Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Fortschritt oder Fluch? Perspektiven der Produktivkraftentwicklung

Alle reden von Digitalisierung. Zu deren Auswirkungen existieren die gegensätzlichsten Spekulationen. Viele Menschen haben Angst. Im Fokus stehen Arbeitsplätze, aber auch Datenkontrolle, zukünftiger Rohstoffverbrauch sowie der Energiezuwachs für die digitale Nutzung. Was an der Digitalisierung von Produktions- und Konsumprozessen ist neuartig im Vergleich zur klassischen Produktivkraftentwicklung, die mit der Dampfmaschine ihren Anfang nahm? Sprengt die Digitalisierung womöglich den Zusammenhang von Produktivkraftentwicklung und kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnissen? Würde das bedeuten, dass der Kapitalismus, analog zu Karl Marx, an seine Grenze stößt?

Diesen Fragen gehen Soziologen, Ökonomen, Informatiker, Ingenieure und Naturwissenschaftler in einem lesenswerten Sammelband nach. Dass hier nur die männliche Form verwendet wird, hat seine Bewandnis darin, dass nur Männer in dem von Heinz-J. Bontrup und Jürgen Daub herausgegeben Band schreiben. Womit die schwerwiegendste Kritik schon geäußert wäre, denn das Buch ist davon abgesehen äußerst lesenswert.

»Wir sind der Überzeugung, dass die Techniklastigkeit des Diskurses über Digitalisierung der Gesamtentwicklung innerhalb einer globalisierten, nur auf Mehrwertschaffung fixierten Ökonomie nicht gerecht wird«, schreiben Bontrup und Daub in ihrer Einführung. Damit ist zweierlei gesagt: Erstens, dass von Technik schweigen sollte, wer über deren gesamtgesellschaftlichen Charakter nichts sagt. »Technikanwendung ist an sich neutral. Sie verliert aber ihre Neutralität und damit ihre Wertfreiheit unter Berücksichtigung des jeweiligen Wirtschaftssystems«, heißt es da. Zweitens rückt die Frage nach den Potenzialen der Produktivkraftentfaltung in den Blick. Was kann das Befreiende an Digitalisierung sein und wie entfesselt man es? Oder geht es nur um »eine weitere erfolgreiche Etappe zur Stärkung der Ordnung, die im Wesentlichen den Kapitaleigentümern dient?«

Um diese Punkte ordnen sich die Beiträge von Gustav Bergmann, Peter Brödner, Florian Butollo, Alex Demirović, Rainer Fischbach, Joachim Paul und Rudi Schmiede an – mal im konstruktiven Dissens, mal in ergänzender Horizonterweiterung, mal aus techniksoziologischer, mal aus philosophischer Perspektive. Man sollte sich von der inzwischen angehäuften Fülle ähnlicher Publikationen zum Thema »Digitalisierung« nicht abschrecken lassen: In diesem Sammelband lässt sich noch jede Menges Neues lernen. PR

 



 
Heinz-J. Bontrup / Jürgen Daub (Hg.): Digitalisierung und Technik – Fortschritt oder Fluch? Perspektiven der Produktivkraftentwicklung im modernen Kapitalismus, PapyRossa Verlag Köln 2020, 321 Seiten, 22 Euro.