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Einladung zum Weitergraben

Geschichtsarbeit und linke Politik: eine Broschüre auf den Spuren des Antifaschisten Karl Zink

Es ist das Jahr 1933, der Hitlerfaschismus ist an der Macht, nahe Ilmenau findet das Gabelbachrennen statt, eine damals recht berühmte Motorsportkonkurrenz – doch an der Zufahrt zur Rennstrecke hängen Plakate der KPD. Während des Rennens flattern antifaschistische Flugblätter vor den oberen Teilen der Tribüne. Die Aktion erregte viel Aufmerksamkeit, die Nazis forderten das Publikum des Gabelbachrennen auf, die „Hetzflugblätter“ der „kommunistischen Elemente“ einzusammeln und abzuliefern.


Einer der Mutigen, die sich damals dem Faschismus entgegenstellten, war Karl Zink. Der Name ist jenseits der Region kaum bekannt, in und um Ilmenau ist das anders. Doch auch hier sind die Quellen über den Antifaschisten und Kommunisten, der im September 1940 von den Nazis hingerichtet wurde, rar. In einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen herausgegebenen Broschüre haben nun Julian P.J. Degen, der Landtagsabgeordnete Christian Schaft und Paul Wellsow Informationen und Hinweise auf Zinks Biografie zusammengetragen.


Eine gewisse Rolle spielte dabei der Zufall: Auf der Suche nach Räumen für ein offenes Jugend- und Wahlkreisbüro in Ilmenau fanden Schaft und seine Mistreiter*innen ein freies Büro in der Karl-Zink-Straße 2 – der Beginn einer Recherche und Beschäftigung, die keineswegs nur historiografische Züge trägt. „Erinnern heißt handeln. Handeln bedeutet für uns in einem ersten Schritt, Räume zu schaffen. Räume für eine solidarische, widerständige und antifaschistische Politik. Eine Politik, die nicht nur Abwehrkämpfe führt. Eine Politik, die aktiv streitet für das gute Leben für alle“, so formuliert es der LINKEN-Abgeordnete Christian Schaft.


Einer dieser Räume in Ilmenau ist nun mit Karl Zink verbunden, schon dem Namen nach – das Jugend- und Wahlkreisbüro heißt ZinXX. „Karl Zink und ZinXX, das ist nicht einfach ein Label. Das ist das Verständnis dafür, dass wir eine widerständige Erinnerungskultur brauchen, um verständlich zu machen, worum es geht, wenn wir von Antifaschismus sprechen und warum wir uns antifaschistisch engagieren“, so Schaft.


Wer aber war Karl Zink? In Ilmenau sei er fast allgegenwärtig und mehrfach gewürdigt worden, schreibt Degen in seiner biografischen Skizze über den Antifaschisten und Kommunisten. Geboren am 24. April 1910 zog die Familie 1917 nach Ilmenau, wo Karl Zink die Goetheschule besuchte – bis die Familie die Schulgebühren nicht mehr zahlen konnte. Eine Lehre zum Kaufmann schließt sich, auch der Besuch der Handelsschule und zudem erlernt Zink in der Werkstatt seines Vaters das Handwerk des Büchsenmachers. Die Wirtschaftskrise von 1929 bringt der der Familie den Ruin, Sohn Karl schließt sich 1931 der KPD an. Nach der Machtübertragung an die Nazis engagiert sich der in seinen frühen Zwanzigern stehende Antifaschist im Widerstand. 1935 wird er wegen Hochverrates und Mitgliedschaft in der KPD zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, erneut gerät er den Faschisten 1939 in die Hände. Diesmal wird Karl Zink zum Tode verurteilt. In einem seiner letzten Briefe schreibt er an die Mutter: „Als Letztes rufe ich Dir zu, bleibe stark und trage Deinen Kopf hoch bis zum letzten Atemzug, wie es auch unser Vater getan hat.“


„Bleibe stark und trage Deinen Kopf hoch“, lautet nun auch der Titel der Broschüre. Sie ist das Ergebnis einer Befassung mit Geschichte „von unten“, eines historiografischen und erinnerungspolitischen Engagements, das auf Vorbilder zurückgreifen kann. Wie Paul Wellsow, bis vergangenen Sommer Geschäftsführer der Rosa-LuxemburgStiftung Thüringen in seinem Beitrag erinnert, war auch in der Bundesrepublik seit dem Ende der 1970er Jahre eine Bewegung im Entstehen begriffen, die sich mit der Geschichte aus einer politischen Perspektive befasste. Es ging darin nicht mehr bloß um die „großen Männer“, die Abfolge von Staatshandlungen, sondern um die „normalen“ Menschen, um Sozial- und Alltagsgeschichte, um antifaschistischem Widerstand und Arbeiterbewegung vor Ort. Die Spurensuchen erschöpften sich auch nicht nur in der Dokumentation des Gewesenen, sie waren „demokratische Selbstermächtigung durch historische Forschung“ und zugleich lebendige Auseinandersetzung mit Geschichte, die auch politisches Engagement vor Ort einschloss.


„Grabe, wo du stehst“, so das Motto jener selbstorganisierten Geschichtswerkstätten und Engagierten – die Recherchen zu Karl Zink standen unter gleicher Losung. „Gegraben“ wurde im Stadtarchiv Ilmenau, bei Gesprächen mit Lokalhistorikern und engagierten Antifaschist*innen und in den zu Zink veröffentlichten Texte aus Jahrzehnten. Entstanden ist so eine biografische Skizze, die sowohl Licht auf eine politische Biografie der Region wirft als auch Auskunft darüber erteilt, wie schwer es sein kann, belastbare Fakten zusammenzutragen. Degens Kurzbiografie von Karl Zink spart denn auch nicht mit quellenkritischen Überlegungen, weist auf Widersprüche in den Erinnerungen anderer nach, benennt offene Fragen.


Die geschichtspolitische Arbeit vor Ort in Ilmenau ist zugleich eine Aufforderung, neue „Grabungen“ zu beginnen. Man wolle, schreibt Degen, „dazu ermutigen, dass sich – noch mehr als bisher schon geschehen – mit den Einzelschicksalen von ›ganz normalen‹ Menschen auseinandergesetzt wird. Allein die Recherchen zu Karl Zink warfen ein Licht auf circa zwanzig andere Menschen, die mit ihm den antifaschistischen Widerstandskampf bestritten.“ Die Lektüre des Heftes zu Karl Zink könnte so neues Engagement befeuern. Eine progressive Geschichtsarbeit also, die übrigens rot-rot-grüne Rückendeckung erhält – in den Koalitionsverträgen von 2014 und 2020 ist die Unterstützung für Geschichtsarbeit und Erinnerung an den Widerstand gegen die NS-Herrschaft verankert.


Die kleine Biografie diene dem Gedenken und der Würdigung, heißt es in der Broschüre zu Karl Zink. Sie diene aber auch dazu, sich über Antifaschismus und linke Politik heute zu verständigen. „Karl ist uns ein Vorbild. In unserem Büro wollen wir Politik ähnlich denken und leben, wie Karl es getan hat“, so Christian Schaft. Es ist ein Beitrag, das Wissen um den antifaschistischen Widerstand gegen den deutschen Faschismus, um die Stärke und die Fehler oder um den Alltag der Arbeiter*innenbewegung wieder zu stärken. Oder, wie Schaft es formuliert: Das Heft ist eine Einladung, „darüber ins Gespräch zu kommen, was Erinnern und Handeln für jede*n von uns heißen und wie wir mehr Räume schaffen können, in denen wir gemeinsam, solidarisch und vielfältig antifaschistische Politik machen können.“ PR

 



 
Julian P. J. Degen, Christian Schaft, Paul Wellsow: „... Bleibe stolz und trage deinen Kopf hoch“. Eine Kurzbiografie über Karl Zink, Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, Dezember 2020. Weitere Infos und Bezug: th.rosalux.de oder schriftlich an Rosa-Luxemburg-Stiftung, Futterstraße 20, 99084 Erfurt bzw. per eMail: thueringen@rosalux.org