anderen wichtiger war als sein eigenes Besserwissen.“ Und einer, der von der Kraft der Ehrlichkeit wusste: „Die Ratlosigkeit ist kein linkes Privileg. Die Linken zeichnet aus, dass sie es ernst nehmen. Und dass sie es mitunter eingestehen. Mitunter.“

Gesagt hat Strützel dies auf einer Konferenz im November 1995 in Gera. Nur wenige Jahre später verstarb mit ihm eine der zentralen Figuren der Nachwende-PDS in Thüringen. Wer über die Zukunft der LINKEN im Freistaat nachdenken will, findet in seinem Denken wichtige Anregungen.

 


 

Jens-F. Dwars, Dieter Hausold, Christiane Schneider und Paul Wellsow: Ein Sokrates der DDR. Nachdenken über Dieter Strützel (1935-1999), hrsg. von der Rosa-LuxemburgStiftung Thüringen, VSA Verlag Hamburg 2020, 88 Seiten, 6 Euro.