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Zuhören, nicht anschreien: Jane McAlevey über Organizing

„Was? Du bist in einer Gewerkschaft und hast noch nie Marx gelesen?“, ist Jane McAlevey eines Tages von ihren Kommiliton*innen gefragt worden. Da war die US-Amerikanerin schon 20 Jahre im Organizing aktiv und hatte sich mit dem Alten aus Trier gerade im Rahmen einer Doktorarbeit befasst, wie sie unlängst dem „nd“ erzählte. „Zuvor hatte ich 18 Stunden am Tag alle möglichen Arbeiter organisiert und gezeigt, wie sie gegen die Versuche ihrer Chefs ankämpften können, sie anhand ihrer Geschlechter, Hautfarben oder sexuellen Orientierungen zu spalten.“ Sie habe dabei keine Theoriebegriffe benutzt, sondern den Kolleg*innen einfach gesagt: „Eure Chefs wollen euch verarschen. Ihr müsst schauen, wie ihr sie veraschen könnt.“


Gerade erst ist von Jane McAlevey auf Deutsch das Buch „Macht. Gemeinsame Sache. Gewerkschaften, Organizing und der Kampf um die Demokratie“ erschienen. Es wendet sich vor allem an eine neue Generation, wie es im Vorwort heißt. „Was können wir tun, wenn wir den Status quo nicht länger akzeptieren? Welche Strategien stehen der breiten Mehrheit der Bevölkerung zur Verfügung, um ihre Interessen gegen eine winzige Elite durchzusetzen? Welche Institution kann für eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Macht sorgen?“


McAleveys Antworten sind „ein leidenschaftliches Plädoyer für Gewerkschaften“, vor allem: für starke, lebendige und konfliktbereite Gewerkschaften. Die könnten die Welt verändern, freilich nicht als Selbstläufer, denn nach Ansicht von McAleve müssten sich die Gewerkschaften dazu auch selbst verändern.


„In einer Welt der massiven Einkommensungleichheit und ausufernder sexueller und ethnischer Diskriminierung ergreife ich mit diesem Buch für die Gewerkschaften Partei. Die Auswirkungen wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ungleichheit sind real, gefährlich und unbestreitbar. Dieses Buch handelt davon, wie wir mithilfe der Gewerkschaften aus dem Schlamassel herauskommen können, in dem wir uns gegenwärtig befinden“, schreibt Jane McAlevey.


Anhand von Beispielen und hergeleitet aus der Geschichte der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung schildert sie Siege und Niederlagen. Einer der größten Erfolge ist ihrer Ansicht nach der „New Deal“ in den 1930er Jahren, der es der Mehrheit in den USA ermöglichte, den „amerikanischen Traum“ auch wirklich zu leben. Ohne die Aktivitäten der Gewerkschaften wäre Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen, die unter US-Präsident Franklin Delano Roosevelt als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt wurden, nicht möglich geworden. McAlevey zeichnet aber auch nach, wie „die großen Konzerne begannen, einen zunächst heimlichen, später offenen und immer rücksichtsloseren Krieg gegen die Arbeiterbewegung zu führen. Systematisch wurden die Gewerkschaften in die Defensive gedrängt, immer aggressiver wurde und wird noch heute Union Busting praktiziert. Jede Schwächung ihrer Organisationsmacht bedeutete mehr Ungleichheit und Ungerechtigkeit für die Beschäftigten und Arbeitslosen“, heißt es bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die den Band gemeinsam mit der IG Metall Jugend und dem VSA:Verlag herausgegeben hat.


„Die von Jane McAlevey anschaulich geschilderten Organizing-Beispiele und ihre Aussagen zu Gewerkschaften beziehen sich auf die USA“, so die Herausgeber*innen – aber Organizing ist längst auch hierzulande in der Zivilgesellschaft und in Parteien angekommen, auch in der LINKEN. Abgesehen davon kämpfen auch hiesige Beschäftigten-Organisationen mit zurückgehenden Mitgliederzahlen, mit Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Gewerkschaften zu behindern, und nicht zuletzt mit Konzernen, die auf Mitbestimmung – gelinde gesagt: keinen Wert legen. Die Nachrichten über Beschäftigte, die in der neuen Plattformökonomie um die Gründung von Betriebsräten kämpfen müssen, berichten davon.


Der von Jane McAlevey vertretene Organizing-Ansatz kann vor allem dort erfolgreich sein, wo es bisher keine oder nur schwache gewerkschaftliche Strukturen gibt. Aber auch dort, wo es jenseits von Betrieben darum geht, für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, für aktive Mitgestaltung politischer Entscheidungen, für erfolgreiche Selbstorganisierung in der Stadtteilpolitik oder der Mobilisierung von Wähler:innen zu ringen.


Dass die Gewerkschaften zu den wichtigsten Kräften gehören können, die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben umzukehren, dem Klimawandel und der Umweltzerstörung Einhalt zu gebieten und sozial und ökologisch nachhaltige Verhältnisse zu erkämpfen, das ist einer der Ausgangspunkte von McAleveys Denken. Aber wie schafft man es, die Menschen in der Nachbarschaft oder die Kolleg*innen im Betrieb zur Selbstorganisierung zu bringen?
Man müsse „ihnen zuhören und darf sie nicht anschreien. Das ist ein Fehler, den linke Aktivist*innen häufig machen. Aber keinem gefällt es, wenn man belehrt wird“, sagt Jane McAlevey in dem eingangs erwähnen Zeitungsgespräch. Organizing sei für sie „ein sehr befreiender Prozess, in dem die Menschen dazu befähigt werden, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen und am Ende vielleicht verstehen, warum sie sich die Miete in der Innenstadt nicht mehr leisten können, dass es auf der einen Seite eine politische und ökonomische Elite und auf der anderen Seite die Arbeiterschaft gibt, deren Teil sie sind“. PR


 

Jane McAlevey: Macht. Gemeinsame Sache. Gewerkschaften, Organizing und der Kampf um die Demokratie, VSA Verlag Hamburg 2021, 280 Seiten, 14,80 Euro oder bei rosalux.de