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Wunsch nach Veränderung

Sozialer, ökologischer, gerechter: Was Umfragen über die Perspektiven der Bürger*innen verraten

 

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen – das alte Bonmot hat in Corona-Zeiten neue Aktualität erhalten. Nicht nur kam die Pandemie mehr oder weniger überraschend, auch ihre Fortentwicklung entzieht sich in vielen Belangen der Vorhersage. Wie es im Sommer um Infektion und Impfungen steht, wer will und kann das heute schon sagen? Auch politisch ist einiges offen, etwa wie sich der Wechsel an der CDU-Spitze auf die Parteienlandschaft auswirkt.

 

Worüber man immerhin ein paar Dinge sagen kann, sind die Erwartungen der Bürger*innen. Zahlreiche Umfragen ermitteln Monat für Monat, was landauf, landab gedacht, erhofft, befürchtet wird. Einer Studie von Ipsos zufolge blicken 60 Prozent der Befragten auf 2020 als ein schlechtes Jahr zurück, deutlich mehr als früheren Untersuchungen. Im Vergleich zu anderen Ländern fällt die Bilanz hierzulande allerdings weniger drastisch aus. Und immerhin: über 60 Prozent zeigen sich zuversichtlich, dass das neue Jahr für sie persönlich besser verlaufen wird. Dabei gehen 68 Prozent davon aus, dass die meisten Menschen auch Ende 2021 noch eine Maske in der Öffentlichkeit tragen werden, um sich vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen.

 

„Während die persönliche Lage positiv eingeschätzt wird, werden die Aussichten für die deutsche Wirtschaft eher pessimistisch gesehen“, heißt es bei Ipsos. Nur jede*r vierte Bundesbürger*in halte es für wahrscheinlich, dass sich die Wirtschaft in diesem Jahr vollständig von den Auswirkungen der Pandemie erholen wird. Ähnliche Skepsis zeigt sich auch in anderen Untersuchungen. In einer Studie von Civey zeigten sich zum Beispiel nur 41 Prozent der Befragten optimistisch was die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland im neuen Jahr angeht. Dies ist angesichts der vielen Berichte über die ökonomischen Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nachvollziehbar. Auffällig ist allerdings, dass die persönlichen Umstände „in der Regel deutlich positiver beziehungsweise optimistischer eingeschätzt als die der gesamten Gesellschaft“, wie es im „Spiegel“ zu den Zahlen heißt.

 

In besagter Studie gaben drei von fünf Befragten an, in Bezug auf ihre persönliche wirtschaftliche Lage zuversichtlich aufs Jahr 2021 zu schauen. Sogar unter den Selbstständigen, von denen viele in der Krise besonders betroffen sind, äußerte sich eine Mehrheit so. Unter Beschäftigten und Rentner*innen waren die Anteile mit 62 und 68 Prozent noch deutlicher; im Osten lag die Zahl der persönlichen Optimisten etwas niedriger, gleiches gilt für Menschen mit geringerem Bildungsabschluss. Das Magazin dazu: „Stets sind die Zuversichtlichen in der Mehrheit, liegen die Stimmungen nicht diametral auseinander. Das Gleiche gilt für Stand oder Land, Jung oder Alt, Frauen oder Männer, Ledige oder Verheiratete, Wohlstandsregionen oder strukturschwache Gebiete.“

 

Eine relativ optimistische Sicht auf die eigene künftige Lage und eine eher pessimistische Bewertung der ökonomischen Gesamtsituation stehen nur auf den ersten Blick in Widerspruch zueinander. Wer materiell gut selbst abgesichert ist, kann trotzdem Sorgen haben, was das Ganze angeht, und nicht selten steht dahinter ein Gerechtigkeitsempfinden. Im Wissen um die negativen Folgen der Corona-Krise sieht man auch auf die Lage anderer und gesellschaftliche Strukturprobleme. In einer Studie der Caritas gaben 63 Prozent an, sich besonders viele Sorgen um die wirtschaftliche Lage und die Konjunktur zu machen, 48 Prozent meinten, sie befürchteten durch die Corona-Krise negative Auswirkungen auf das menschliche Zwischeneinander; 45 Prozent sorgten sich um die soziale Absicherung aller Bewohner*innen.

 

Da stellt sich die Frage, wie groß die Erwartung und vor allem die Bereitschaft ist, die Probleme zu lösen. In einer Untersuchung von YouGov äußerte eine Mehrheit (65 Prozent), sich ihren Optimismus bewahrt zu haben, „dass wir die Probleme lösen und positiv aus der Krise herauskommen“. Was „positiv“ ist, hängt natürlich auch vom politischen Standpunkt ab – und davon, was vorrangig als Problem betrachtet wird. In besagter Studie sagten 69 Prozent, sie befürchteten eine „tiefergehende Trennung in der Gesellschaft zwischen Armen und Reichen“; 59 Prozent bemängelten und dass die Kultur in der Krise viel zu wenig beachtet und unterstützt wird. Auf die Frage, welche politischen Probleme nach dem Ende der Krise zuvorderst gelöst werden sollten, gaben die Befragten am häufigsten an, dass sich die digitale Infrastruktur verbessern müsse und dass höhere Ausgaben für Bildung nötig seien.

 

In der schon angesprochenen Caritas-Studie stehen bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung für soziale Berufe, die Förderung des Klimaschutzes und die Unterstützung sozialer Infrastruktur ganz oben auf der Liste der politischen Themen, bei denen sich die Bürger*innen vorrangig Änderungen wünschen. Bessere Bildungsangebote und zielgerichtete Aktivitäten gegen Rassismus und Rechtsradikalismus folgen auf den nächsten Plätzen.

 

Sozialer, ökologischer, menschlicher und gerechter – so wünschen sich viele die Gesellschaft. Dies lässt sich auch im Umkehrschluss aus einer Studie zur Zufriedenheit der Menschen hierzulande herauslesen. Einig seien sich die Bundesbürger*innen „in ihrer Kritik an der Wohlstandsverteilung und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Insgesamt zwei Drittel (65 Prozent) äußern sich kritisch zur Verteilung des Wohlstands im Deutschland des Jahres 2020. Ähnlich negativ urteilen die Bürger zum sozialen Zusammenhalt: fast zwei Drittel (63 Prozent) zeigen sich unzufrieden damit, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen. Das größte Unbehagen der Bürger zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des Jahrtausends aber gilt dem Umgang mit der Umwelt: drei Viertel (75 Prozent) äußern sich kritisch. Nur ein Viertel urteilt derzeit positiv“, heißt es zu den Ergebnissen einer Umfrage von Infratest dimap.

 

Dass die Klimakrise eine der großen Herausforderungen ist, der man nur mit umfangreichen gesellschaftlichen Veränderungen beikommen wird, ist inzwischen Allgemeingut. In der politischen Diskussion wird mitunter versucht, die Bewältigung der Folgen der Pandemie vorrangig zu setzen; man dürfe in der Krise Ökonomie und Bürgerschaft nicht noch zusätzlich mit Klimapolitik belasten, heißt es dann unter anderem aus dem Lager der Unternehmerverbände.

 

Die Bevölkerung sieht das anders. 85 Prozent haben in einer Umfrage des Instituts Bilendi geäußert, die Politik solle sich trotz Corona genauso oder noch mehr auf den Klimawandel konzentrieren. Politik gegen die Klimakrise hat für die Befragten in dieser Studie auch die größte Priorität für die kommenden Regierungen – vor sozialer und öffentlicher Sicherheit sowie Gesundheitsversorgung und Bildung. Auch wenn man nach der Parteienpräferenz unterscheidet, steht eine ökologische Wende für die meisten ganz oben auf der Liste, auch unter den Anhänger*innen der LINKEN, wo die Klimapolitik noch vor der sozialen Sicherheit rangiert. Dass beides zusammengehört, ökologischer Umbau nur sozial gerecht ablaufen sollte, findet inzwischen immer mehr Fürsprecher*innen. PR