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Eine Broschüre über die Apoldaer Strick- und Textilindustrie und ihren Wandel nach 1990

„Was ist mit dem Stoff passiert?“ Wer die gleichnamige Broschüre „Über die Apoldaer Strick- und Textilindustrie und ihren Wandel“ gelesen hat, wird darauf keine abschließende Antwort gefunden haben. Belohnt werden die Leser*innen allerdings mit vielen neuen Fragen und mit vielen Teilen eines großen Puzzles, das immer wieder neu zusammengesetzt werden muss. Es geht um das Thema Treuhand und die Aufarbeitung dessen, was damals zwischen 1990 und 1994 mit den ehemaligen volkseigenen Betrieben passiert ist. Hier konkret: um die Region Apolda, um das Schicksal der dortigen Textilindustrie, um die Menschen, die den Bruch nach 1990 erlebt haben. Und um das vorwegzunehmen: „Was ist mit dem Stoff passiert?“ ist eine unbedingt lesenswerte Broschüre.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens der Perspektivenwechsel, den es mit Blick auf die Zeit nach der politischen Wende in der DDR und vor allem auf die Zeit der ökonomischen Transformation immer noch zu selten gibt. „Die Geschichte aus Sicht der damaligen Politikmacher*innen und Treuhänder*innen ist oft genug erzählt worden. Die Geschichten ehemaliger Beschäftigter und ihrer Angehörigen sind zu selten zu hören“, schreibt Volker Hinck von der herausgebenden Thüringer Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Der zweite Grund hat mit dem regionalen Fokus zu tun. In den vergangenen Jahren ist immerhin begriffen worden, dass die politische Redewendung von der „Anerkennung der Lebensleistungen der Ostdeutschen“ eine hohle Phrase bleibt, wenn man nicht wirklich genau hinhört. Das lässt sich im lokalen Rahmen weit besser tun – es werden die vielfältigen Überschneidungen sichtbar, welche die ökonomische Umwälzung in Alltagsleben und Kultur, in Beziehungen zwischen den Menschen und politischen Ansichten ausmachen. Und damit auch die Unterschiede, die zum Beispiel in der Erinnerung an die Treuhandanstalt und ihr Wirken bestehen. Was zunächst als Widerspruch erscheinen mag, ergibt im größeren Rahmen aber wieder einen Sinn.

Drittens ist und bleibt die Aufarbeitung der Treuhandpolitik eine unvollendete Aufgabe. Dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr Wissenschaftler*innen dieser Aufgabe zuwenden, ist begrüßenswert. Es braucht aber immer auch Schnittstellen in das Alltagsleben, also dorthin, wo Erinnerung gepflegt wird und Tradition entsteht. Die Broschüre zur Apoldaer Textilgeschichte der Autor*innen Julian P. J. Degen, Lena Saniye Güngör, Helen Alexandra Kramer und Kevin Reichenbach schafft das gewissermaßen doppelt: die vier Interviews mit früheren und heutigen Akteur*innen können als Teil politischer Geschichtsschreibung von unten betrachtet werden, sie sind damit selbst Teil dieser Auseinandersetzung mit Erinnerung. Und was die Befragten über ihre Perspektiven auf Umbruchzeit und Rückblickskultur erzählen, gibt Einblick in ein vielfältiges Bild. Ein Bild, das ganz anders ist als die oft scharfen Schwarz-Weiß-Raster, wenn es um „den Osten“ geht.

Die Broschüre gibt sowohl Auskunft über Verletzung, Herabwertung und Niederlagen, als auch über den Mut zum Neuanfang, die seinerzeit bestehenden Hoffnungen und alternative Umgänge mit der Vergangenheit, die nach 1990 so lange gefehlt haben. Vielleicht musste auch erst eine neue Generation auf den Plan treten, eine, die mit ihren neuen Fragen besondere Momente des Gewesenen freilegen konnte. Zum Beispiel die Widerständigkeit, die sich etwa bei der Besetzung der Presatex-GmbH durch Beschäftigte im November 1992 zeigte, die sich der Abwicklung entgegenstellten.

Wer die Broschüre „Was ist mit dem Stoff passiert?“ liest, bekommt einen Eindruck davon, was arbeiterliches und industrielles Selbstbewusstsein in einer Region bedeutet. Vor allem, was es bedeutet, wenn eine Region diese Rolle verliert. Was dies mit Menschen macht. Und welche Gründe es dafür gibt, die Treuhandpolitik, aber eben nicht nur die. Apolda blickt auf eine über 400-jährige Tradition der Wirk- und Strickwarenindustrie zurück. Zum Ende der DDR gab es die folgenden sieben volkseigenen Betriebe in der Textilindustrie in Apolda mit hunderten Produktionsstätten. Es ist noch vieles da, aber anders. Nicht nur, dass es fortgeführte und neue Unternehmen gibt. „Der Stoff“, verstanden als lebenswirkliches Gewebe, das Ökonomie und Alltag, Region und Kultur umfasst, ist immer noch in Apolda. In den Menschen.

Im Juli hat Lena Saniye Güngör, Mitglied der Linksfraktion im Thüringer Landtag, gemeinsam mit Dagmar Enkelmann, Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Broschüre über die Apoldaer Strick- und Textilindustrie und ihren Wandel im dortigen Stadthaus vorgestellt. Die Arbeit der Thüringer Landesstiftung zur Treuhand und ihren Folgen geht weiter, für 2021 sind Projekte in den Landkreisen SaalfeldRudolstadt und Eisenberg geplant. PR


Julian P. J. Degen, Lena Saniye Güngör, Helen Alexandra Kramer und Kevin Reichenbach: Was ist mit dem Stoff passiert? Über die Apoldaer Strick- und Textilindustrie und ihren Wandel, hrsg. Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, Erfurt 2021. Eine Videoaufzeichnung der Veranstaltung im Apoldaer Stadthaus findet sich hier im Netz.

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