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Ein Denkmal soll künftig an den Juristen Eduard Rosenthal erinnern

Vater der Verfassung

Schweres Baugerät steht an jenem Tag im Spätaugust vor dem Erfurter Landtag. Ein großer Bohrer nähert sich geräuschvoll der Steinfassade links unterhalb des Plenarsaals. Dass hier keine gewöhnlichen Bauarbeiten stattfinden, zeigt nicht nur der Fotograf an, der das Geschehen dokumentiert. Die Präsidentin des Landtags, Birgit Keller, ist ebenfalls vor Ort, das Gespräch mit Horst Hoheisel und Andreas Knitz dreht sich um deren Kunstwerk, das hier, unter Bohrgeräuschen, entsteht: An den Fassaden von fünf Gebäuden in Thüringen wird an prominenter Stelle jeweils eine Bohrung von 25 cm Durchmesser vorgenommen und eine Metallhülse mit Glasscheibe und Inschrift eingesetzt, um Eduard Rosenthal zu ehren, den Vater der Thüringer Verfassung von 1920.

„Sein Entwurf der Landesverfassung wurde fast unverändert vom damaligen Thüringer Landtag angenommen“, sagt Keller. „Deshalb ist der heutige Thüringer Landtag genau der richtige Ort, um an Rosenthals Wirken zu gedenken, ein Wirken, dass die Nationalsozialisten wegen Rosenthals jüdischer Herkunft vergessen machen wollten.“

Auch in Jena und Weimar wird an den demokratischen Juristen, den sozialen Gestalter Rosenthal gedacht. In jedes der gebohrten Löcher soll eine Messinghülse mit einem thermischen Sicherheitsglas eingefügt werden, in welches jeweils eine Inschrift eingraviert wird, die auf Rosenthal mit Bezug auf das entsprechende Gebäude verweist.

Hoheisel und Knitz sprechen von „Erkundungsbohrungen“, und das hat etwas mit der langen Geschichte des Verdrängens und Vergessens von Rosenthal zu tun. Ihn zu würdigen heißt, ihn wieder zu entdecken, der Blick in das Bohrloch, so heißt es im lesenswerten begleitenden Internetportal, „ist ein doppelter: ein Blick zurück, in die Vergangenheit, das Suchen – und ein Blick nach vorn, in die Gegenwart, das Entdecken und Begreifen“. Und weiter: „Damit wird die Geschichte der antidemokratischen und antisemitischen Ausgrenzung Rosenthals sicht- und erfahrbar gemacht.“

Eduard Rosenthal kam 1853 in Würzburg in einer jüdischen Kaufmannsfamilie zur Welt. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft in Heidelberg und Berlin. Mehr und mehr an Rechtsgeschichte interessiert, promovierte Rosenthal über die Geschichte des Eigentums in Würzburg und wurde 1880 an der Universität Jena mit einer Arbeit über „Die Rechtsfolgen des Ehebruchs“ habilitiert. Jena blieb sein Wirkungsort, und das nicht nur auf juristischem Parkett. Als Professor prägte er die Universität mit, zwei Mal wurde er Rektor in Jena.

Tätig war Rosenthal auch im Umfeld der Carl-Zeiss-Stiftung, an deren Statuten er maßgeblich mitschrieb. Den Miteigentümer Ernst Abbe beriet er nicht nur, es wurde eine Freundschaft daraus – eine mit sozialem Fundament: Die weithin als fortschrittlich anerkannten Statuten der Carl-Zeiss-Stiftung nach 1890, in der unter anderem sozial- und arbeitsrechtliche Fragen geregelt und die Rechte der Mitarbeiter*innen fixiert wurden, waren für die damalige Zeit sozialpolitisch herausragend, visionär und richtungsweisend. Die Denkrichtung Rosenthals schlägt sich auch in seiner universitären Arbeit nieder: „In seinem wissenschaftlichen Wirken gibt er neue Impulse in seiner Disziplin. Neues fachliches Terrain betritt Rosenthal vor allem in Fragen des Arbeits- und Sozialrechts, bei denen er weit in die Moderne vorstößt.“

Rosenthal, der seinen Einstieg in die Politik in der liberalen Bewegung gesucht hatte, hatte sich nach der Novemberrevolution der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei angeschlossen und gehörte für diese dem Landtag des Freistaates SachsenWeimar-Eisenach an. Im Zuge der Konferenzen zur Bildung des Landes Thüringen wurde Rosenthal beauftragt, einen Verfassungsentwurf auszuarbeiten – dieser wurde später mit nur wenigen Änderungen angenommen. „Sein Denken über die parlamentarisch-demokratische Staatsordnung und den Rechtsstaat offenbaren die Progressivität seines politischen Wirkens“, so erinnert das Rosenthal-Portal an dessen Einfluss. Die Verfassung sei „Zeugnis seiner Visionen über eine intakte demokratische Staatsarchitektur.“

Für Birgit Keller gilt Rosenthal so „zu Recht als ‚Vater‘ der Thüringer Verfassung von 1920“. Die LINKEN-Politikerin dankt auch der Stadt Jena für die Auslobung des Kunstprojekts, das der Landtag sehr gern unterstützt habe. Den Künstlern Horst Hoheisel und Andreas Knitz gratulierte Keller „für ihren sehr gelungen Entwurf“. Auf die Umsetzung freue sie sich sehr, so die Landtagspräsidentin. Derweil lief der Bohrer an der Landtagsmauer. PR
 
Informationen zu Eduard Rosenthal und zum Kunstprojekt unter eduard-rosenthal.de