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Aber dann kam Corona

Seit über anderthalb Jahren grassiert die Corona-Pandemie – und wirft große Fragen für die gesellschaftliche Linke auf. Vielfach machen sich kritische Autor*innen, Vertreter*innen von Bewegungen und Expert*innen seit Monaten Gedanken darüber, wie die Pandemie bereits bestehende Krisen schärfer hervortreten lässt, wie gesundheitspolitische und andere Kämpfe von der Corona-Politik beeinflusst werden oder welche internationalen Dimensionen all das hat. Auf drei Neuerscheinungen des Buchmarktes soll hier hingewiesen werden, welche die linke Debatte über Corona und darüber hinaus bereichern.


Von März bis Mai 2020 veröffentliche das Kollektiv Corona-Monitor auf einem Blog Berichte über gesellschaftliche Transformation und soziale Kämpfe in der Pandemie. Entstanden ist dabei nicht nur eine Datenbank, sondern auch die Grundlage für vertiefende Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen. „Mit dem gesamten Projekt wollen wir eine Grundlage schaffen für Forschung, die demokratische Kontrolle der politischen Antworten auf die Krise sowie für emanzipatorische Bestrebungen“, heißt es beim Corona-Monitor. Unter der Überschrift „Corona und Gesellschaft. Soziale Kämpfe in der Pandemie“ sind nun im Mandelbaum-Verlag sowohl Beiträge des Blogs Corona-Monitor als auch neue Texte erschienen, die aus sozialwissenschaftlicher bzw. aktivistischer Perspektive politische und alltagspraktische Aspekte der Pandemie beleuchten. „Die Autor*innen leisten einen Beitrag zur Einordnung der Corona-Politiken – und für die Suche nach linken Interventionen und solidarischen politischen Praxen in der Krise und für danach.“


Im Zentrum steht dabei unter anderem eine Frage: „Wie können wir protestieren, wie uns austauschen und handlungsfähig bleiben, wenn ein Virus scheinbar alle eingespielten Alltage und lebenswichtige Prozesse zum Erliegen bringt?“ Denn Gründe für soziale Auseinandersetzungen bestehen weiterhin, in sie ist aber mit Corona eine neue Dimension des Umkämpftseins sozialer Verhältnisse eingeschrieben: „ Wer von der Corona-Politik geschützt wird, ist umkämpft.“ In dem Sammelband geht es aber auch um die widersprüchlichen Beziehungen, die Corona als Gesellschaftszustand auf Fragen angestrebter Veränderung hat. Und so geht es unter anderem um „Möglichkeiten und Herausforderungen sozial-ökologischer Transformation in der Corona-Krise“, um „Rechte Entwicklungen in der Pandemie“ um verschiedene Dimensionen von „Solidarität in pandemischen Zeiten“ und um soziale Alltagserfahrungen, ob nun bei der Lohnarbeit, an den Grenzen oder in den Städten. Außerdem ist dem Band eine kurze Reflexion des Monitoring-Projekts beigefügt.


Ein weiterer, neu erschienener Sammelband hatte ursprünglich eine ganze andere Intention, nämlich „die Frage, ob die Globalisierungskritik, wie sie vor zwei Jahrzehnten formuliert wurde, noch auf der Höhe der Zeit ist“. Herauskommen sollte eine Zeitdiagnose aus dem Wissenschaftlichen Beirat von Attac, in der in den Blick genommen werden sollte, was sich seit der Gründung des globalisierungskritischen Netzwerkes im Jahr 2000 verändert hat. „Aber dann kam Corona“, heißt es in der Vorbemerkung zu dem im Hamburger VSA Verlag erschienen Bandes. Dennoch: „Der Tsunami an Erfahrungen, wie sie den heute lebenden Generationen hierzulande bislang unbekannt waren, die heftigen Emotionen, die damit einhergehen und die oft noch heftigeren Debatten in der Gesellschaft quer durch alle politischen Lager waren ein Grund, den Band jetzt zu veröffentlichen und sich damit in die Auseinandersetzung einzumischen.“
In einem einleitenden Text wird der Versuch unternommen, „verschiedene Stränge der Krisendiskussionen zusammenzuführen und deren Zusammenhänge untereinander zu beleuchten“. In dieses „große Bild“ wird dann die Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Verhältnisse eingeschrieben. „Die Pandemie wirkt noch einmal wie ein Brandbeschleuniger. Die einzelnen Krisensymptome treten noch schärfer hervor, bestehende Probleme vertiefen sich, Abwärtsspiralen beschleunigen sich“, heißt es in dem Band. Behandelt werden in den folgenden Einzelbeiträgen eine Vielzahl von Fragen, angefangen von Krieg und Frieden, der Krise der Demokratie oder der Arbeitswelt – und immer auch die nach der Rolle der Linken darin. Ein verbindender Gedanke dabei: Eine andere Welt ist weiterhin als möglich zu betrachten, die Debatte um geeignete Transformationskonzepte geht weiter.
Noch etwas warten muss man auf das neue Buch von Karl Heinz Roth, der das Pandemie-Geschehen und seine widersprüchliche, konfliktreiche politische Bearbeitung aus einer globalen Perspektive betrachtet. Der Mediziner und Historiker stellt laut Verlag „das Geschehen aus einer globalen Perspektive dar, berichtet über die Vorgeschichte, die bis in die 2000er Jahre zurückreicht, analysiert die Ausbreitung und die Dynamik von Covid-19 und erörtert die Eigenschaften und Auswirkungen der Pandemie auf den Menschen. Er thematisiert die Gegenmaßnahmen, die dabei zutage getretenen Versäumnisse und die mentalen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns“. Das Buch ist für Januar angekündigt. PR

 


 

Corona-Monitor (Hg.): Corona und Gesellschaft. Soziale Kämpfe in der Pandemie, Mandelbaum Verlag 2021, 280 Seiten, 18 Euro.

Alex Demirovic u.a. (Hg.): Das Chaos verstehen. Welche Zukunft in Zeiten von Zivilisationskrise und Corona? VSA Verlag Hamburg 2021, 224 Seiten, 16,80 Euro.

Karl Heinz Roth: Blinde Passagiere. Die Corona-Krise und ihre Folgen, Verlag Antje Kunstmann 2022, 480 Seiten, 28 Euro. Erscheint im Januar.