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Rezension: Ein dritter Typus von Macht

Es ist eine der berühmteren Passagen aus Karl Marx’ „Kapital“, Sätze aus dem 24. Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation, auf die in ökonomiekritischen Texten immer wieder verwiesen wird: „Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter“, heißt es da, unmittelbare Gewalt werde nur noch ausnahmsweise angewandt, denn: „Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den ,Naturgesetzen der Produktion‘ überlassen bleiben.“ Diese bringen eine „Abhängigkeit vom Kapital“ hervor, sichern und verewigen sie zugleich.

Was aber hat es genau auf sich mit diesem „stummen Zwang“, mit jener Macht, die in den ökonomischen Prozessen selbst verankert ist, statt sie äußerlich zu ergänzen? Eine Frage, die angesichts der unübersehbaren Fülle an Literatur im Anschluss an und über Marx zunächst überraschend klingen mag: Dazu müsste es doch längst viele Bücher geben, oder? Auch der MarxKenner und Biograf Michael Heinrich hat vom „stummen Zwang“ schon oft gesprochen, „die Idee dahinter – nicht Personen, sondern die ökonomischen Verhältnisse üben unter bestimmten Umständen einen Zwang auf die formell freien Arbeiterinnen und Arbeiter aus – schien mir fast schon selbsterklärend zu sein. Mit zwei, drei Sätzen konnte man verständlich machen, was damit gemeint war“, schreibt Heinrich im Vorwort zu dem hier besprochenen Buch. Und weiter: „Bislang war mir noch nie in den Sinn gekommen, dass dieses Konzept eine eigenständige Untersuchung nötig haben könnte.“

Dann traf Heinrich auf Søren Mau, der sich gerade anschickte, seine Dissertation zu eben jenem Thema zu schreiben. Denn Bücher, die sich genauer mit jenem „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ befassen, lagen bisher nicht vor. Das hat Mau geändert, das Mitglied im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Historical Materalism und des Beirats der Dänischen Gesellschaft für Marxistische Studien hat dazu nicht nur seine Promotionsschrift am Institut für Kulturstudien der Süddänischen Universität vorgelegt, diese ist nun auch im Berliner Karl Dietz Verlag in deutscher Übersetzung (Christian Frings) erschienen.

„Ausgehend von einer genauen Lektüre und einer kritischen Rekonstruktion der unvollendeten Kritik der politischen Ökonomie von Marx bürstet Søren Mau diverse Machttheorien gegen den Strich und veranschaulicht seine Thesen anhand konkreter historischer Entwicklungen“, heißt es in der Ankündigung des Verlags. Im Kern von Maus Überlegungen erweist sich der „stumme Zwang“ als Grundpfeiler der spezifisch ökonomischen „Macht des Kapitals“, die eben nicht auf Ideologie oder Zwang beruht, sondern darauf, die materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion zu verändern; ein dritter Typus von Machtverhältnissen, der seine Kraft daraus bezieht, die ökonomische und soziale Umwelt der Menschen umzuwälzen.

Das Buch, von dem Heinrich ganz treffend anmerkt, es sei keine leichte Kost, lohnt die Mühe des Studiums aber dennoch. Mau schließt dabei eine Lücke in der Rezeption von Marx’ Theorie, und dennoch ist es „keine marxologische Abhandlung“; das letztendliche Ziel des Buches sei es, so Mau, „nicht Marx, sondern den Kapitalismus zu verstehen“, oder „genauer gesagt, wie es dem Kapital gelingt, sich als eine soziale Logik zu verfestigen, der alle gehorchen müssen, um leben zu können“. Manchmal, so Mau, setze „jedoch Letzteres das Erstere voraus“. PR

 

Søren Mau: Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus, Karl Dietz Verlag Berlin 2021, 360 Seiten, 29,90 Euro.