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Christian Schaft

Die letzte Seite: Christian Schaft liest „Nerds retten die Welt - Gespräche mit denen, die es wissen“

Den ganzen Tag werden wir mit Informationen zugeballert. Eine Studie jagt die nächste. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung werden am laufenden Band reproduziert. Gerade in den letzten beiden Jahren der Pandemie war es gar nicht so einfach den Überblick zu behalten, wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen und die Frage zu beantworten was wir daraus schließen sollen? Es scheint, als sei die Welt zu komplex geworden, um die richtigen Antworten auf alle Fragen zu finden.


Nun stellt sich mit Blick auf das mir vorliegende Buch auch die Frage was hat Astrophysik, Systemtheorie, Pathologie oder Wissenschaftssoziologe mit meinem Alltag zu tun? Was nützt uns all die Wissenschaft bei der Bewältigung der Krisen der Welt? Den Versuch diese Fragen zu beantworten, unternimmt Sibylle Berg in ihrem Buch „Nerds retten die Welt – Gespräche mit denen, die es wissen“.
Während wir beim „Nerd“ sicherlich verschiedenste Klischees wie das vom blassen, dünnen, technikbegeisterten Einzelgänger im Kopf haben, schafft es Sybille Berg ein neues Bild zu erzeugen. Hinter den Themengebieten, Forschungsprojekten an den verschiedenen Hochschulen stecken Menschen, die mit ihrer Forschung Ideen für die Zukunft entwickeln. Doch es ist nicht immer so einfach diese Ideen zu übersetzen, denn am Ende bleiben die Nerds irgendwie Nerds. Außer man stellt die richtigen Fragen. Die in Weimar geborene Schriftstellerin und Dramatikerin kitzelt mit den richtigen Fragen den „Nerds“ aus der Wissenschaft einfache Erklärungen zu komplexen Themen aus der Nase und schafft es so greifbar zu machen, wo Forschung und Wissenschaft konkret in unserem Alltag Erkenntnisse, Lösungen und Innovationen hervorbringen.
Die Idee Sibylle Bergs das Buch mit den 17 Intervies mit verschiedenen Wissenschaftler:innen wieder einmal in die Hand zu nehmen, kam mir nach einem Termin zusammen mit meinen Kolleg:innen aus dem Arbeitskreis Wirtschaft und Wissenschaft. Wenige Tage zuvor waren wir zu Besuch am Helmholtz-Institut in Jena. Die Wissenschaftler:innen dort arbeiten im Bereich der Grundlagenforschung und anwendungsorientierten Forschung mit Hochleistungslasern und Teilchenbeschleunigeranlagen. Laserinduzierte Teilchenbeschleunigung, Optimierung von Festkörpertargets und Photonenstrahlung sind da nur einige Begriffe mit denen erklärt wird, wonach geforscht wird. Zu verstehen mit welchen Prozessen sich die Menschen an dem Institut befassen ist für den Laien nicht ganz einfach. Nachdem wir einen Einblick in die Arbeit der Wissenschaftler:innen bekommen hatten, wurde die Frage gestellt: „Können sie uns jetzt nochmal in drei Sätzen erläutern, wofür diese Forschung angewendet werden kann?“ Und auf diesem Weg begibt sich auch Berg in ihrem Buch, wenn sie die Ingenieurin und Kognitionswissenschaftlerin Odile Fillod oder den Systemtheoretiker und -biologen Lorenz Adlung fragt „Gelingt es ihren Beruf in drei Sätzen zu beschreiben?“ und das beiden einigermaßen gut gelingt. Systembiologie klingt nämlich gar nicht mehr so kompliziert, wenn Adlung darauf sogar in nur einem Satz antwortet: „Ich erforsche mittels Mathematik die Wechselwirkung zwischen persönlicher Ernährung, Darmbakterien, Stoffwechselprodukten und dem Immunsystem in unserem Körper“, um dann zu erklären, wie mit dieser Forschung neue individuelle Behandlungsmöglichkeiten gegen die sogenannten Volkskrankheiten wie Übergewicht oder Diabetes entwickelt werden können.


Wissenschaft wird in diesem Buch greifbar und auch eingeordnet in aktuelle Debatten unserer Zeit. Humoristisch auch durch die Eingangsfrage an alle interviewten, die da lautet: „Haben sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt?“ Worauf Professorin Hudson für internationale Angelegenheiten im ersten Interview einsteigt mit der nüchternen Analyse: „In der Tat sind meine Nebennieren von den nationalen und internationalen Turbolenzen der letzten Jahre ziemlich geschafft (…)“ während der Soziologie Heitmeyer erstmal konstatiert „den tatsächlichen Zustand der Welt kann man gar nicht kennen, sondern nur das, was man ‚geliefert‘ bekommt.“
„Nerds retten die Welt“ macht neugierig auf mehr. Wer Antworten in diesem Buch sucht wird sie ebenso finden wie neue Fragen, die sich auftun und zum Weiterlesen anregen. Auch weil Fachbegriffe wie „ulzerativer Kolitis“ oder verschiedene Hinweise auf Forschende, Einrichtungen und Literatur mit einem praktischen QR-Code versehen sind, um sich direkt auf die eigene Suche nach neuen Erkenntnissen zu machen.
Es ist der Versuch Antworten zu finden, auf die wichtigen Fragen unserer Zeit. Was tun gegen den Klimawandel? Gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft? Gegen die rechten Parolen und Faktenverdrehungen? Wie bedeutet die digitale Revolution für uns? Wie verteidigen wir die Wissenschaftsfreiheit und machen das Wissen allen zugänglich? Komplexe Fragen, keine einfachen Antworten. Aber dieses Buch ist ein praktischer Versuch, Wissen und Antworten zum Weiterdenken für alle zugänglich zu machen.


 "Nerds retten die Welt: Gespräche mit denen, die es wissen"
Sibylle Berg

Herausgeber: KiWi-Taschenbuch
ISBN: 9783462001839
Seiten: 336