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Studie facht Debatte über Arbeitsbedingungen bei Amazon an

Zahlreiche Hinweise auf Verstöße gegen das Arbeitsschutz- und das Mindestlohngesetz, Überwachung der Fahrer*innen – die Vorwürfe, die Mitte September gegen den Konzern Amazon erhoben wurden, wiegen schwer. Und sie haben eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in einer Branche entfacht, die einerseits aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken ist, die aber andererseits schon länger als Problemzone der Ausbeutung prekär Beschäftigter bekannt ist: die Paketzustellung.


Genau hier setzt Fallstudie Jörn Boewe, Tina Morgenroth und Johannes Schulten über den Onlinehändler als Prekarisierungstreiber in der Paketlogistik an. Konkret geht es um die Zustände im Verteilzentrum Erfurt-Stotternheim. Ermöglicht wurde die Untersuchung von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem dgb-Bildungswerk Thüringen e.V. und der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen. Fazit: Zwar werde Amazon immer noch vor allem als Onlinehändler wahrgenommen, der Konzern erobert aber inzwischen auch die Straße: „Seit etwa fünf Jahren baut der Konzern seine eigene Lieferlogistik auf der ,letzten Meile‘ auf. Damit verdrängt Amazon nicht nur traditionelle Paketdienste“, heißt es in der Studie, „Amazon agiert auch als Treiber der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen in der ohnehin schon unter einem enormen Konkurrenzdruck stehenden Branche“. Amazon Logistics sei der einzige große Paketdienst, der seine Lieferlogistik komplett an Subunternehmer ausgelagert habe und mit einem plattformbasierten Beschäftigungsmodell über eine App experimentiere.


„Die Arbeitsbedingungen im System ,Amazon Logistics‘ müssen dringend verbessert und Paketbot*innen wirksam gegen Ausbeutung geschützt werden“, sagt Lena Saniye Güngör, arbeitsund gewerkschaftspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Thüringer Landtag. „Europaweit muss gelten: Keine Arbeit ohne Arbeitsvertrag und Sozialversicherung und vor allem keine Scheinselbstständigkeit“, fordert die Abgeordnete.


Mit Blick auf die Ergebnisse der Studie sagt Güngör, „die Mitarbeiter*innen berichten nicht nur von Überschreitungen bei der Höchstarbeitszeit, sondern zudem von unzulässigen Abzügen oder Nichtzahlung des Lohns und der Sozialversicherungsbeträge. Viele von ihnen werden aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes nicht gerichtlich gegen vorenthaltende Mindestlohnansprüche vorgehen. Die Branche muss deshalb kaum Konsequenzen befürchten.“
Die Forderung der LINKEN: „Um die Rechte der Arbeitnehmer*innen durchzusetzen, müssen Verstöße durch staatliche Arbeitsinspektionen kontrolliert werden. Subunternehmen von Amazon, die in verschiedenen Bundesländern ansässig sind, sollten ebenfalls Teil dieser Kontrollen sein und erfordern eine bessere Vernetzung der Arbeitsinspektionen und Kontrollinstanzen. Wir müssen in dieser Branche dringend die gewerkschaftliche Organisierung vorantreiben, um nachhaltig gute und soziale Arbeit in Thüringen zu etablieren.“


Unternehmen hat sich nach der Vorstellung der Studie, die ein Medienecho ausgelöst hat, gegenüber der Öffentlichkeit zu den Ergebnissen geäußert. Dabei schiebt der Konzern die komplette Verantwortung auf die Lieferpartner. Diese seien verpflichtet, sich an die geltenden Gesetze und an einen Verhaltenskodex zu halten. Erfülle ein Subunternehmen diese Erwartungen nicht, greife man durch. Die Erfahrungen, die seit Ende 2019 mehr als 150 Mitarbeiter*innen aus und um das Verteilzentrum Erfurt-Stotternheim gegenüber dem DGB-Bildungswerk Thüringen geschildert haben, sprechen eine andere Sprache. PR

Die komplette Studie zum Download findet sich unter th.rosalux.de