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Erhebliches Radikalisierungspotenzial

Wer geht zu den „Corona-Protesten“? Zwei Studien zeigen, dass die Teilnehmenden immer stärker nach rechts rücken

 

Immer wieder machen Aufmärsche so genannter „Corona-Leugner*innen“ Schlagzeilen. Im Fokus stehen dabei nicht zuletzt die zahlreichen Rechtsradikalen, die bei diesen Demonstrationen auftauchen. Auch die Angriffe auf Journalist*innen und Polizist*innen sorgte immer wieder für Empörung. Wer marschiert dort und was denken diese Leute politisch? Dieser Frage gehen inzwischen auch Wissenschaftler*innen nach. Zwei Studien geben Aufschlüsse.


Im vergangenen November hat der in Basel lehrende Soziologe Oliver Nachtwey mit einem Forschungsteam unter anderem bei Corona-Demonstrationen in Deutschland und der Schweiz umgesehen und Teilnehmer*innen befragt. Das Ergebnis: Diese kommen meist aus der Mittelschicht, sind eher älter und akademisch gebildet. Die Gegner*innen der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie seien „in sich heterogen, aber nach rechts offen und vom politischen System stark entfremdet“. Der parlamentarischen Politik und den Parteien, der Wissenschaft und den Medien werde großes Misstrauen entgegengebracht.


Laut Nachtweys Forschungen, die erst am Anfang stehen, sind 60 Prozent der Befragten Frauen, 34 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium, 65 Prozent haben das Abitur. Es fanden sich 25 Prozent Selbstständige unter den Demonstrierenden. 32 Prozent rechneten sich der oberen Mittelschicht zu.


Was ihre politischen Ansichten angeht, zeigt sich ein äußerst disparates, ja widersprüchliches Bild: Nachtwey sprach in einem Radiointerview davon, dass diese Aufmärsche eine „neuartige und auch überraschende Bewegung“ sei, die Milieus verbindet, zwischen denen man bisher große Distanzen vermutete. Teilnehmende kämen aus dem anthroposophischen, alternativen Spektrum; andere waren „durchaus sehr Konservative und mitunter auch Rechtsextreme“. Es habe sich gezeigt, dass auch „Bürgerliche oder Linke vor Ort waren, die aber kein Problem damit hatten, dass rechte Symbolik gezeigt wurde“.


Nachtwey spricht von einer Bewegung, „die zum Teil von links kommt, aber eher nach rechts geht“. Dies zeigt sich auch in Daten der Untersuchung. Bei der letzten Bundestagswahl 2017 hatten demnach 23 Prozent der Teilnehmenden der Aufmärsche erklärt, die Grünen gewählt zu haben, 18 die Linkspartei und 15 die rechtsradikale AfD. Befragt, wen diese Menschen bei der kommenden Bundestagswahl im Herbst wählen würden, sagten 27 Prozent, sie würden für die AfD votieren. Nachtwey sieht hier die Verwandlung von zunächst eher antiautoritär geprägten Rebellen zu regressive Rebellen – Menschen, die in ihrem „Wüten gegen das System“ immer stärker nach rechts rückten.


Das entspricht auch Analysen, die unlängst Forschende des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) um Edgar Grande und Swen Hutter vorgelegt haben. Ihre Erkenntnisse zeigen, dass die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zwar nicht nur am rechten Rand Zustimmung fanden, sondern auch in einer politischen Mitte, die sich von den etablierten Parteien nicht repräsentiert sieht und der Politik misstraut. Man beobachte aber auch ein erhebliches Risiko für eine weitere politische Radikalisierung des Protests: „Diejenigen, die Verständnis für die Proteste äußern, sind zugleich überdurchschnittlich offen für Verschwörungsideologien“, so Grande.


In der WZB-Studie geht es zum ersten Mal um das bundesweite Mobilisierungspotenzial dieser Proteste, also darum, in welchem Ausmaß und bei welchen gesellschaftlichen Gruppen diese Aufmärsche Anklang und potenzielle neue Anhänger*innen finden. Befragt wurden dafür zwischen Juni und November 2020 über 5.000 Menschen. Es zeigte sich: Jede*r zehnte Befragte war bereit, sich an Aktionen gegen die Corona-Politik zu beteiligen oder hatte es bereits getan. Und jede*r fünfte Befragte äußerte großes oder sogar sehr großes Verständnis für die Proteste.


Unter denen, die Verständnis für die Aufmärsche so genannter Corona-Leugner*innen zeigen, sehen sich über 60 Prozent selbst in der politischen Mitte, 7,5 Prozent verorten sich aber als rechtsextrem. Rund 25 Prozent der „Protestversteher“ würden die AfD wählen, mehr als ein Drittel würde sich für keine der im Bundestag vertretenen Parteien entscheiden. Auch dies entspricht im Grunde Nachtweys Forschungsergebnissen.


Mit der zunehmenden Bedeutung der „Querdenker“ im Corona-Protest habe, so das WZB-Forschungsteam, ab Sommer 2020 „ein Rechtsruck im Mobilisierungspotenzial“ stattgefunden. Auffällig sei zum Beispiel, dass das Verständnis für den Protest unter Menschen, die sich als weit links stehende selbst verorten, sehr stark zurückgegangen ist: von über 21 Prozent im vergangenen Juni und Juli auf nur noch gut 8 Prozent im August 2020. Gleichzeitig sei die Zustimmung bei radikal rechts positionierten Befragten von knapp über 30 auf 40 Prozent gewachsen.


Das Mobilisierungspotential der Corona-Aufmärsche „tendiert über Zeit zunehmend nach rechts und es besitzt aufgrund seiner Anfälligkeit für Verschwörungstheorien ein erhebliches Radikalisierungspotenzial“, so die Forscher*innen. Dies ist ein mitentscheidender Punkt und ein entscheidendes Merkmal: Rund 15 Prozent der „Protestversteher“ glauben der zentralen Verschwörungserzählung der Neuen Rechten vom angeblich geplanten „großen
Austausch“ der Bevölkerungsmehrheit uneingeschränkt; 40 Prozent billigen ihr eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Zum Vergleich: Unter den Befragten mit wenig oder keinem Verständnis für die Proteste schenken fast 70 Prozent Verschwörungstheorien keinen Glauben.


Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben diesen Aspekt – die Rolle von Verschwörungstheorien – in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine“ in den Kontext früherer soziologischer Erklärungsversuche gestellt. „Man kann die Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus als gescheiterten Versuch sehen, die eigene Wissenssouveränität gegenüber der Realität zurückzugewinnen. Gescheitert deshalb, weil man sich im eigenen Wissensglauben unkritisch den Autoritäten der neuen Gemeinschaft unterwirft. An die Stelle der Wissenschaft treten neue Propheten.“ Und diese sind, wie beide Untersuchungen zeigen, zunehmend rechtsradikale Propheten. „Der ›Querdenken-Protest‹ scheint sich nicht auf dem für die neuere deutsche Protestgeschichte charakteristischen Weg der ›Normalisierung‹ zu befinden“, warnt das WZB-Forschungsteam, „sondern auf dem Weg der Radikalisierung“. PR

 


 

Edgar Grande, Swen Hutter, Sophia Hunger, Eylem Kanol: Alles Covidioten? Politische Potenziale des Corona-Protests in Deutschland. WZB Discussion Paper ZZ 2021-601, März 2021, 35 Seiten.

Oliver Nachtwey, Robert Schäfer, Nadine Frei: Politische Soziologie der Corona-Proteste, Grundauswertung Dezember 2020, Universität Basel, 65 Seiten.