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Ein würdiges Gedenken? Notwendige Erinnerung

© VSA: Verlag Hamburg GmbH 2021

Im Bundestag wird am 22. Juni eine Plenarsitzung wie jede andere stattfinden. Das ist nur auf den ersten Blick nichts Besonderes. An diesem Tag nämlich jährt sich der Überfall von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion zum 80. Mal und damit der Beginn eines beispiellosen Vernichtungskrieges, der mehr als 28 Millionen sowjetische Menschenleben kostete.


Im Bundestag aber, so ist der Stand der Dinge, wird es keine Gedenkstunde geben. Eine entsprechende Initiative der LINKEN blieb erfolglos. Lediglich eine Debatte zum Thema fand bereits statt. Der Parlamentarische Geschäftsführer Jan Korte hatte in einem Brief an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und die demokratischen Fraktionen eine solche Gedenkveranstaltung angeregt. Dass die Idee bisher nicht aufgegriffen wurde, bezeichnete Korte als erinnerungspolitischen Schritt zurück und eine weitere „ausgelassenen Chance auf Annäherung und Verständigung mit Russland, die wir gerade jetzt dringend bräuchten“.


Umso dringlicher ist die Lektüre eines 2020 erschienenen Buches anzuraten, das den „Vernichtungskrieg im Osten“ in den Blick nimmt – und Aufklärung betreibt, die so bitter nötig erscheint. Spätestens mit Gründung der BRD 1949 wurde der Völkermord im Osten zu einer schicksalhaften „Verstrickung“ und die verbrecherische zur „sauberen Wehrmacht“ gemacht. Rasch machte man sich daran, die Geschichte von Organisationen – der Wehrmacht etwa – neu zu schreiben und umzudeuten.


„Die Legende von der ‚sauberen Wehrmacht‘ war funktional im Kontext des Kalten Kriegs und immer unentbehrlicher, je näher die Wiederbewaffnung rückte. Wieder stand der Feind im Osten. Die antikommunistische Formierung in der Bundesrepublik machte die Rückkehr der alten Eliten aus Staat, Wirtschaft und Justiz in Machtpositionen plausibel“, heißt es in dem Band, der auch an Jürgen Habermas erinnert, der den Satz „Wir sind Demokraten“ als die erste Lebenslüge der 1949 gegründeten BRD bezeichnete. Diese Legenden konnten, nach ersten kritischen Studien in den 1980er Jahren, 1995 durch die Hamburger Wehrmachtsausstellung zerstört werden.


Erinnerungspolitisch ist eine besondere Berücksichtigung auch des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion umso aktueller, da es zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte im Bundestag und in allen Landtagen eine Partei gibt, „die offen rechtsextrem-rassistische Ziele vertritt und mit ihrem Geschichtsverständnis vor allem auf eine Revision der Geschichtsschreibung über die NS-Zeit abzielt“, wie es im Vorwort zu dem Band heißt. Unsägliche Ausfälle wie jener von Alexander Gauland, der die NS-Zeit als einen „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ verharmloste, machen das immer wieder deutlich.


Das im Hamburger VSA-Verlag erschienene Buch von Hannes Heer und Christian Streit ist ein Beitrag zur Erinnerungskultur, der die Dimensionen des Vernichtungskriegs angemessen würdigt. Behandelt werden in vier Beiträgen der Vernichtungskrieg im Osten und die deutschen Verbrechen in Polen sowie der Sowjetunion. Die Publikation geht zurück auf eine Tagung im IG Metall-Bildungszentrum Berlin anlässlich des 70. Jahrestags des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Die Erstauflage des Buches war seit geraumer Zeit nicht mehr lieferbar. „Da der geschichtspolitische Streitwert des Themas unverändert hoch ist, beschlossen die Autoren, die Herausgeber und der Verlag eine erweiterte Neuauflage“, heißt es im Vorwort.


Das Nicht-Stattfinden einer Gedenkstunde im Bundestag unterstreicht, wie wichtig es ist, Erinnerung und Aufklärung über die deutschen Verbrechen wach zu halten. „Wie verbockt verhält sich die offizielle Politik“, mit diesen Worten hat der Historiker Götz Aly nicht nur das Ausbleiben einer Gedenkstunde im Bundestag kritisiert. Er werde sich zu einem der Ehrenmale begeben und der zwölf Millionen gefallenen oder von Deutschen ermordeten Sowjetsoldaten gedenken. Und der 15 Millionen von Deutschen zu Tode gequälten, vergasten oder erschossenen sowjetischen Zivilisten: der Alten, der Frauen und der Kinder. Und die Linksfraktion im Bundestag plant nun selbst ein würdiges Gedenken an die grausamen Verbrechen des faschistischen Raubund Vernichtungskriegs und die daraus resultierende Verantwortung Deutschlands. PR



Hannes Heer und Christian Streit: Vernichtungskrieg im Osten. Judenmord, Kriegsgefangene und Hungerpolitik. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Frank Heidenreich und Lothar Wentzel, Verlag VSA Hamburg, 2020, 240 Seiten, 19,80 Euro.