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Gegen den ungestörten Lauf der betrieblichen Maschinerie Ein Sammelband über Kämpfe um die Arbeitszeit

„Einhundert Jahre nach Durchsetzung des Achtstundentags, der am 1. Januar 1919 in Deutschland allgemeines Gesetz wurde, wird noch immer darum gekämpft und gesellschaftlich gestritten, was als Normalarbeitstag gilt und wie dieser garantiert werden kann – und muss.“ Mit diesen Worten beginnt Ingo Stützles Einleitung zu einem Sammelband, der zwei Perspektiven miteinander verbindet: Einerseits geht es um kritische Analysen der immerwährenden Bemühungen der Kapital-Seite, durch Ausbeutung aus Geld mehr Geld zu machen, was stets auch eine Frage der Verfügungsmacht über die Arbeits- und Lebenszeit derjenigen bedeutet, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Andererseits wird nach „einem besseren Leben jenseits von Selbstoptimierung und Arbeitsverdichtung“ gesucht und werden historische wie aktuelle Kämpfe um Lebens- und Arbeitszeit nachgezeichnet.

Das Kapital sei „rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird“, so hat es Karl Marx einmal formuliert. Deshalb ist mehr als Obacht geboten, wenn zum Beispiel der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Ingo Kramer, fordert, die deutsche Wirtschaft brauche „mehr als bloße Experimentierräume, wir fordern mit Nachdruck ein grundlegendes Update des Arbeitszeitgesetzes“.

Norman Jakob zum Beispiel beleuchtet das Konzept einer „Ökonomie der Zeit“ bei Marx und Regina Wecker schreibt über „Marx, die Frauen und die Fabrikgesetze“. Im Beitrag von Gisela Notz wird die Geschichte um Arbeitszeitverkürzung nachgezeichnet, die auch aktuell wieder durch Debatten um die Vier-Tage-Woche als Instrument in der Corona-Krise und weitergehenden gesellschaftspolitischen Forderungen nach Umverteilung von Arbeit Aufmerksamkeit erfährt.

Kalle Kunkel greift den genuin politischen Charakter betrieblicher Kämpfe um Arbeitszeit auf, bei der es nicht allein um Zeit geht, sondern auch um die Intensität der Ausbeutung. Gleiches gilt für Auseinandersetzungen um Pausen, die nicht nur Auszeit von der Arbeit sind, „sondern immer auch unerlässlich für die Reproduktion der Arbeitskraft sowie eingeplante Größe, um den ungestörten Lauf der betrieblichen Maschinerie gewährleisten zu können“. PR

 

Ingo Stützle (Hrsg.): Marx, die Poren des Arbeitstags und neue Offensiven des Kapitals, Karl Dietz Verlag Berlin 2020, 264 Seiten, 18 Euro.