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#21 - Antifaschismus ist gemeinnützig – was denn sonst

Liebe*r Leser*in,

wieder beginnt eine Woche mit neuen Einschränkungen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Ich denke, wir alle blicken mit sehr gemischten Gefühlen auf die Entwicklung der Infektionszahlen. Einerseits wissen wir, dass schnelles, wirksames Handeln jetzt nötig ist, um Schlimmeres zu verhindern. Andererseits denken wir an die vielen, deren soziale und ökonomische Sorgen nun wieder größer werden. Umso wichtiger ist es, soziale und solidarische Lösungen zu finden. Dafür setze ich mich weiter ein.

Es gibt neben der Pandemie, die uns tagtäglich viele Stunden Beschäftigung abverlangt, manchmal aber auch noch andere Termine. Über einen, der mir besonders am Herzen liegt, soll es heute in meinem Newsletter gehen: Am Mittwoch wird Günter Pappenheim der Thüringer Verdienstorden für sein antifaschistisches Engagement verliehen. Eine Würdigung für seine Arbeit unter anderem als Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora sowie als erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora. Eine Verbeugung für ein Engagement über viele viele Jahrzehnte.

Als 19-Jähriger war er unter jenen Überlebenden des KZ Buchenwaldes, die auf dem Ettersberg bei Weimar am 19. April 1945 den Schwur leisteten: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.« Günter Pappenheim hat sich zeitlebens für Aufarbeitung und Erinnerung eingesetzt, er hat die Stimme erhoben gegen alte und neue Nazis, gegen die Verharmlosung der Rechtsradikalen, gegen das Vergessen. Solidarität, Freiheit und Menschlichkeit sind sein Kompass. Ein Mahner gegen Nationalismus und völkischem Denken, Rassismus und Antisemitismus. Und ein Freund.

Am Tag des Tabubruchs von Erfurt, als Konservative im Bündnis mit Faschisten den FDP-Mann Kemmerich zum Ministerpräsident machten, habe ich an Günter Pappenheim denken müssen. Später, nachdem die Proteste vieler demokratisch gesinnter Menschen, vieler Linker und Antifaschist*innen gegen diesen Rechtsputsch erfolgreich waren, schrieb er mir. Sein Brief hängt in meinem Büro und erinnert mich jeden Tag daran, wie wichtig unser aller Engagement gegen Rechts ist.

Mir fällt an dieser Stelle noch ein anderer Brief ein, den Günter Pappenheim geschrieben hat: an Olaf Scholz, den Bundesfinanzminister. Das war vor ungefähr einem Jahr, und der Anlass dafür ist auch für mich immer noch unfassbar. Der größten überparteilichen Organisation von Verfolgten des Naziregimes, der VVN/BdA, ist seinerzeit die Gemeinnützigkeit entzogen worden - unter Berufung auf einen höchst fragwürdigen Bericht des Inlandsgeheimdienstes in Bayern.

Bis heute ist dieser Skandal nicht behoben worden. Wenn ich noch einmal lese, dass Günter Pappenheim in unseren Zeiten schreiben muss, dass er sich »schäme, meinen Kameraden sagen zu müssen, dass wir in Deutschland, das sich rühmt, ein freiheitlich demokratischer Rechtsstaat zu sein, regierungsamtlich wieder Verfolgte sind«, kommen mir die Tränen.

Günter berichtet in dem Brief, wie sein Vater Ludwig Pappenheim als jüdischer Sozialdemokrat von den Nazis bestialisch ermordet wurde. Und er fragt den Sozialdemokraten Scholz, wie er anderen Überlebenden erklären soll, »dass in Deutschland Antifaschismus nicht gemeinnützig, weil politisch ist?«

75 Jahre nach der Befreiung vom NS-Terror, In Zeiten, in denen rechter Terror und rassistische Hetze das Leben von Menschen bedrohen, ist Erinnerung an die NS-Verbrechen und Gedenken an die Opfer wichtiger denn je. Nie wieder! Der VNN/BdA leistet in diesem Sinne unverzichtbare Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Dieses Engagement als extremistisch zu diffamieren, wie es der bayrische Verfassungsschutz tut, läuft auf eine infame und inakzeptable Gleichsetzung von Antifaschist*innen mit Rechtsradikalen hinaus. Darauf auch noch den Entzug der Gemeinnützigkeit des VNN/BdA zu gründen, ist politisch gefährlich und darf nicht hingenommen werden.

Wer sich für eine demokratische und offene Gesellschaft einsetzt, hat meine volle Unterstützung. Antifaschismus ist gemeinnützig - was denn sonst.

Deine Susanne


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Pressesprecherin

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