Nr. 18/2011: Gedenken und Bekräftigen von gemeinsamen Bekenntnis „Nie wieder!“
Gegen Nazi-Ungeist, der am Jahrestag der „Nürnberger Gesetze“ vor dem Thüringer Landtag aufmarschieren will
Am 15.9.1935 wurden im faschistischen Deutschland die antisemitischen „Nürnberger Gesetze“ beschlossen. Genau 76 Jahre später, am 15.9.2011, wollen die Neonazis der NPD in Erfurt vor dem Gebäude aufmarschieren, in dem die Gestapo, berüchtigte Folter- und Mordtruppe der Nazis, ihren Sitz hatte - und auch das sogenannte Judenreferat. Von hier wurde die „kalte Administration und die tödliche Deportation“ vorgenommen. Bodo Ramelow wandte sich an die Landtagspräsidentin für ein „Gedenken und Bekräftigen eines gemeinsamen Bekenntnisses zum ‘Nie wieder!’“ am 15. September vor dem „heutigen Zentrum der Demokratie“.
15.9.1935: Während des 7. Reichsparteitages der NSDAP, zynisch „Parteitag der Freiheit“ genannt, beschließt der Reichstag einstimmig zwei antisemitische Gesetze. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ verbietet Ehen zwischen „Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ und Juden. Das „Reichsbürgergesetz“ bestimmt, dass Menschen „nicht deutschen oder artverwandten Blutes“ von der deutschen Reichsbürgerschaft ausgeschlossen sind.
1940: Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) zieht ins Behördenhaus des preußischen Regierungsbezirks Erfurt (heute Fraktionsgebäude des Landtags). Im Keller werden Gefangene der Gestapo eingekerkert und gefoltert. Von u.a. folgenden Erfurter Gestapo-Leuten ist die direkte Beteiligung am Holocaust bekannt:
- Alfred Becu gehört ab 1935 zur Gestapo Erfurt. Er ist 1941/42 bei der Einsatzgruppe 2 in Riga eingesetzt. Die Einsatzgruppen, von Angehörigen der Gestapo, der Kriminalpolizei oder des Sicherheitsdienstes (SD) geführt, werden ohne Bindung an Recht und Gesetz für „Säuberungsaktionen“ – also Massenmorde – in den von den Nazis okkupierten Gebieten eingesetzt. Ihre Opfer sind Menschen, die dem Feindbild des „jüdischen Bolschewismus“ entsprechen: die politische Intelligenz, vor allem Kommunisten, Juden und Menschen, die nach der Nazi-Ideologie als „rassisch minderwertig“ gelten. Allein in der Sowjetunion werden bis Ende 1941 von den Einsatzgruppen 500.000 Juden ermordet.
- Dr. Hans-Wilhelm Blomberg leitet die Gestapo Erfurt 1938/39. Später ist er Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Tromsö und Bergen (Norwegen). Als Chef der Gestapo Hamburg lässt er 1944/45 Juden ins KZ Theresienstadt deportieren. Er wird von einem britischen Militärgericht in Oslo zum Tode verurteilt.
- Rudolf Eisfeld organisiert und begleitet für die Gestapo in Erfurt Transporte ins Konzentrationslager Theresienstadt. Zeugen schildern seine brutalen Verhöre, bei denen er vor allem Juden beleidigte, bedrohte und misshandelte.
- Gustav vom Felde leitet 1939 zeitweise die Gestapo Erfurt. Vorher hat er ein Einsatzkommando in Stribro geführt. Er wird 1943 als Gruppenleiter zum RSH, Reichssicherheitshauptamt, Berlin versetzt, eine Zentrale des Nazi-Terrors.
- Dr. Hans Fischer gehört ab 1933 zur Gestapo Erfurt und leitet sie 1934/35. Danach führt er 1939 eine Einsatzgruppe in Breslau. 1944 wird Fischer Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Berlin sowie der Schulen der Sicherheitspolizei.
- Gerhard Flesch leitet ab 1939 die Gestapo Erfurt, führt dann ein Einsatzkommando in Posen und Lodz und ist danach Kommandeur von Sicherheitspolizei und SD in Regionen Norwegens. Von einem norwegischen Gericht wird er zum Tode verurteilt, weil er einem KZ-Kommandanten befahl, jüdische Häftlinge zu erschießen.
- Hans Günther ist ab 1937 bei der Gestapo Erfurt. Später gehört er zum RSHA. In Prag leitet er die „Zentralstelle für die jüdische Auswanderung beim Zentralamt für die Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren“.
- Rolf Günther gehört ab 1937 zur Gestapo Erfurt, ist ab 1941 im RSHA Stellvertreter von Adolf Eichmann und nimmt 1942 an einer Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ teil.
- Dr. Erich Isselhorst leitet 1935/36 die Gestapo Erfurt, führt 1942 ein Einsatzkommando der Einsatzgruppe B in Smolensk, zwei Jahre später Befehlshaber von Sicherheitspolizei und SD in Straßburg - 1948 von französischem Militärgericht zum Tode verurteilt.
- SS-Brigadeführer Walter Ortlepp baut ab 1933 die Gestapo in Thüringen auf, ist später Leiter des Thüringer Innenministeriums. Nach dem Krieg zunächst Hilfsarbeiter, erhält er 1962 in der BRD die Zulassung als Rechtsanwalt, schon 1960 werden seine erworbenen Beamtenrechte anerkannt.
15.9.1942: Die Jüdin Johanna Würtenberg geht in den Freitod, denn ihre Deportation mit weiteren 394 meist älteren Menschen aus Thüringen – davon 41 aus Erfurt – ins KZ Theresienstadt steht bevor. Die Erfurter Deportierten werden bei der Meldebehörde am 18.9. abgemeldet und über einen Sammelpunkt am Hauptbahnhof Erfurt nach Weimar und dann nach Theresienstadt gebracht. Nur fünf der Deportierten aus Erfurt überleben.
15.9.2011: Die Neonazi-Partei NPD und „parteiungebundene“ Neonazis rufen für diesen Tag zum „Widerstand gegen die volksfeindliche Politik der Etablierten“ vor dem Thüringer Landtag auf.
Stefan Wogawa
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