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Parlamentsreport 04-2021

Geschichte von unten

In den 1960er Jahren entwickelte sich in mehreren Ländern eine Neue Geschichtsbewegung, die sich vor allem mit der Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen in einem regionalen Kontext befasste. Den Hintergrund bildeten Diskussionen auch in der Geschichtswissenschaft, die Kritik an einer dominierenden Politikund Geistesgeschichte übte.


Der Historiker Bernd Hüttner sieht drei Schritte der Entwicklung einer Praxis der Geschichte von unten: Erstens eine neue Betonung gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen, von subalternen Klassen und der Rolle von Bewegungen seit den 1960er Jahren. In den 1970er Jahren kommt eine neue Aufmerksamkeit für das Individuum, seinen Alltag und individuelle Deutungen der Welt dazu. Organisatorischen Ausdruck erhält dies verstärkt in den 1980er Jahren mit der Gründung von Geschichtswerkstätten, in denen sich feministische, gewerkschaftliche und andere ehrenamtliche und akademische Historiker*innen, aber auch Laien zusammenschließen.
Die Aneignung von Geschichte in einem offenen, demokratischen Prozess ist ein Kennzeichen dieser Neuen Geschichtsbewegung. Die Forscher*innen selbst, ob Laien oder Expert*innen, werden selbst Subjekte der Auseinandersetzung mit Geschichte in einem kollektiven Lernprozess.


Unter anderem in den Geschichtswerkstätten wurden seit den späten 1970er Jahren in Westeuropa und den USA vor allem Themen erforscht, die in der dominanten Geschichtskultur nur am Rande vorkamen, etwa die Arbeiter*innengeschichte, Frauengeschichte, die Geschichten von Unterdrückung und Widerstand. In der Bundesrepublik begannen unter dem Motto „Grabe, wo du stehst“ vor allem Menschen aus dem linken Milieu, lokale Geschichte mit dem Schwerpunkt auf der Erforschung der NS-Vergangenheit zu betreiben. Im Zeichen einer „Demokratisierung der Demokratie“ wurde in jener Zeit begonnen, sich nun also auch die Geschichte anzueignen.

Ein aktuelles Beispiel dieser Geschichtsarbeit stellen wir in dieser Ausgabe vor: die Befassung des linken Offenen Jugendund Wahlkreisbüros in Ilmenau. Es geht auch heute noch darum, alternative Politik durch Geschichtsbetrachtung zu befördern.


Ihre Redaktion

 

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