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Bodo Ramelow

Gedenken am Jahrestag: Bodo Ramelow zum 20. Jahrestag des Gutenberg-Amoklaufs

Foto: Paul-Philipp Braun

Ich glaube, jeder, der in diesen Tagen in der Stadt war, kann sich genau erinnern, wie dieser Tag für ihn abgelaufen ist. Der Hinweis, dass auch ein Genosse von uns zu den getöteten Lehrern gehörte, erreichte mich gegen Abend. Ich bat, den Kontakt zum Trauerhaus aufzunehmen und ahnte nicht, dass ich die Witwe aus meiner Gewerkschaftszeit als engagierte Betriebsrätin längst kannte. Aber auch die Lehrerin, die auf dem Pflaster vor der Schule für die ganze Welt sichtbar sterben musste, hatte ich noch wenige Tage vorher mit ihrer Kunstausstellung und ihrem sehr großen Engagement für Schülerinnen und Schüler, um sie neugierig auf Kunst zu machen, in der Lutherkirche besucht, wo sie eine große Ausstellung organisiert hatte. Ich hatte sehr schnell eine sehr konkrete Vorstellung, wie dicht diese Spur des Mordens mit meinem Leben verbunden ist.


Dankbar bin ich bis heute für das unglaubliche Engagement von Tamara Thierbach, die uns allen geholfen hat, den Platz zu finden, an dem wir Sinnvolles beitragen konnten, um in dieser furchtbaren Zeit Menschen beizustehen. Der junge Schüler Björn Harras organisierte mit anderen zusammen die Aktion „Schrei nach Veränderung“ und ich bin froh, mit ihm bis heute nicht nur befreundet zu sein, sondern politisch zusammenarbeiten zu dürfen. Tamara hat als Bürgermeisterin der Stadt Erfurt später große Spuren in der Stadt hinterlassen. Da ich zu dieser Zeit noch am Johannesplatz wohnte, hat es mich sehr berührt, dass der Schulleiter der staatlich integrierten Gesamtschule am Johannesplatz einen Weg gefunden hatte, wie in der ganzen Schule mit den Schülerinnen und Schülern über dieses dramatische Geschehen eine Form des Dialogs gefunden werden konnte, bei der Trauer, Sorge und Angst gemeinsam bearbeitet wurden.


Die ganze Schulgemeinschaft ging dann zu Fuß vom Johannesplatz Richtung Gutenberg-Gymnasium, um dort Blumen niederzulegen, aber auch, um auf dem Weg das Unfassbare für die Kinder fassbar zu machen. Ich war dankbar, dass ich den ganzen Weg mitlaufen durfte und so gespürt habe, wie wichtig es ist, dass wir in dieser Stadt zusammenhalten.


So habe ich es auch jeden Abend in den Andachten erlebt, die nicht nur für die direkt betroffenen Angehörigen von großer Bedeutung, sondern schlicht für die ganze Stadt unabdingbar waren. Geöffnete Kirchentüren boten die Sicherheit, um der Seele den nötigen Schutz zu geben.
Die Mutter unseres Genossen Hans Lippe bat mich, beim Besuch im Trauerhaus, ob ich denn die Trauerrede bei der Beisetzung für ihren geliebten Sohn halten könnte. Ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment wie gelähmt war, da ich gerade meinen besten Freund zu Grabe getragen hatte und eigentlich einen großen Bogen um Trauerreden machen wollte.


Gleichwohl konnte ich diesen Wunsch nicht abschlagen und habe mich so gemeinsam mit der trauernden Familie aufgemacht, das nicht Beschreibbare bei der Beisetzung so zu fassen, dass zwischen der Trauer, der Ratlosigkeit nicht die Bitternis über das Unerträgliche das Leben überwuchert. Ich habe lange an jedem Wort gefeilt, um den richtigen Ton zu treffen. Ich saß Stunden in Hans‘ Arbeitszimmer, seine Schallplatten betrachtend, seine Bücher lesend. Mir wurde klar, wieviel wir gemeinsam hatten, obwohl wir lange in zwei völlig verschiedenen Welten - West/Ost –gelebt hatten.


Letztlich bleibt eine sehr berührende Szene, als die Jugendwallfahrt der Katholischen Kirche zum Domberg in den Dom verlegt wurde. Dort hat Bischof Wanke demonstrativ auch die 17. Kerze mit auf den Altar gestellt und ich merkte, wie schwer es Vielen fiel, dass auch für den Täter eine Kerze der Trauer entzündet wurde. In diesem Gottesdienst hörte ich einen Satz aus dem Mund des katholischen Bischofs, der die jungen Leute zum Lachen brachte und ich merkte, wie wichtig es war, dass nach Wochen des Durcheinanders und der Anspannung in Erfurt wieder gelacht wurde. Zwanzig Jahre ist es nun her und keine Sekunde des 26. April 2002 habe ich vergessen. Bodo Ramelow

 

Was sich seitdem geändert hat

Neben dem Jugendschutzgesetz wurde auch das Waffengesetz verschärft. Das Mindestalter für Sportschützen zum Erwerb einer großkalibrigen Waffe wurde auf 21 Jahre angehoben und den Sportschützen unter 25 Jahren eine medizinisch-psychologische Untersuchung zur Auflage gemacht. Sogenannte Pumpguns die nur über einen Pistolengriff, nicht jedoch über einen Hinterschaft verfügen, wurden insgesamt verboten. Des Weiteren wurden die Aufbewahrungspflichten für Schusswaffen und Munition erheblich verschärft. Im Bildungsbereich wurde seit 2004 die besondere Leistungsfeststellung für alle Thüringer Gymnasiasten Pflicht.
Zudem kann der schulische Teil der Fachhochschulreife gemäß § 82a der Thüringer Schulordnung erworben werden. Im Thüringer Schulgesetz wurde verankert, dass bei schwerwiegen Ordnungsmaßnahme wie einem Schulverweis die Eltern des betroffenen Schülers/Schülerin auch dann von der Schule informiert werden sollen, wenn dieser bereits volljährig ist, aber das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet hat (§ 31 Abs. 3 des Thüringer Schulgesetzes).
Auch in anderen Bundesländern wurde eine solche Regelung als Reaktion auf die Ereignisse in Erfurt in das Schulgesetz aufgenommen. Während früher die Polizeistreifen zwingend auf ein Spezialeinsatzkommando warten mussten, erhalten Polizist:innen in ganz Deutschland heute die notwendige Ausbildung und Ausstattung, um selbst unmittelbar gegen Amoktäter vorzugehen.

 

Erinnerungen, die bleiben

Dieser Tag erschütterte Deutschland. Am Vormittag des 26. April 2002 fand in Erfurt einer der schlimmsten Amokläufe statt, die es jemals in Deutschland gegeben hat. Ein ehemaliger, einige Monate vor den Abiturprüfungen von der Schule relegierter Schüler des Gutenberg-Gymnasiums hatte sich in den Besitz mehrerer hochgefährlicher Schusswaffen gesetzt und tötete innerhalb von 30 Minuten brutal und kaltblütig elf Lehrerinnen und Lehrer der Schule, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler:innen, einen Polizeibeamten und anschließend sich selbst. Das unfassbare Geschehen sorgte in ganz Deutschland für Aufwühlen, Entsetzen und Innehalten. Überall wurden an Schulen Gedenkminuten gehalten. Eine Welle der Anteilnahme brandete auf. Forderungen nach Verschärfung des Waffenrechts und nach besserer Schulorganisation, auch nach mehr Menschlichkeit und weniger Leistungsdruck im Schulalltag wurden laut.


Bundespräsident Rau kam nach Erfurt und sprach vor 100.000 Menschen auf dem Domplatz. In Erfurt reagierten Schülerinnen und Schüler mit der Initiative „Schrei nach Veränderung“ und wurden gesellschaftlich und politisch wahrgenommen. Immerhin musste es als wahrscheinlich gelten, dass die nach dem Schulverweis kurz vor dem Abitur eingetretene Ausweglosigkeit des Täters angesichts des damals vollständig fehlenden Schulabschlusses zu dem schrecklichen Geschehen beigetragen hatte.


Heute ist der Berg, den das Ereignis hinterlassen hat, keineswegs abgeräumt. Unter den Angehörigen der Opfer und unter den Schülerinnen und Schülern, die Zeugen waren, sind solche, die immer noch mit psychischen Folgen zu kämpfen haben. Auch wenn es inzwischen an allen Thüringer Gymnasien die besondere Leistungsfeststellung gibt, mit der ein dem Realschulabschluss gleichwertiger Abschluss allen Gymnasiast:innen auf dem Weg zum Abitur zuerkannt wird, ist umstritten, ob alle bildungspolitischen Schlussfolgerungen heute bereits umgesetzt sind. Dasselbe gilt für das Waffenrecht. Das schreckliche Geschehen im April 2002 in Erfurt soll uns heute zuerst Anlass sein, der Opfer des Amoklaufs zu gedenken.


Zum anderen aber drängt es uns, immer wieder auch über Sinn und Zweck von Bildung nachdenken, über die Wichtigkeit, Freude an Bildung zu leben jenseits kalter Karrierevorbereitung für junge Menschen und über den Anspruch, auf diesem Weg keinen zurückzulassen. Dr. Steffen Kachel
 

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