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„Dem Dühring aufs Fell zu steigen“ Neue Studienausgabe zu einem der Grundlagentexte des Marxismus mit Begleitband erschienen

„Verkannte Erfinder und Reformer, Impfgegner, Naturheilärzte und ähnliche schrullenhafte Genies suchten in den arbeitenden Klassen, die sich so mächtig regten, die ihnen sonst versagte Anerkennung zu finden.“ So beschreibt Franz Mehring rückblickend eine Zeit Mitte der 1870er Jahre. Die deutsche Sozialdemokratie suchte noch nach einem Selbstverständnis. In der im Aufstieg begriffenen Arbeiterbewegung fielen verschiedene ideologische und politische Einflüsse auf fruchtbaren Boden. Das Gothaer Programm war ein Kompromiss verschiedener Vorstellungen geblieben, das sah nicht zuletzt Karl Marx kritisch. Auch in der gerade vereinten Partei gab es Befürchtungen.

Immer wieder galten diese Eugen Dühring, dessen Werk „Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ und andere Schriften sich in der Sozialdemokratie einiger Verbreitung erfreute. Wilhelm Liebknecht, der um Weihnachten 1874 eine Vorlesung von Dühring erlebt hatte, drängte Friedrich Engels, dem Einfluss etwas entgegenzusetzen: „Du wirst Dich entschließen müssen, dem Dühring aufs Fell zu steigen.“ Das Ergebnis: „Herrn
Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft“, kurz „Anti-Dühring“ wurde in der Folge zu einem der einflussreichsten Werke der Arbeiterbewegung.

„Es gibt kaum ein Buch, das mit der Geschichte des Marxismus so eng verbunden ist“, heißt es in der Einleitung zu einer Neuausgabe aus dem Karl Dietz Verlag. Zwei Jahre nach dem „Anti-Dühring“ koppelte Engels für die französischen Leser*innen eine selbstständige Schrift aus: „Socialisme utopique et Socialisme scientifique“. Diese „Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“ wurde bald ein massenwirksames Werk, das in Lenins Worten zum „Handbuch für klassenbewusste Arbeiter“ avancierte. Bis heute gilt der „Anti-Dühring“ als der Grundlagentext des Marxismus schlechthin.

„Diesen zentralen Text des Marxismus wollen wir mit der vorliegenden Ausgabe erneut zugänglich machen, in kritischer Absicht und auf dem aktuellen Stand der Forschung“, heißt es nun beim herausgebenden Verlag. Gewählt wurde dafür nicht allein „eine Form, die sich von der Präsentation der Texte in der Werkausgabe von Marx und Engels unterscheidet“. Um den Prozess von Engels’ Denken, seine Überarbeitungen kenntlicher zu machen, wird in dem nun vorliegenden Band „die Erstauflage des ‚Anti-Dühring‘ mit weiteren Texten, die einen Vergleich ermöglichen“, etwa Randnoten von Marx in der Originalfassung zusammengebracht. Dies „ermöglicht eine kritische Lektüre und ein angemessenes Verständnis dieses im Wortsinne Klassikers des Marxismus“.

Die Neuherausgabe durch den Karl Dietz Verlag ist aber nicht nur eine editorische Kostbarkeit für Fachleute. In einem Begleitband zur Neuen Studienausgabe wird zugleich Kontext, Interpretationen und Wirkung des „AntiDührung“ ausgeleuchtet. Engels habe mit seinem Werk „maßgeblichen Einfluss auf das Marx-Verständnis mehrerer Generationen gehabt, die den Marxismus ‚erfunden‘ und geprägt haben. Mit dem Ende des ‚real existierenden Sozialismus‘ ist die realpolitische Funktion verschwunden, die dem ‚Anti-Dühring‘ zukam. Der 200. Geburtstag von Friedrich Engels ist Anlass, sich erneut dem Buch zu nähern, textkritisch und selbstkritisch gegenüber seiner Geschichte sowie der Geschichte des Marxismus“, schreiben Rolf Hecker und Ingo Stützle in ihrem Vorwort zu der Textsammlung.

Dorothea Schmidt spürt darin der Entwicklung von der Ersten zur Zweiten Internationale nach. Andreas Arndt nimmt die „Dialektik in Faustformeln“ in den Blick und Carl-Erich Vollgraf erläutert die Rolle von Engels’ Zusätzen zum 3. Band des „Kapitals“. Wolfgang Lefèvre vermisst am Beispiel des „Anti-Dühring“ Engels’ naturtheoretisches Projekt jenseits spekulativer Naturphilosophie. Heide Gerstenberger denkt über die „Gewaltstheorie“ von Engels nach, Andreas Fisahn über den Juristen-Sozialismus. Die Funktionen der Engelsschen Dühringkritik für die deutsche Sozialdemokratie beschreibt Christian Schmidt. Texte von Mario Keßler über „Sozialismus“ und Judenhass sowie von Eike Kopf über die zeitgenössischen Reflexionen zum „Anti-Dühring“ ergänzen den Begleitband. PR

 


 

Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft. Neue Studienausgabe. Plus Begleitband: Engels’ „Anti-Dühring“, 2 Bände im Schuber, Karl Dietz Verlag, Berlin 2020, 524 Seiten und 174 Seiten, 35 Euro.