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»Es hat funktioniert« Andreas Schuster erinnert sich, wie alles begann (mit Video)

Andreas Schuster ist kompetenter Zahlen-Jongleur, Haushaltsexperte und echtes Urgestein der Thüringer Linksfraktion. Nach einem langen Tag helfen ihm ein Glas Whisky und die Musik von AC/DC, Deep Purple oder Ozzy Osbourne beim Entspannen. Auf Barock-Festen frönt er der Mode des Rokoko und schlüpft zusammen mit seiner Frau in die opulente Kleidung des 18. Jahrhunderts.

 

Als sich am 25. Oktober 1990 der neue Thüringer Landtag im Weimarer Nationaltheater konstituierte, war dies zugleich auch die Geburtsstunde der Linken-Liste/PDS-Fraktion. Sie bestand aus Abgeordneten verschiedener Parteien und Bürgerbewegungen, die sich zu jener Zeit zu einer Listenverbindung zusammengeschlossen und immerhin neun gemeinsame Mandate bei der ersten Landtagswahl errungen hatten. Von dieser lang vergangenen Episode ist heute, dreißig Jahre später, nicht mehr viel übrig geblieben. Die Abgeordneten und ihre Verbände, der alte zugige Plenarsaal, überhaupt der ganze Gebäudekomplex und auch die politischen Kontrahenten und Opponenten – alles hat sich verändert. Ja, selbst Fotos und bewegte Bilder aus den Anfangsjahren sind selten und kostbar. Nur ein Mann ist seit Stunde Null mit von der Partie und gehört mittlerweile quasi zum Inventar der Fraktion: Andreas Schuster.

Heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter für Haushalt und Finanzen, fachlich fundiert und menschlich gesettelt. Bei der allerersten Sitzung im Nationaltheater musste er allerdings noch draußen bleiben. „Ich durfte da auch gar nicht rein. Ich war ja kein Abgeordneter und noch gar nicht richtig beschäftigt. In den ersten Monaten war ich noch als Lehrer in Jena angestellt.“ Eigentlich habe sich seine Partei „Die Nelken“ damals eher der grünen Listenverbindung anschließen wollen. Doch Kandidaten wären dort schon zur Genüge vorhanden gewesen. „Wir hätten gerne mitmachen dürfen, aber nur zum Plakate-Kleben. Verhandlungsführer Dieter Strützel von der PDS hat uns dann angeboten, eine gemeinsame Liste aufzustellen“, erinnert sich Schuster.

Mit ein paar Prozentpunkten mehr für die Linke Verbindung hätte es sogar durchaus klappen können mit seinem Landtagsmandat. Doch wie es der Zufall so wollte, landete er stattdessen Hals über Kopf in der Geschäftsstelle der Fraktion als stellvertretender Geschäftsführer. „Am Anfang pendelte ich nach Feierabend immer nach Erfurt. Ich war dann zuständig für alles mögliche, zum Beispiel für Raumbelegung, Personal, technische Ausstattung. Ich war ja Mathe-Lehrer. Ich konnte das“, bemerkt er verschmitzt. „So musste ich dann auch schnell herausfinden, wie man einen Arbeitsvertrag aufsetzt. Die Gehaltszettel habe ich mit dem Nadeldrucker auf A4 Seiten gedruckt und in Streifen geschnitten, damit alle wussten, was sie an Steuern und Sozialabgaben zu bezahlen hatten. Es war ja alles neu für uns, aber es hat funktioniert.“

Vor allem die technischen Gegebenheiten muten aus heutiger Sicht ziemlich abenteuerlich an. So kam es schon einmal vor, dass Andreas Schuster ein Fax mithilfe eines Schweißdrahts und einer Büroklammer in der Telefondose verknoten musste oder eine Textverarbeitungssoftware auf neunzehn 5,25″ Disketten für 2.200 Deutsche Mark erwarb. Seltener kam es am Anfang hingegen vor, dass die riesigen 20-Megabyte-Festplatten in den Computern wirklich einmal voll waren. Praktisch nie musste man sich bis ins Jahr 2000 hinein mit Netzwerkproblemen herumschlagen. „Man hat die Datei einfach auf einer Diskette abgespeichert und diese zu den Kollegen gebracht.“ Klingt umständlich, aber es hat funktioniert.

„Anfang 1991 konnten wir plötzlich nicht mehr auf unser Konto zugreifen. Das war vielleicht ein Aufruhr“, fabuliert Schuster. Die Sparkasse, die sich zu dieser Zeit noch direkt im Haus befand, hatte die angeblichen SED-Gelder beschlagnahmt gehabt. „Fraktionsvorsitzender Klaus Höpcke und ich haben uns mächtig beschwert, bis die Sparkasse eingesehen hat, dass unsere Gelder ausschließlich vom Land Thüringen kamen und wir keinen einzigen Pfennig von der SED besaßen.“ Ganz besonders hart traf Schuster und seine Genoss*innen die Abneigung der CDU gegenüber der neuen Linken Fraktion und ihrer augenscheinlichen DDR-Vergangenheit. „Manchmal, wenn unser Vorsitzender ans Rednerpult ging, sind einige von der CDU aufgestanden und rausgegangen. Die wollten das nicht ertragen. Das war echter Hass, der uns da entgegengekommen ist.“ Erst mit den Jahren sei das Verhältnis besser geworden. „Dank unserer Wähler*innen, die erkannt haben, was gut für sie ist, sind wir so stark geworden, dass kein Weg mehr daran vorbeiführt. Inzwischen können wir ja auch normal mit der CDU reden.“

Nach turbulenten Anfangsjahren in der Geschäftsstelle hat Andreas Schuster nunmehr seit 20 Jahren seinen festen Platz als Haushalts- und Finanzreferent gefunden. Ein paar Mal habe er es noch versucht als Abgeordneter in den Landtag einzuziehen, zuletzt 2019. Immer sei er mit seinem Listenplatz knapp am Erfolg vorbeigeschrammt. Doch so traurig ist er darüber gar nicht „Ich bin glücklich mit meinem Job und mache das gerne. Ich werde hier alt. Die anderen können alle flexibel sein auf dem Arbeitsmarkt. Ich bin jetzt 30 Jahre hier und sieben Jahre schaffe ich noch.“

Auch der wuchtige Schnauzbart der alten Tage ist lange schon Geschichte. „Anfang 2009 hab ich meine zweite Frau gefunden und die sagte, mit dem Bart, das ginge gar nicht. Da hab ich ihn abrasiert und ihr ein Foto geschickt. Daraufhin haben wir uns nochmal getroffen und jetzt haben wir unseren zehnten Hochzeitstag.“ Simpel, aber es hat funktioniert. Lukas Krause