Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Dritter Anlauf? Frank Deppe blickt zurück, um bessere Sicht nach vorne zu gewinnen

„Ein Linker, der aus der Geschichte zu lernen versucht“, so war unlängst ein Radio-Feature über Frank Deppe überschrieben. Der Marxist, Politikwissenschaftler und Professor, der im September seinen 80. Geburtstag feierte, gehört zu den hervorragendsten Exponenten der einflussreichen Marburger Schule. Emeritiert im Jahr 2006 hat Deppe nun ein neues Buch vorgelegt, in dem er „die mögliche Wiederbelebung des Sozialismus in drei großen Abschnitten“ untersucht, wie es beim Hamburger VSA-Verlag heißt: Zunächst im Rückblick auf die Geschichte des modernen Sozialismusbegriffs seit der Erklärung der Menschenrechte im 19. Jahrhundert, anschließend mit Blick auf das Verhältnis Klasse – Partei – Staat, insbesondere im realen Sozialismus des 20. Jahrhunderts, und schließlich als Perspektive in einer „Welt des Aufruhrs“.


Ausgehend von einer, wie Deppe es nennt, weltweiten Debatte über die Wiederauferstehung des Sozialismus, werden darin viele Fragen diskutiert. Eine davon: Ob für die Charakterisierung der „äußert dramatische(n) und widersprüchliche(n) Geschichte des Sozialismus“ der Begriff des „Zyklus“ am ehesten geeignet sein könne. „Die zyklische Bewegung der Kapitalakkumulation und der Krisenprozesse (›lange Wellen‹) als auch der Klassenkämpfe und der Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen bildet gleichsam die Grundstruktur dieser Geschichte“, so Deppe – eine Geschichte nicht zuletzt „von Lernprozessen“ und der „Verarbeitung von Niederlagen und Fehlern“.


Wenn nun weltweit sozialistische Debatten in neuer Form und mit neuem Anspruch vorangetrieben werden, dann geht dies mit „manchen aufgeregten Warnungen vor der ›roten Gefahr‹„ einher, konstatiert Deppe. „Im Kontext der realen politischen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse der Klassen“ bewege sich diese auch „dritte Welle“ genannte Entwicklung „allerdings in einem frühen, embryonalen Stadium“.


Die Beschäftigung mit diesem Stadium veranlasst den Autor allerdings nicht, „im Stile eines Manifestes die ›Wiedergeburt‹ des Sozialismus zu feiern oder an Prognosen über künftige Siege zu arbeiten“. Er habe sich „vielmehr noch einmal der Geschichte des modernen Sozialismus seit dem frühen 19. Jahrhundert zugewandt, um einerseits den Zusammenhang mit der Krisengeschichte der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, andererseits die Wellen und Zyklen, Aufstieg und Niedergang verschiedener Wege und Erfahrungen in dieser Geschichte in den Blick zu nehmen“. Die Geschichte sei notwendig voller Widersprüche – und deshalb widerlege „sie immer sowohl lineare Geschichtskonzeptionen vom gleichsam unaufhaltsamen Aufstieg des Sozialismus als auch alle Versuche, die Vielfalt dieser Wege auf ein allgemeingültiges ›Modell‹ zu reduzieren“.


In seinem Parforceritt durch die Vorgeschichte des Sozialismus, die Wandlungen des Begriffs und vor allem die Zeit des 20. Jahrhunderts, der von Aufschwung und Niedergang im Zeitalter der Systemkonkurrenz geprägt war, geht es Deppe weniger um eine Gesamtdarstellung, sondern darum, an ausgewählten Kapiteln dieser Geschichte und bestimmten Problemstellungen, vor allem eine Frage in den Blick zu nehmen: Ob der Weg „Klasse – Partei – Staat“ (der durch die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft und ihres politischen Systems objektiv vorgegeben ist) „in einer historischen Sackgasse endet oder zu Verhältnissen beiträgt, in denen demokratische Rechte und Freiheiten mit sozialer Gerechtigkeit, Schutz der Umwelt und der Natur und entwickelten Formen der Selbstverwaltung verbunden sind“. Immer geht es dabei auch um „das Verhältnis von theoretischer Kritik und praktischer Umsetzung in Gesellschaft und Politik“, die Sozialist*innen „auf ein weites Feld von Widersprüchen“ führt. „Diese müssen einerseits anerkannt werden. Andererseits müssen sie von den Akteuren sozialistischer Politik auch mit dem Ziel ihrer Aufhebung bzw. Überwindung bearbeitet werden.“


In besagtem Radio-Feature wird Deppe als einer derer bezeichnet, „die aus dem Scheitern der Utopie zu lernen versuchen“. Ein Linker, der „die Hoffnung nicht aufgibt, dass es eine Alternative zum real existierenden Kapitalismus geben kann. In seinem Buch schreibt er: „„Für die Anhänger der bestehenden Herrschaftsverhältnisse erscheint der wieder erstarkende Sozialismus auch deshalb als Gefahr, weil sie spüren, dass diese Potenziale nicht durch die Funktionsmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Marktmechanismen bewältigt werden können.“ Dass Deppe in seiner Einleitung den britischen Linken Ralph Miliband mit dessen Hoffnung zitiert, dass die wesentlichen Werte des Sozialismus – Demokratie, Gleichheit und Kooperation – auch in der Zukunft „die bestimmenden Prinzipien der sozialen Organisation“ sein werden, lässt sich als Ermunterung lesen, nicht aufzuhören mit dem Nachdenken über eine neue, bessere Welt. PR


 

Frank Deppe: Sozialismus. Geburt und Aufschwung – Widersprüche und Niedergang – Perspektiven, Verlag VSA Hamburg 2021, 368 Seiten, 29,80 Euro. Mehr Informationen und Bezug unter vsa-verlag.de