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Gegen das Vergessen: Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken

Die Geschichte von Jüdinnen und Juden in Europa, den USA, in Israel und Palästina und allen anderen Ländern ist geprägt von antisemitischen Bedrohungen und Erfahrungen der Verfolgung. Darüber hinaus ist diese Geschichte aber auch angefüllt „von Emanzipationskämpfen, breitem politischen Engagement und einer Verbindung mit progressiv-liberalen wie sozialistischen Bewegungen“. Diese Facette linker und jüdischer Geschichte beleuchtet die Rosa-Luxemburg-Stiftung in einem neu erschienen Sammelband.

„Gemessen am Bevölkerungsanteil waren Jüdinnen und Juden im ausgehenden 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überproportional in den revolutionären und reformerischen Bewegungen sowohl Ost- und Westeuropas als auch der Vereinigten Staaten von Amerika, Kanadas und Südafrikas aktiv“, heißt es in der Einleitung von Riccardo Altieri, Bernd Hüttner und Florian Weis. Die jüdische Herkunft habe für sie zumeist eine untergeordnete oder keine Rolle gespielt, als Sozialist*innen oder Kommunist*innen hätten sie sich der Sache nach als „Weltbürger*innen“ und Internationalist*innen verstanden – es ging um die Befreiung aller Menschen von wirtschaftlicher, politischer und geistiger Unterdrückung zu kämpfen.

Der Sammelband gibt davon Auskunft, auch von den Konflikten und Fehlern, die schließlich in den 1970er Jahren „das Ende der Allianz aus Judentum und Arbeiterbewegung“ einläuteten: „Ab 1967 dominierte eine antikoloniale, antiimperialistische Lesart die weltweite Linke. Ab 1977 ging die Hegemonie in Israel an die Rechte um die Likud-Partei über.“ In der Folge geriet auch die Geschichte der emanzipatorischen Allianz zum Teil in Vergessenheit; dem will der Sammelband etwas entgegensetzen.

Gertrud Pickhan verfolgt die Geschichte des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes „Bund“ im östlichen Europa, in dem national-kulturelle Autonomie, Jiddischkeit und Internationalismus ihre Wirkung entfalteten. Angelika Timm blickt auf die im Gegensatz zum „Bund“ dezidiert zionistische Linke, spürt ihren europäischen Wurzeln und ihrer israelischen Gegenwart nach. Natürlich spielt auch Rosa Luxemburg eine Rolle – von dem Beitrag von Dana Mills hätte man sich allerdings etwas mehr Auskunft darüber wünschen können, wie „die Haskalah-Bewegung, aber auch die mit der Emanzipation einsetzenden Veränderungen des jüdischen Rechtsstatus“ nicht nur auf das Leben der Familie Luxemburg, sondern auch auf das politische Denken der Revolutionärin Rosa wirkten.

Sehr lesenswert ist Hanno Plass’ Beitrag über „Linke Jüdinnen und Juden in Südafrika“; Florian Weis verfolgt kenntnisreich den Weg von Jüdinnen und Juden in der britischen Arbeiterbewegung. Axel Fair-Schulz nimmt sich den deutsch-jüdischen Kommunist und Wissenschaftler Jürgen Kuczynski in verschiedenen Epochen in den Fokus, so wie dann folgend John S. Will die Biografie des jüdischen Internationalisten und sozialistischen Gewerkschafters Jakob Moneta sowie Mario Keßler das Leben des „jüdischen Ketzers im Kommunismus“, Theodor Bergmann vorstellen. Zarin Aschrafi schließlich widmet sich „Deutsch-jüdische Scheidungen“ am Beispiel des Wirkens linker Jüdinnen und Juden aus Frankfurt am Main in den 1970er und 1980er Jahren.

Das Thema, also „an die einstmals so intensive, wenn auch nicht selten spannungsreiche Verbindung von jüdischen und nicht-jüdischen Linken, ja die Selbstverständlichkeit, die sie in manchen Phasen und Ländern erreichte“, zu erinnern, wird bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung auch in der Zukunft weiter wichtigen Stellenwert behalten: Für 2022 ist eine zweite Publikation mit Biografien von linken Jüdinnen und Juden geplant.

Einen weiteres Aspekt der Verbindung von jüdischen und nicht-jüdischen Linken nehmen zwei der Autoren des Sammelbandes – Riccardo Altieri und Mario Keßler – in einer neuen Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ auf, die sich dem Jüdischen Leben in Deutschland zuwendet: der spannungsreichen Beziehung von proletarischer Emanzipation und Kampf gegen den Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. So galt Antisemitismus den sozialdemokratischen Theoretikern und Politikern des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zwar als moralisch verwerflich und bekämpfenswert. „Aber seine Gefährlichkeit für die jüdische Existenz in Deutschland wurde unterschätzt.“ Auch die KPD nahm „den virulenten Antisemitismus als eigenständige Größe innerhalb der deutschen Gesellschaft nur unzureichend wahr“ und appellierte aus „tagespolitischer Opportunität“ indirekt „sogar an antisemitische Ressentiments von Kleinbürgern und Studenten“, so Riccardo Altieri und Mario Keßler. „Ungeachtet aller Defizite war das Bekenntnis zum Internationalismus und zur Solidarität mit den Juden in der KPD wie auch der SPD nicht nur eine Phrase – denn die Liquidierung der deutschen Arbeiterbewegung war Voraussetzung für die Nazis, die Vernichtung des europäischen Judentums und das Projekt eines imperialistischen Rassenstaats in die Wege zu leiten.“ PR

Riccardo Altieri, Bernd Hüttner und Florian Weis (Hg.): Die jüdische mit der allgemeinen proletarischen Bewegung zu vereinen. Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken, „luxemburg beiträge“ Nr. 5, Berlin 2021. externer Link

Jüdisches Leben in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 71. Jahrgang, 44– 45/2021, November 2021