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Mal leise, mal laut: Rückblick auf die Wende in Thüringen

Ludwig, Jürgen
ADN-ZB Ludwig 26.10.89 Erfurt: Demonstration In Erfurt kam im Anschluß an Friedensgebete in zwei Kirchen zu einem Zug durch die Innenstadt zum Domplatz, wo sich etwa 15.000 Bürger versammelt hatten. In Sprechchören forderten sie u.a. zu Reformen und mehr Demokratie auf.
Erfurt, Demonstration

Wann genau in Thüringen „die Wende“ begann, das lässt sich so leicht gar nicht sagen. Seit spätestens September 1989 gärt es überall in der DDR, schon im August war der erste Aufruf zur Gründung einer oppositionellen Sammlungsbewegung zur demokratischen Erneuerung der DDR veröffentlicht worden. Ende August hatte es ein Treffen zur Vorbereitung des Demokratischen Aufbruchs gegeben, Anfang September dann das Böhlener Treffen „von Vertretern verschiedener sozialistischer Tendenzen, darunter Christen und Marxisten“, aus dem später die Vereinigte Linke entstehen sollte. Nachdem am 9. und 10. September 1989 das Neue Forum gegründet worden war, sorgt die Organisation, die zunächst einen der wichtigsten Kristallisationspunkte der Demokratiebewegung war, auch in Thüringen für Aufmerksamkeit.


In Weimar stellen Vertreter*innen von Demokratie Jetzt, des Demokratischen Aufbruchs, vom Neuen Forum und der Initiativgruppe zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR am 20. September ihre Ideen und Forderungen vor. Tags darauf wird in Gera nach dem Friedensgebet ein Forderungspapier des Neuen Forums verlesen, die ersten sieben Thüringer Unterschriften kommen unter den Gründungsaufruf. Für den unlängst verstorbenen Edelbert Richter, Theologe und Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, begann die Wende in Erfurt am 26. September, über 1.000 Menschen wollen hören, was die noch junge Oppositionsbewegung will. Am 30. September treffen sich Thüringer Frauengruppen in Erfurt, um ihre Arbeit zu koordinieren. Es ist jener Tag, an dem erstmals etwa 200 Menschen auf dem Arnstädter Holzmarkt auf die Straße gehen, um Veränderungen zu fordern – die Massenflucht von Nachbarn und Freunden, die Sprachlosigkeit der SEDSpitze, die Empörung über Repression und geistige Enge bilden den Hintergrund. Als eine Woche später zum DDR-Geburtstag abermals in Arnstadt demonstriert wird, lässt die Staatsmacht die Gummiknüppel sprechen. Tags darauf geht die Polizei gewaltsam in Ilmenau gegen protestierende Jugendliche vor.


Nun ist kein Halten mehr, immer mehr Menschen schließen sich den Demonstrationen und Schweigemärschen auch in Thüringen an. Mal leise, wie bei einem „Gang der Betroffenheit“ Mitte Oktober in Erfurt; mal laut wie auf den dann folgenden Donnerstagsdemonstrationen. Die letzte Oktoberwoche des Jahres 1989 ist dann auch in Thüringen ein überregionales Fanal: „Nie zuvor und nie wieder danach gehen DDR-weit so viele Menschen gleichzeitig für Grundrechte und Freiheiten auf die Straße“, wie es einmal die „Thüringer Allgemeine“ formulierte. In Zeulenroda sind 2.000 für Reformen auf der Straße, in Rudolstadt 2.500, in Altenburg 2.000 und in Eisenach 5.000 Menschen beim ersten Friedensgebet, in Suhl wird die offene Debatte von 2.000 Bürger*innen beim Stadthallengespräch durchgesetzt. Am 24. Oktober 1989 gehen in Weimar 2.000 Menschen auf die Straße – eine Woche später sind es bereits 20.000.


Die kommenden Wochen stehen nun im Zeichen der Massenforderung „Wir sind das Volk“. Und noch, das wird heute im Rückblick oft vergessen, ging es keineswegs um die Wiedervereinigung, sondern um demokratische und ökologische Reformen in der DDR. PR