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Erschütternde Wahrheit

Im Mai 1942 begann die Deportation Thüringer Jüd*innen durch das NS-Regime

Am frühen Morgen des 9. Mai 1942 wurden 101 Erfurter Juden und Jüdinnen auf dem Bahnhof zusammengetrieben. Die Fahrt mussten sie selbst bezahlen. Es war für die allermeisten die Fahrt in den Tod: Anfang Mai jährt sich der Beginn der Deportationen durch das NS-Regime zum 79. Mal. Rund 1.000 Menschen waren vom 9. bis 11. Mai 1942 aus Thüringen und Sachsen verschleppt worden. Nur wenige von ihnen überlebten den Terror der Faschisten. Geplant wurde die Verschleppung der Menschen in den Tod unter anderem im so genannten Judenreferat der Gestapo – und diese hatte von 1939/40 bis 1945 in den Räumen des heutigen Abgeordnetenhauses des Thüringer Landtags in der Arnstädter Straße ihren Dienstsitz.

Während in den Büros in den oberen Geschossen die Massenmörder ihre Gräueltaten planten, wurden im Keller in drei Haftzellen Menschen verhört, gefangen gehalten, gefoltert, gequält. Seit Mai 2021 wird daran mit dem „Erinnerungsort Thüringer Landtag“ erinnert. Es handelt sich dabei um eine von ehemals drei Haftzellen.

Laut dem Historiker und früheren Leiters der „Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“, Volkhard Knigge, ist solch ein Erinnerungsort „am Ort des demokratischen Souveräns“ bundesweit einmalig. Es handele sich, so der Politikwissenschaftler Michael Edinger, der auch zur Bau-Geschichte des Thüringer Landtags forscht, nicht bloß um irgendein „steinernen Zeitzeugen“, sondern hier war ein „Ausgangspunkt der Vernichtung jüdischen Lebens“.

Die Initiative zu dem Erinnerungsort ging nicht zuletzt von der früheren CDU-Parlamentspräsidentin Birgit Diezel aus. Anlässlich einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2012, bei der die Gedenkstätte eröffnet wurde, verwies Diezel auf die Verantwortung aller Demokrat*innen gegenüber den Opfern des NS-Regime. „Es waren staatliche Spediteure des Todes, die von hier aus die Vorbereitungen für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung trafen. Diese erschütternde Wahrheit ist unabweisbar Teil der Geschichte dieses Hauses. Sie aufzuarbeiten, ist eine moralische Verpflichtung, die der Thüringer Landtag nun einlöst.“

Seinerzeit war noch nicht absehbar, dass eine rechtsradikale Partei wie die AfD, aus der heraus der NS-Terror verharmlost und neuerlich antisemitische Attacken gefahren werden, ebenfalls Räume in dem Abgeordnetenhaus beziehen würden. „Die zeitliche Distanz zur Schoah wächst. Leid, Schmerz und Trauer sind jedoch bis heute spürbar. Wie schnell und hemmungslos aus Vorurteilen Hass und aus Hass Völkermord werden kann, hat sich fest in das Bewusstsein der jüdischen Gemeinschaft eingebrannt“, so Knobloch damals. Zum Zeitpunkt der Eröffnung des Erinnerungsortes war gerade die Existenz des rechtsterroristischen NSU bekannt geworden. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hatte in der Gedenkveranstaltung im Mai 2012 die verantwortliche Politik kritisiert, die den Rechtsextremismus zu lange unterschätzt habe.

Der damalige Vorsitzende der Linksfraktion und heutige Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow, hatte seinerzeit gemahnt, sich weiter intensiv mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu beschäftigten. „Die Erinnerung an die Geschichte des Hauses als früheres Gestapo-Hauptquartier ist ein unverzichtbarer Bestandteil, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.“ Zumal Thüringen das erste Land mit einer Regierungsbeteiligung der Faschisten in Deutschland war – schon 1929. Ab 1932 gab es dann eine NSDAP-geführte Landesregierung. PR