Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Stärkung der Tarifbindung notwendig

Die Tarifbindung in Thüringen ist schwach. Aber Politik kann das ändern


In Thüringen sind nur noch 44 Prozent der Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Im bundesweiten Vergleich belegt das Land damit zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern den vorletzten Platz. Bezogen auf die Anzahl der Betriebe sind in Thüringen noch 18 Prozent an einen Tarifvertrag gebunden. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Wirtschaftund Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, WSI.


„Thüringen wird sein Image als Niedriglohnland nicht los! Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und zunehmende soziale Ungleichheit müssen endlich der Vergangenheit angehören“, mahnt Lena Saniye Güngör, Sprecherin für Arbeits- und Gewerkschaftspolitik der Linksfraktion im Thüringer Landtag.


Welche Rolle die Tarifbindung dabei spielt, ist durch Forschungen gut belegt. Beschäftigte in Betrieben ohne Tarifvertrag arbeiten in Thüringen im Schnitt pro Woche 11 Minuten länger als Beschäftigte in tarifgebundenen Betrieben. Vor allem aber verdienen sie deutlich weniger, wenn ihr Unternehmen nicht an einen Tarifvertrag gebunden ist: Der unbereinigte Rückstand beim Entgelt beträgt im Freistaat mehr als 23 Prozent.


„Wir müssen als Politik alles tun, um das Tarifvertragssystem mehr zu stützen und das Vergabegesetz auszuweiten“, sagt Güngör. Die rot-rot-grüne Landesregierung habe sich in den letzten Jahren „deutlich zu einer Stärkung der Tarifbindung bekannt“. Leider seien aber die Tariftreueregeln nur für die Landesvergaben verbindlich, weshalb für zwei Drittel des öffentlichen Auftragsvolumens in Thüringen keine verbindlichen Regelungen bestehen. „Hier müssen wir als Politik ansetzen. Vergabeverfahren müssen auch auf kommunaler Ebene vorangetrieben werden wie beispielsweise in Jena geschehen“, forderte die Abgeordnete.


Die Erosion der Tarifbindung setzte in den 1990er Jahren ein. „1996 lag sie noch bei 70 Prozent, ging jedoch in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erheblich zurück und fiel auf 55 Prozent. In den 2000er Jahren nahm die Tarifbindung zunächst nur leicht ab. In den 2010er Jahren beschleunigte sich die Erosion des thüringischen Tarifvertragssystem jedoch wieder und die Tarifbindung rutschte noch einmal um mehr als 10 Prozentpunkte auf nur noch 44 Prozent ab“, so die Forscher*innen des WSI.


Dabei gibt es starke Unterschiede zwischen den Branchen. So liegt die Tarifbindung der Beschäftigten im Thüringer Handel zum Beispiel nur bei 12 Prozent – in der öffentlichen Verwaltung liegt sie bei 98 Prozent. „Die Wahrscheinlichkeit der Tarifbindung steigt insgesamt mit der Größe des Betriebes“, heißt es beim WSI weiter. „Gleiches gilt für das Betriebsalter: Während noch 40 Prozent der vor 1990 gegründete Betriebe tarifgebunden sind, sind es unter den seit 2010 gegründeten Betrieben lediglich 8 Prozent.“


Für eine Stärkung der Tarifbindung müsse ein Bündel von Maßnahmen geschnürt werden, so die Forscher*innen. Neben Gewerkschaften und „Arbeitgeber“-Verbänden müssten hier „auch Staat und Gesellschaft“ ihren Beitrag leisten. In vielen westeuropäischen Ländern sind nach Darstellungen des WSO nach wie vor mehr als drei Viertel aller Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen tätig. In Ländern wie etwa Belgien, Frankreich, Italien und Österreich sind es sogar mehr als 90 Prozent. „Dies zeigt, dass die Erosion des Tarifvertragssystems keineswegs alternativlos ist. Mit einer Tarifbindung von 44 Prozent liegt Thüringen derzeit auf dem Niveau Zyperns.“ PR