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Ute Lukasch

Die letzte Seite: Ute Lukasch liest „Herbstvergessene“ von Anja Jonuleit.

Liest man als Politikerin immer politische Bücher? Ich lese gern und viel. Habe ich schon immer, selbst in der Schule, wenn es mir zu langweilig war habe ich gelesen. Ich musste mal einen Hausbesuch einer Lehrerin bei meinem Vater anmelden, weil ich Ronja Räubertochter im Unterricht gelesen hatte.
Ich lese wirklich furchtbar gern. Mit Vorliebe Biographien.  Meistens lese ich sie von verschiedenen Verfasser:innen und vergleiche sie auch noch. Und ich lese gern historische Romane und Krimis, schwedische und natürlich auch Fitzek. Ich lese auch politische Bücher, nur nicht vorm Schlafengehen. Tatsächlich ist mein Lieblingsbuch „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas. Ich lese es einmal im Jahr. Festgestellt, habe ich, dass mit zunehmenden Alter  die Liebesgeschichte kaum noch eine Rolle spielt, man sieht die Geschichte dahinter, die gesellschaftlichen Probleme, in Gedanken analysiert man das Jahrhundert, die Lebenssituationen der Menschen. Dann kommt man immer zu einem anderen Fazit.
Empfehlen kann ich heute ein vollkommen anderes Buch, „Herbstvergessene“ von Anja Jonuleit. Es handelt von einer jungen Frau, Maja Sternberg, die nach dem Tod ihrer Mutter ein grausames Geheimnis erfährt. Ihre Mutter stirbt unter seltsamen Umständen. Als sie mit zittrigen Händen die Wohnungstür ihrer Mutter öffnen will, steckt ein Briefumschlag an der Tür. In diesem befindet sich nichts weiter als ein Foto und ein seltsamer kleiner Schlüssel. Auf dem Foto ist ihre Großmutter mit einem Baby auf dem Arm zu sehen. Ihre Mutter…. Sie war durcheinander, trotzdem musste sie die Trauerfeier ihrer Mutter organisieren. Beim Ordnen der Papiere fand sie endlich die Geburtsurkunde. Auf der Geburtsurkunde fehlte der Name des Vaters und als Geburtsort ist Hohenhorst eingetragen.In Hohenhorst bei Bremen befand sich in der Zeit des Nationalsozialismus ein Heim des Vereins Lebensborn. Maja Sternberg begibt sich auf die Suche ihrer Herkunft nach Hohenhorst und stellt fest, dass es eigentlich ein Gut  war und es in Löhnhorst bei Bremen liegt. Der Verein Lebensborn wurde von der SS getragen, als staatlich geförderter Verein. Die Nazis hatten in ihrem Rassenwahn eine „Produktionsstätte“ für arische Kinder geschaffen.
Als ich die ersten Seiten gelesen hatte, informierte ich mich erst einmal über diese Heime. Auf Veranlassung Himmlers wurde der Verein am 12.12.1935 in Berlin gegründet.  Himmler war auch der Präsident des Vereins. Die Zahl der jährlichen Abtreibungen lagen 1934 bei ca. 600.000 pro Jahr. Die Himmler direkt unterstellte Organisation sollte die Geburtenrate steigen und ledige Mütter zum Austragen ihrer Kinder bewegen. Diese wurden dann nach strengster Kontrolle als arischer Herkunft an SS Familien vermittelt. In seinem Wahn hatte er die Vorstellung das in 18 bis 20 Jahren bis zu 20 Regimenter mehr marschieren könnten.
Lebensbornheime gab es in ganz Europa, zumeist waren die Einrichtungen an geheim gehaltenen abgelegenen Orten untergebracht. In konfiszierten Villen oder Häusern jüdischer Bürger. Nach dem Krieg gab es zahlreiche Untersuchungen, Aufarbeitung, wissenschaftliche Begleitung und Gerichtsprozesse. Es gab Zwangsadoptionen, Verschleppung und Grausamkeiten, die man sich nicht ansatzweise vorstellen kann. Ein unehelich geborenes Kind mit braunen Augen hatte keine Überlebenschance. Es gibt zahlreiche Dokumentation dazu. Maja Sternberg fand heraus, dass dieser seltsame Schlüssel zu einem Tagebuch gehört. Dem Tagebuch ihrer Großmutter. Ihre Großmutter hatte ihre Erlebnisse in dem Heim kurz vor ihrem Lebensende aufgeschrieben. Maja Sternberg begann zu lesen..
„Natürlich frage ich mich, wem es nutzt, wenn all das, was ich erlebt, all das, was ich getan habe, ans Tageslicht kommt. Letztendlich ist es nicht mehr als der Versuch eines Menschen, schreibend eine Art Absolution zu erfahren.“ Fasziniert und zu gleich nervös las Maja die Geschichte ihrer Großmutter, letztendlich ihre eigene Geschichte. Wer bin ich, wo komme ich her? Immer wieder zwischendurch sich fragend, „lese ich weiter. Was finde ich heraus?! Warum hatte meine Mutter nie mit mir darüber gesprochen.“
Dieses schwierige Thema in einem Roman zu verarbeiten, wo auch Schuld und Reue eine Rolle spielt, war interessant zu lesen. Die Großmutter von Maja Sternberg war nach der Entbindung von ihrem Sohn als Bürokraft in diesem Heim. Auch als Enkelkind mit der Situation umzugehen ist nicht einfach. Man fühlt sich wohlbehütet und wächst in einer Umgebung auf, wo dies nie thematisiert wurde und muss Jahre später erfahren, dass da etwas nicht stimmt.
„Paulchen. Einmal nur war ich an deinem Grab, mein Jungchen, mein über alles geliebtes Jungchen.“ Ein Foto, ihre Großmutter Charlotte mit ihrem Baby auf dem Arm.
Nach dem Lesen des Buches und dem Recherchieren nach den Hintergründen kann man sich solch eine Geschichte vorstellen. Man kann sich aber auch vorstellen, dass es unzählige Kinder gab und gibt, die nicht wissen, wo komme ich her, wer sind meine Eltern. Mütter, die nicht wissen, was mit ihren Kindern passiert ist, wo sie sind. Es gibt immer noch Angehörige, die ihre Familienangehörigen suchen. Besonders in Anbetracht, dass es immer noch Kriege auf der Welt gibt mit all seinen Grausamkeiten, Vergewaltigung, Mord und Totschlag.
Mich hat dieser Roman sehr bewegt und deshalb kann ich es jeder und jedem empfehlen, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen.