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Katja Maurer

Die letzte Seite: Katja Maurer liest »Alles über Liebe« von bell hooks.

Das Buch „Alles über Liebe“ begleitet mich seit meinem Studium. 2010 habe ich es noch im Original gelesen, seit 2021 gibt es auch eine deutsche Übersetzung, die ich für gelungen halte. Über die Jahre ist „Alles über Liebe“ ein feministischer und antirassistischer Klassiker geworden und sollte spätestens nach dem traurigen Tod der Autorin am 15. Dezember 2021 unbedingt gelesen werden. Ich habe das Buch das erste Mal als 18-Jährige gelesen und schätze es zwölf Jahre später noch immer. Die Autorin Gloria Jean Watkins hat sich, in Anlehnung an ihre indigene Großmutter Bell Blair Hooks, bell hooks genannt. Ihr Pseudonym schrieb sie konsequent klein.  


hooks ist Literaturwissenschaftlerin gewesen, bekannt wurde sie aber als Aktivistin und durch ihre höchst persönlichen und gesellschaftskritischen Werke. hooks, die im Süden der USA aufwuchs, war Schwarze Feministin und widmete ihr Leben der Analyse von weißer Vorherrschaft, Kapitalismus und dem Patriarchat. Dass hooks schon als Kind von schwarzen Bürgerrechtsbewegungen geprägt wurde, ist beim Lesen all ihrer Texte spürbar. Sie schreibt unerschrocken und geradeheraus. Dieser klare Schreibstil hat mich persönlich sehr angesprochen und es mir leicht gemacht, mich in ihre Gedankenwelt einzufühlen. Ich denke, dass ihre Bücher deswegen wirklich für jede und jeden geeignet sind, egal ob und wie sehr man sich bereits mit kritischen Gesellschaftstheorien auseinandergesetzt hat.


Als Lehrbeauftragte, unter anderem an der Yale University, war bell hooks bekannt für ihren Scharfsinn, aber auch für ihr Einfühlungsvermögen und ihren Mut schwere Worte wie „Liebe“ in politischen Diskussionen zu verwenden. Es lohnt sich daher nicht nur dieses Buch durchzulesen, sondern auch im Netz nach Reden von ihr zu stöbern und sich von ihrer Klarheit und Wärme inspirieren zu lassen. bell hooks geht es in „Alles über Liebe“, anders als vielleicht vermutet, nicht um romantische Liebe. Sie beschreibt Liebe als ein generelles Wohlwollen anderen Menschen und sich selbst gegenüber, und ebenso die Fähigkeit und Bereitschaft, aneinander zu wachsen. Zudem sieht sie Liebe auch als einen wichtigen Antrieb in politischen Kämpfen, was mir persönlich besonders gefallen hat.

 

In ihrem Buch entwirft hooks ein mutiges Leitbild für die Liebe, die sie als „Ethik der Liebe“ bezeichnet.


In ihrem Buch entwirft hooks ein mutiges Leitbild für die Liebe, die sie als „Ethik der Liebe“ bezeichnet. Sie geht nämlich davon aus, dass es in unserer Gesellschaft an Fürsorge, Anteilnahme und Gemeinschaft fehlt und erklärt deshalb detailliert wie wir Anteilnahme lernen könnten und warum sich ein gemeinschaftliches Leben in unseren Familien, Schulen oder Arbeitsplätzen lohnt. Als Ursache dafür, dass unsere Gesellschaft bisher noch nicht auf Liebe basiert, führt bell hooks eine Reihe von Gründen an. Es lohnt sich, diese Ursachen im Buch selbst zu erkunden und sie selbstkritisch immer und immer wieder zu lesen. Als Studentin hat mich aber ein Grund besonders fasziniert und daher möchte ich ihn an dieser Stelle erwähnen: „Echte Liebe“ gibt es nur ohne Dominanz, so sagt es hooks. Und so gilt es, das Patriarchat und andere Machtstrukturen kritisch zu hinterfragen bis hin zur kleinen heteronormativen Kleinfamilie und natürlich sich selbst.


Das Buch, das mittlerweile 20 Jahre alt ist, ist an einigen Stellen veraltet. Für Liebe würden wir heute wahrscheinlich andere Begriffe finden, einige Passagen ihres Textes würden wir als zu spirituell abtun und die Fallbeispiele aus ihrem Text als überholt ansehen. Die Problematik bleibt aber im Kern aktuell und ihre Analyse aus meiner Sicht richtig. Ihre beschriebene „Ethik der Liebe“ fordert ein konsequent solidarisches Miteinander an allen Stellen der Gesellschaft. In Zeiten tiefer gesellschaftlicher Spaltung, wie wir sie in der Pandemie erleben, und wie sie viele Menschen schon davor erlebten, lohnt es sich sehr, hooks Buch zu lesen. Die noch immer aktuelle Lage der gesellschaftlichen Lieblosigkeit wird durch hooks Worte aufgefangen und manch eine:r findet darin sogar wieder etwas Hoffnung. Als politisch aktive Person finde ich in ihrem Buch jedenfalls Trost und Motivation zugleich. Und wem das Reden über „Liebe“ zu trivial scheint, der hält sich an die Bewertung der „taz“, die schreibt, die zentrale Aussage des Buches sei „Liebe ist politisch“. Diese Aussage teile ich uneingeschränkt.


Ich wünsche Euch allen viel Spaß beim Lesen und empfehle einen Rotstift zum Anstreichen. Die eine oder andere Aussage, wollt ihr euch sicher für die Zukunft merken. Mein Exemplar ist jedenfalls vollkommen zerfaltet und bekritzelt und freut sich darauf, das tausendste Mal gelesen zu werden. Und ein letzter Tipp: schaltet euer Handy aus und sagt alle Termine ab – ihr werdet das Buch mit einem Mal lesen wollen und es dann eurer besten Freundin/eurem besten Freund weiterempfehlen.
Wer nicht genug bekommen kann: „Die Bedeutung der Klasse“ von bell hooks ist ebenfalls sehr lesenswert.

 


„Alles über Liebe - Neue Sichtweisen“;  Herausgeber: HarperCollins, 2. Edition; 304 Seiten; 20€

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