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Initiative NSU Watch: Aufklären und einmischen

Das Buch »Aufklären und einmischen« der Initiative »NSU Watch« zieht eine Zwischenbilanz der Aufklärung der Morde und Anschläge des »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU). Das geschieht entlang des im Sommer 2018 beendeten Prozesses gegen das überlebende NSU-Mitglied Beate Zschäpe und mehrere Unterstützer*innen der Nazi-Terror-Gruppe und auf Grundlage der Dokumentation des Prozesses durch die Initiative. Ein notwendiges Buch.

Die Beiträge zeigen Perspektiven und Forderungen der Opfer und ihrer Angehörigen, das Agieren der Nebenkläger*innen, das kritikwürdige Handeln von Bundesanwaltschaft und Gericht, nehmen die Auftritte von Zeug*innen und die Berichterstattung der Medien in den Blick. Auch wiederholt das Buch Thesen zum NSU: Die Gruppe war nicht Trio, sondern Netzwerk; Rassismus und rassistische Mobilisierungen waren Triebkräfte und Bestätigung für die Täter*innen; Geheimdienste, Polizei und Justiz haben bei Fahndung und Aufklärung mindestens weggeschaut; die Stimmen der Opfer und ihrer Angehörigen wurden nie gehört – ihnen wurde teils fälschlich gar Mitschuld zugeschoben und Rassismus verleugnet. Notwendig sind auch die abschließenden Hinweise im Buch, dass der NSU-Komplex noch nicht aufgeklärt ist und antifaschistische Begleitung von Prozessen und die Forderung nach Aufklärung rassistischer Taten unerläßlich sind.

Die Stärke des Buchs ist sein Charakter als Rückblick und fundierte Einführung in den NSU-Komplex – und als Dokumentation der verdienstvollen Arbeit von „NSU Watch“. Doch wer das Thema in den letzten Jahren verfolgt hat, wird nicht viel Neues erfahren. Das Buch wirft Fragen auf, die weiterer Analyse bedürfen.

Zum Beispiel stellen die Autor*innen die Rolle der Bundesanwaltschaft als »Hüterin der Staatsräson« heraus. Ihr Auftrag sei es gewesen, den NSU zu einem »überschaubaren Kriminalfall« zu machen. Das wird gut belegt, unter anderem durch die Weigerung des Gerichts, die Rolle der Geheimdienste näher zu untersuchen. Offen bleiben aber Fragen: Wer oder was musste konkret geschützt werden? Auf welchen Wegen und durch wen wurde das durchgesetzt? Sich hier von Verschwörungsideen abzugrenzen tut not. Doch die Fragen, warum konkret im Verfassungsschutz geschreddert und verdunkelt wurde, warum das vorhandene Wissen über den von Spitzeln »umstellten« NSU nie in Fahndungserfolge mündete oder welche Netzwerke in den Behörden die Staatsräson in persona durchsetzen brauchen weitere Analysen und konkretere Antworten. Charles Paresse

 


 

NSU Watch: Aufklären und einmischen. Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess. Berlin 2020, Verbrecher Verlag, 232 Seiten, 18 Euro.