Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Robin Hahnel und Erik Olin Wright diskutieren Vorschläge für eine demokratische Ökonomie

Wenn die Tagespolitik ihren engen Takt schlägt und die aktuellen Herausforderungen schon mehr als groß erscheinen, mag der Hinweis auf progressive Utopien, die eine ganz andere Gesellschaft umreißen, auf den ersten Blick ein wenig aus der Zeit gefallen erscheinen. Warum es trotzdem wichtig und sinnvoll ist, sich den großen Horizonten zuzuwenden, zeigt nun abermals ein Buch, das sich „Alternativen zum Kapitalismus“ widmet und „Vorschläge für eine demokratische Ökonomie“ macht. Erschienen im Bertz + Fischer Verlag, geht es Fragen nach, welche die gesellschaftliche Linke immer schon angetrieben haben: „Die vielen Ungerechtigkeiten und katastrophalen Mängel des Kapitalismus aufzuzählen ist nicht schwer“, heißt es in dem Vorwort. Und weiter: „Aber gibt es eine bessere und machbare Alternative? Wie könnte eine funktionsfähige, freie und demokratische Gesellschaft aussehen?“


Das Buch gibt dazu Antworten in Form einer Debatte, es skizziert Möglichkeiten einer anderen Welt, die mehr als nur den großen Rahmen formulieren, sondern „einen seltenen Grad an Tiefe und Gründlichkeit erreicht, wenn es um entscheidende Fragen und Probleme der Ausgestaltung einer nachkapitalistischen Ökonomie geht“.


Zwei Namen sind damit verbunden: Robin Hahnel und Erik Olin Wright. Und ihre Ideen sind es, die in „Alternativen zum Kapitalismus“ nicht nur vorgestellt, sondern gleichsam in einem dialogischen Prozess gegenseitig einer Überprüfung unterzogen werden. Eine, wie es einleitend heißt, „detailgenaue, manchmal etwas technisch anmutende Diskussion, mit der eine sorgfältige Auseinandersetzung dennoch lohnt“.


Denn einerseits wirken „die Akkumulation des Kapitals als Selbstzweck und die private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Reichtums“ nicht nur „zerstörerisch auf Individuum, Gesellschaft und Natur“ – sie bringen also gesellschaftliche Probleme hervor, die nach einer Lösung geradezu schreien. Andererseits stehen sozialistische Lösungsvorschläge im Schatten gescheiterter historischer Versuche. „Für einen zweiten Versuch werden sich die Menschen nur gewinnen lassen, wenn klar ist, dass und wie eine nachkapitalistische Gesellschaft funktionieren kann“, heißt es beim Verlag.


Im Kern geht es um zwei Konzepte, Visionen, Grundrisse einer Utopie: Robin Hahnels „partizipatorische Ökonomie“ und Erik Olin Wrights „realutopischen“ Sozialismus. Beide haben in den 1990er Jahren und mit der Erfahrung des Untergangs des realen Sozialismus systematisch über alternative Modelle einer post-kapitalistischen Gesellschaftsordnung nachgedacht. Hahnel entwickelte dabei zusammen mit Michael Albert ein Wirtschaftsmodell, das nicht auf Märkten, Privateigentum und hierarchischer Arbeitsteilung basiert, sondern partizipatorische Planung, gesellschaftliches Eigentum und egalitäre Arbeitsteilung als ihr Fundament organisiert. Es geht dabei um „ein Wirtschaftssystem, das auf Wirtschaftsdemokratie, ökonomischer Gerechtigkeit und Solidarität beruht, ohne auf ökonomische Effizienz zu verzichten“. Wobei wie Hahnel in einem fiktiven Gespräch erläutert, mit Wirtschaftsdemokratie gemeint ist, „dass die Entscheidungsbefugnisse, die jemand hat, dem Maß entsprechen, wie er oder sie von einer Entscheidung betroffen ist. Ökonomische Gerechtigkeit heißt, dass sich die Entlohnung nach Anstrengung oder Arbeitsaufwand bemisst. Unter Solidarität verstehe ich die Sorge um das Wohl der anderen. Und ökonomische Effizienz schließlich meint den Gebrauch knapper Produktionsfaktoren in sozial und ökologisch optimaler Weise. Dabei dürfen die hart erbrachten Arbeitsleistungen nicht verschwendet werden.“


Für ein Wirtschaftssystem, das diesen Ansprüchen gerecht wird, schlägt Hahnel „eine Reihe von Institutionen und Verfahren vor“, darunter selbstverwaltete demokratische Räte von Produzent*innen und Konsument*innen, in denen jedes Mitglied eine Stimme hat. „Die Produzentenräte selbst richten Stellen ein, die im Hinblick auf Arbeitsplatzqualität und Mitwirkungsmöglichkeiten annähernd gleichwertig sind.“ Die Vergütung erfolge „nach Arbeitsaufwand, so wie er von den Arbeitskolleg*innen beurteilt wird“. Und: „Die Produktion wird durch ein partizipatorisches Planungsverfahren geregelt, also weder von einer zentralen Planungsinstanz noch durch Märkte. Räte und Föderationen von Produzent*innen und Konsument*innen planen, überprüfen und verbessern laufend ihre Kooperation; der Maßstab dabei sind Effizienz, Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit.“


Hahnels Modell einer partizipatorischen Ökonomie konzentriert sich voll und ganz auf das, was erreichbar sein könnte – auf „eine kohärente Beschreibung eines voll entwickelten Systems der fairen Kooperation“. Außen vor gelassen werden dabei Fragen, wie eine Transformationsstrategie dahin aussehen könnte und was das für ein politisches Programm im Hier und Heute bedeuten würde.


Mögliche Antworten darauf finden sich bei Erik Olin Wright, der 2019 verstorben ist und eine große Lücke im linken Denken hinterlassen hat. In den 1990er Jahren hat Wright mit seinem Real Utopias Project die Diskussion über eine neuartige Form des Sozialismus vorangebracht, die über „Wege zu einem Sozialismus gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit“.


Im Kern, schrieb er einmal, „dreht sich der Vorschlag darum, die Machtverhältnisse in der Ökonomie so zu verändern, dass die Möglichkeit einer ernsthaften Demokratie vertieft und erweitert wird.“ Seine Alternative ist jenseits von Kapitalismus und Etatismus verortet: „Kapitalismus bezeichnet eine Struktur, in der die Produktionsmittel in Privateigentum sind und in der Allokation und Gebrauch von Ressourcen Resultat privater Machtausübung sind. Etatismus ist eine Struktur, in der die in Staatseigentum und Allokation und Gebrauch von Ressourcen Resultat staatlicher Machtausübung sind“, so hat er die Idee einmal zusammengefasst. Sozialismus dagegen sei „eine Struktur, in der die Produktionsmittel in Gesellschaftseigentum übergegangen sind und Allokation und Resscourceneinsatz sich aus der Ausübung ›gesellschaftlicher Macht‹ ergeben.“


Damit rückt das Demokratische ins Zentrum sozialistischer Vorstellungen. Seine Überlegungen hat Erik Olin Wright vor allem aus der kritischen Analyse von Realutopien gezogen, so nannte er das, was „in dieser oder jener Hinsicht radikalere, emanzipatorische Alternativen“ vorwegnimmt; Vorboten also, Inseln möglicher Zukünfte. Experimente mit partizipativen Haushalten, Projekte nicht-hierarchischer wirtschaftlicher Kooperation, Solidarity Funds, Genossenschaften, Betriebe in Belegschaftshand und so weiter. Auch in seinem 2017 erschienenen „Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus“ werden mögliche Ansätze, Strategien diskutiert, wie auf dem Weg einer solchen Transformation gelernt und vorangekommen werden kann.


Wer sich für progressive Utopien jenseits zentralistischer Planwirtschaft und kapitalistischer Verwertungslogik interessiert, wird in „Alternativen zum Kapitalismus“ sicher fündig. Und dem Hinweis des Verlags, dass eine breite Debatte über andere Formen gesellschaftlicher und ökonomischer Organisation „dringend geboten“ sei, muss an dieser Stelle nichts hinzugefügt werden. PR

 



 
Robin Hahnel und Erik Olin Wright: Alternativen zum Kapitalismus. Vorschläge für eine demokratische Ökonomie, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2021, 244 Seiten, 15 Euro.