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Blumenstrauß vor Cowboystiefeln: Ein Bild geht in die politische Ikonografie der Bundesrepublik ein

Susanna Storch‚ NOFLOWERS!‘ (Detail) – 2020 – 60 x 80 cm – Acryl auf Leinwand

„Es gibt Gesten, die man nicht vergisst“, hieß es vor einem Jahr in der „Stuttgarter Zeitung“. Der Tabubruch von Erfurt, die fatale Komplizenschaft der Fraktionen von CDU und FDP mit den Rechtsradikalen bei der Ministerpräsidentenwahl am 5. Februar 2020, war da erst ein paar Tage her. Die Bilder freilich, von denen die Rede war, gehören heute immer noch zu den einprägsamsten Momenten dieser politischen Krise. Die Verbeugung des AfD-Politikers Björn Höcke vor dem FDP-Kurzzeit-Ministerpräsidenten „erinnerte Beobachter an eine Szene vom 21. März 1933. Adolf Hitler hatte sich an diesem Tag vor Reichspräsident Paul von Hindenburg verbeugt“, heißt es in dem Blatt weiter.

Vor allem aber ist es der Blumenstrauß, den die Landes- und Fraktionsvorsitzende der Thüringer LINKEN, Susanne Hennig-Wellsow, eben jenem Thomas Kemmerich vor die Füße warf. Ein Bild, das in die politische Ikonografie der Bundesrepublik eingegangen ist. Markus Decker, langjähriger Beobachter der politischen Szene in Deutschland und Kenner der LINKEN, stellte es seinerzeit in eine Reihe mit Beate Karlsfelds Ohrfeige für den damaligen Kanzler Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandts Kniefall in Warschau oder Joschka Fischers Turnschuh-Vereidigung als Umweltminister in Hessen.

„Es war ein Moment für die Geschichtsbücher“, so Decker. Doch wie entsteht so ein Moment? Kurz nach der Wahl Kemmerichs, so erinnert sich Hennig-Wellsow daran, sei an jenem 5. Februar ein Mitarbeiter der Fraktion mit einem Blumenstrauß in der Hand zu ihr gekommen, ein Blumenstrauß, von dem alle erwartet hatten, er würde Bodo Ramelow zu seiner Wiederwahl überreicht werden können. In den Augen des Mitarbeiters habe Entsetzen gelegen, „darüber, dass ich jetzt einem Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD die Blumen übergeben muss“. Was Hennig-Wellsow bekanntlich nicht tat.

Geplant? „Nein“, so erzählte es die linke Fraktionschefin in einem Interview mit der Wochenzeitung „Der Freitag“. Sie habe keine Ahnung gehabt, „was ich mit den Blumen tun würde. Ich wusste nur, dass ich sie Kemmerich nach diesem Pakt der FDP mit dem Faschismus ganz sicher nicht überreichen würde. Dass ich sie dann warf, verstehe ich im Nachhinein als Akt des zivilen Ungehorsams gegen den Faschismus innerhalb des Parlaments.“

Es gibt davon mehrere Fotos, aber es ist immer dasselbe Bild: das Bouquet zu Füßen des FDP-Mannes. In den Sozialen Netzwerken machte es sofort die Runde, „Haltung“, dieses Wort fiel den meisten zu Hennig-Wellsow ein. „Sie wirft ihn nicht, sie schreit Kemmerich nicht wütend an, sie wirkt in diesem für sie unerträglichen Moment gefasst und souverän“, schrieb damals die Journalistin Hatice Akyün – und erzählte, wie sie den geworfenen Blumenstrauß von Erfurt als Beispiel dafür nahm, ihrer Teenagertochter eine Ahnung davon zu vermitteln, was Haltung bedeutet. In jeder anderen Situation wäre solch ein Akt unhöflich gewesen, so Akyün, „aber in dieser legitim“, weil die Aktion „von starker Symbolkraft“ war. Es sei wichtig, Kindern Begriffe wie Integrität „nicht nur zu erklären, sondern auch vorzuleben. Aber vor allem muss man ihnen deutlich machen, wie wichtig es ist, Überzeugungen nicht nur zu haben, sondern sie auch zu zeigen.“

In einem offenen Brief an Susanne Hennig-Wellsow in der „Mainpost“ schrieb Alice Natter mit Blick auf die Geste, „Sie, die Vorsitzende der Linksfraktion, gingen mit dem Strauß, den doch der bisherige Ministerpräsident bekommen sollte, auf den soeben gewählten, sich die Hände reibenden Ministerpräsidenten zu. Ließen das Gebinde schnell vor seinen Cowboystiefeln fallen. Nickten kurz und drehten ab. Es war die Geste des Tages am Mittwoch der politischen Schande. Wortloser Ausdruck der Verachtung.“ Zwar sei es Tradition, dass in der Demokratie Kontrahenten einander nach Wahlen gratulierten, „so schmerzhaft der Ausgang für den Verlierer auch sein mag“. Doch einem Tabubruch, so Natter, muss man manchmal mit einem Tabubruch begegnen: „zielgerichtet, klug und charmant penetrant in der eigenen verzweifelten, ausweglosen Situation“, das Zeichen einer „ehrlichen Politikerin“.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist damals auch zum Blumenstraußwurf befragt worden. Er sah darin eine jener Gesten, „die sich nicht – auch wenn das so wirken mag – direkt an das Gegenüber richten, sondern an die eigenen Anhänger. Man dokumentiert mit aller Kraft und mit möglichst starken, aufrüttelnden Bildern eine einzige Botschaft: Ablehnung, Distanz, Verachtung.“ Pörksen, der sehr wohl für Dialog und kommunikativen Brückenbau plädiert, hat seinerzeit darauf verwiesen, dass es Dinge gibt, „die man nicht diskutieren sollte und die man – in entschiedener Intoleranz gegenüber der Intoleranz – auch ächten sollte“.

Es ist also auch ein Symbol nicht nur der Ablehnung von etwas – dem Pakt von FDP und CDU mit der Nazipartei. Sondern auch ein Symbol für etwas – für die demokratische Gesellschaft. In der „Thüringer Allgemeine“ hatte Martin Debes wenige Tage vor dem 5. Februar 2020 daran erinnert, was geschehen kann, wenn die Brandmauer gegen Rechtsradikale Löcher hat. 1924 hatte eine bürgerliche Regierung sich von Völkischen und Nationalsozialisten tolerieren lassen. Damit war „in Thüringen zum ersten Mal der parlamentarische Weg in den Abgrund der späteren NS-Diktatur beschritten“, so der Historiker Jürgen John.

Debes‘ mahnender Zeitungsbeitrag trug die Überschrift „Der Thüringer Tabubruch“. Fünf Tage später passierte es erneut. Wieder in Thüringen. Und dann flogen die Blumen. PR